Technik

Action-Epos "Ghost of Tsushima" Kunstvoll tropft das Blut von Kirschblüten

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Eine Bildkomposition wie gemalt: Samurai Jin in "Ghost of Tsushima".

(Foto: Sony)

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte: In "Ghost of Tsushima" verbinden sich Samurai-Action mit kunstvoll gestalteten cineastischen Bildsequenzen. Die historisch angehauchte Geschichte um die Rückeroberung einer japanischen Insel bietet Spielspaß, geht in vielen Teilen aber auf Nummer sicher.

Wäre Caspar David Friedrich noch am Leben und hätte etwas für Videospiele übrig, an "Ghost of Tsushima" wäre er nicht vorbeigekommen. Der einsame Protagonist in einer weiten und überwältigenden Landschaft - dieses Bild hätte dem bedeutendsten deutschen Maler der Frühromantik sicher gefallen. Und diesen Stil findet man im Blockbuster-Spiel aus dem Hause Sucker Punch fast schon im Übermaß. Die beeindruckende Optik paart sich dazu mit kultigen Elementen asiatischer Historienfilme in einer packenden Story. Der Sony-Exklusivtitel für die Playstation macht so vieles richtig - und muss sich dennoch einen großen Vorwurf gefallen lassen.

Die Geschichte von "Ghost of Tsushima" spielt im feudalen Japan des Jahres 1274. Samurai-Krieger gelten als legendäre und ehrbare Beschützer des Landes - bis das furchterregende Volk der Mongolen auf der Insel Tsushima einfällt, Chaos anrichtet und die lokale Bevölkerung unterwirft. Als einer der letzten überlebenden Samurai schlüpft der Spieler in die Rolle von Jin Sakai, mit der Aufgabe, die Invasion durch den Mongolen-Anführer Khotun Khan zu stoppen.

Für den Protagonisten beginnt ein innerer Konflikt, der sich durch das ganze Spiel zieht. Denn die edlen Taktiken der Samurai scheinen gegen die Mongolen erfolglos. Jin muss sich über seine Traditionen hinwegsetzen, um eine neue Art des Kampfes zu erfinden. Statt des offenen Duells, Mann gegen Mann, schleicht und meuchelt er wie ein Attentäter. Aus dem edlen Krieger wird ein verschlagener Geist.

Heißer Ritt durchs Pampasgras

Die Open-World von Tsushima trumpft vor allem mit einer genialen Optik auf. Dabei ist nