Technik

Open-World-Spiel im Test "Horizon Forbidden West" - universelles Fest für die Sinne

Eine postapokalyptische Welt, die von tierförmigen Maschinen kontrolliert wird: Mit "Horizon Forbidden West" bringt Sony fünf Jahre nach dem ersten Teil die langersehnte Fortsetzung auf die Playstation. Kann der zweite Teil der enormen Erwartungshaltung gerecht werden?

In der Unterhaltungsindustrie scheitern viele erfolgreiche Projekte an dem, was danach kommt: der Fortsetzung. Der Vergleich mit dem Vorgänger ist schließlich immer da. Das gilt auch für das Open-World-Spiel "Horizon Forbidden West", das nun fünf Jahre nach "Zero Dawn" als Exklusivtitel für die Playstation erscheint. ntv.de konnte das Spiel vor dem Release testen. Die Entwickler von Guerilla Games schaffen es, mit dem zweiten Teil die selbst so hoch gelegte Latte noch einmal zu überspringen. Das hat zum einen mit der neuen Konsolengeneration zu tun, zum anderen aber auch mit mehr Charaktertiefe, mehr Vielfalt bei den Aufgaben und einer erneut richtig gut erzählten Geschichte.

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Die Maschinen sind die großen Hingucker - auch im verbotenen Westen.

(Foto: Sony)

Die Hauptstory knüpft wenige Monate nach dem ersten Teil an: Die Heldin des Spiels, die Maschinenjägerin Aloy, versucht weiterhin in einer postapokalyptischen Welt mehr über den Untergang der menschlichen Zivilisation zu erfahren. Während sich Aloy dabei auf ihren Fokus, ein Augmented-Reality-Tool, das ihr Daten zur alten Welt übermittelt, verlässt, lebt der Rest der Menschen weiterhin verstreut in steinzeitlichen Stämmen. Maschinen in Form von Tieren und Dinosauriern dominieren die Landschaften. Doch dann bringt eine neue Gefahr das Gleichgewicht aus den Fugen: Eine Seuche in Form von giftigen Ranken und Energiestürme drohen der Menschheit erneut ein jähes Ende zu setzen. Die Lösung des Problems soll im verbotenen Westen liegen. Dort trifft Aloy auf gefährliche Stämme, die abtrünnige Rebellenanführerin Regalla und neue todbringende Maschinen.

Ganz allein muss sie das Abenteuer nicht bestreiten. Dieses Mal stehen ihr wieder mehrere Freunde zur Seite, die viele Spieler aus dem ersten Teil wiedererkennen werden. Der Garde-Soldat Erend oder der Nora-Krieger Varl sind treue Begleiter, die sowohl neue Aufgaben für Aloy bereithalten, als auch mit Speer und Axt in Kämpfen behilflich sind. Der Freundeskreis der Maschinenjägerin wird in "Forbidden West" im Laufe des Spiels um frische Gesichter erweitert. Vielmehr sollte man über die Story auch nicht verraten, schließlich ist sie das Herzstück des Spiels.

Wer den ersten Teil nicht gespielt hat, kann zwar problemlos einsteigen, man fühlt sich möglichweise mit Informationen überladen. Ein kleines Intro wirft zu Beginn einen Blick zurück auf die Geschehnisse in "Zero Dawn" und im Verlauf des Spiels wird immer wieder die Story des ersten Teils angeschnitten, den vollen Durchblick hat man aber nur mit dem ersten Teil. Den kann man natürlich vorab spielen oder sich Zusammenfassungen auf Youtube ansehen.

Gleiten, Greifen, Tauchen

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Den Greifhaken kann man auch in Kämpfen einsetzen, um sich auf erhöhte Positionen zu schwingen.

(Foto: Sony)

Für Neueinsteiger wird trotzdem nochmal in zahlreichen Tutorials erklärt, wie Bogen, Speer und alle andere nützlichen Hilfsmittel zu gebrauchen sind. Wer das Spiel kennt, findet schnell hinein, es gibt aber auch viele Neuerungen, die die Open-World noch umfangreicher wirken lassen. Mit einem Gleitschirm lassen sich jetzt größere Abgründe überbrücken, ein Greifhaken dient zum Erklimmen von steilen Hängen. Vorwiegend kommt er aber in Rätselpassagen zum Einsatz - denn damit lassen sich auch Gegenstände heranziehen, Bruchstellen an Durchgängen und Luftschächte öffnen. Dazu kann Aloy in "Forbidden West" nun auch Tauchen. Das eröffnet in den mit Gewässern überzogenen Landschaften jede Menge neue Möglichkeiten, spannende Quests zu absolvieren. Gleichzeitig gibt es auch Maschinen, die unter Wasser ihr Unwesen treiben. In die Lüfte geht es auch: Einen mechanischen Flugsaurier kann man im Verlauf des Spiels zähmen und als Reittier nutzen.

An viele Elemente des Spiels haben die Entwickler von Guerilla Games erfolgreich geschraubt: Das Kampfsystem ist noch komplexer und bietet jetzt für den Nahkampf deutlich mehr Möglichkeiten, Gegner mit Kombo-Attacken oder aus dem Hinterhalt auszuschalten. Das Waffensystem wurde ebenfalls überarbeitet. An der neuen Werkbank können Bögen aufgerüstet und mit Spulen für besondere Effekte ausgerüstet werden. Säure-, Explosiv- oder Elektrotrefferpunkte der Bögen und Speere lassen sich so für die Jagd auf bestimmte Maschinen noch besser modifizieren.

Durch viele Fähigkeiten, die sich über den Skill-Baum freischalten lassen, wird das Kampfgeschehen noch vielfältiger. Die Schwerpunkte liegen auf Nahkampf, Fernkampf, Fallenstellen, Tarnung, dem Umgang mit Maschinen und Regeneration. In jedem Bereich lassen sich sogenannte Mut-Stöße freischalten. Dieser kann ausgelöst werden, wenn Aloy im Kampf Schaden erleidet oder austeilt. Die Fähigkeiten reichen von einer starken Tarnfunktion, Kettenangriffen im Nahkampf bis hin zu diversen Spezialschüssen mit Bogen und Armbrust. Das Feature ist eine echte Bereicherung und wird immer mit einer kleinen Minisequenz eingeleitet. Aloy streicht sich dann mit den Fingern eine Art Kriegsbemalung ins Gesicht. Da weiß man: Jetzt wird's ernst. Besonders gegen Gruppen von Gegnern oder besonders große Maschinen kann man hier den Schaden erhöhen, mehrere Feinde gleichzeitig ausschalten oder auf den letzten Drücker die nötige Deckung finden.

Viva Las Vegas und California Dreamin'

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Aloy streift durch die Ruinen der Zivilisation.

(Foto: Sony)

Die Welt, in der sich Aloy bewegen darf, ist wieder ein optisches Sahnestück für jeden Gamer. Alles ist nochmal größer, detaillierter und lebendiger. Wäre man nicht so von Quests und Story getrieben, man könnte das Spiel auch schlicht für virtuelle Spaziergänge nutzen. Beim Streifzug oder Ritt durch die Wüsten-, Dschungel-, Steppen- und Winterlandschaften ist das nächste Postkartenbild immer voraus. Und das wird auf Dauer nicht langweilig, weil die Welt so abwechslungsreich gestaltet ist und immer wieder mit Bildern aus der Gegenwart spielt. Beispielsweise ist der "verbotene Westen" im Spiel die postapokalyptische Westküste der USA und die anschließenden Bundesstaaten Nevada und Utah. Den Spieler verschlägt es so in ein in der Wüste versunkenes Las Vegas und auch in ein vom Meeresklima zurückerobertes San Francisco. Überall lassen sich dort deren rudimentäre Wahrzeichen erkennen.

Und obwohl diese Metropolen verweist sind, steckt überall Bewegung drin. Umwelteinflüsse, Flora, Fauna, dazu der Tageszeitenwechsel und Wettererscheinungen - alles sorgt dafür, dass sich die verschiedenen Areale ständig verändern. In den Siedlungen der Menschen herrscht deutlich regeres Treiben als noch in "Zero Dawn". Die 40 verschiedenen Maschinen, deren mechanische Abbildungen von Pavian über Fledermaus bis Velociraptor reichen, sind ohnehin richtige Hingucker.

Was absolutes Next-Level repräsentiert, ist die Mimik der Figuren in Dialogen und Zwischensequenzen. Fältchen, Muskelzucken, Blinzeln und Augenausrichtung - der Detailgrad bei den Gesichtsanimationen ist so enorm hoch, dass es stellenweise unheimlich wirkt, weil man das aus Videospielen in dieser Fülle gar nicht kennt.

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Aloy trifft alte Bekannte und schließt neue Freundschaften.

(Foto: Sony)

Und ja, auf der Playstation 5 sieht das natürlich nochmal einen ganzen Zacken besser aus als auf der Playstation 4. Aber auch auf der PS4 kommt die Atmosphäre der Welt beeindruckend gut rüber. Die Ladezeiten bei der Schnellreise sind beispielsweise etwas länger und auch das Feature der haptischen PS5-Controller lässt sich nicht auf die Vorgängerkonsole übertragen. Aber das sind eher kleine Benefits, denn "Forbidden West" ist auch für die PS4 ein herausragendes Spiel.

Es gibt so viel zu entdecken

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In "Maschinenstreit" sind Taktiker gefragt

(Foto: Sony)

Abseits der Hauptstory - die gut und gerne 30 Stunden in Anspruch nimmt -gibt es allerhand zu tun. Die Fülle und Vielfalt der möglichen Nebenquests ist enorm: Jagdaufträge, Arenakämpfe, Brutstätten der Maschinen oder Rebellenlager ausschalten, Relikte aus der alten Welt sammeln, Kletterpassagen und so vieles mehr. Einige Formate aus dem Vorgängerteil finden sich auch in "Forbidden West" wieder. Viele wurden teilweise verbessert oder modifiziert. Dazu kommen neue Möglichkeiten wie Maschinenrennen, gefühlt ein Kentucky Derby mit Vollkontakt. Zudem haben die Entwickler noch ein Brettspiel ins Spiel integriert. "Maschinenstreit" ist eine Kombination aus Schach und Tabletop auf einem zweidimensionalen Spielfeld. Der Ansatz hatte schon mit "Gwent" in "The Witcher 3" funktioniert und ist auch in der Horizon-Welt eine willkommene Abwechslung.

Quasi an jeder Ecke warten solche Randmissionen, die von der Hauptaufgabe weglocken. Doch zum einen sind sie je nach Schwierigkeitsgrad - und davon gibt es gleich vier - notwendig, um Aloy auf das nötige Level zu bringen. Zum anderen steckt in jeder Mission viel Liebe drin. Das liegt auch an den nicht spielbaren Charakteren (NPC), die Aloy mit ihrem Anliegen konfrontieren. Alle haben für NPCs einen richtigen guten Look, der gleicht vermittelt, dass die Idee dahinter keine Blaupause ist. Obendrein kann es selbst beim ziellosen Durchstreifen der Welt zu zufälligen Ereignissen kommen: Mal läuft man in den Hinterhalt von Rebellen, ein anderes Mal steckt man mitten in einem Angriff der Maschinen.

Alles toll also? Naja, es gibt Kleinigkeiten, die man als Schwächen auslegen kann, aber nicht muss. Der Story fehlt der ganz große Wow-Effekt, den der erste Teil zu bieten hatte. Der Fokus liegt auf der Tiefe der Charaktere und der Fülle an Informationen über den verbotenen Westen. Das wird vor allem über die Dialoge transportiert. Und die können sehr langatmig sein. Klar, man kann sie skippen, aber dabei gehen dann auch nützliche Infos verloren. Zudem gab es auch einige technische Problemchen. Im Test ging es an zwei Stellen mit der Hauptstory nicht weiter, es gab keine Option, Gespräche zu führen oder das Areal zu verlassen. Nach einem Neustart des letzten Speicherpunkts funktionierte es dann wieder. Mit dem Release soll es auch einen ersten Patch geben, der solche Probleme behebt.

Hoffnung zwischen Terminator und Witcher

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Bei "Horizon Forbidden West" ist das allerdings Meckern auf ganz hohem Niveau. Musik, Vertonung, Synchronisation, Lichteffekte - von der Atmosphäre stimmt hier alles. Das Spiel ist ein universelles Fest für die Sinne, besonders fürs Auge. Es bietet genau das, was man sich von einer Open-World erhofft: Abwechslungsreicher Spielspaß, tolles Gameplay und eine packende Story. Beim Test musste ich immer wieder an Terminator denken, also den Film. KI-gesteuerte Maschinen übernehmen die Welt. Eine Suppe, die sich die Menschen selbst eingebrockt haben und nun versuchen, das unvermeidbare noch abzuwenden. Man findet nicht nur im Ansatz Parallelen, sondern auch in der Entwicklung. Der erste Film war 1984 für Science-Fiction in der Unterhaltungsindustrie eine bahnbrechende Geschichte und der zweite sieben Jahre später - nun ja - der war ein gelungener nächster Schritt. So ist es auch mit der Horizon-Reihe.

Ähnlich wie bei "The Witcher" mit dem Spinoff-Game "Gwent" und der Netflix-Serie hat sich Sony mit dem Exklusivtitel nun die Grundlage für ein Universum geschaffen, dass zwischen Spiel, Film und Fernsehen transzendieren kann. Und was die Videospielreihe angeht kann man zumindest ohne viel vorweg zu nehmen sagen, dass es bei Aloy am Ende nicht "Hasta la vista, Baby", sondern "I'll be back" heißt.

"Horizon Forbidden West" erscheint am 18. Februar für Playstation 4 & 5.

Quelle: ntv.de

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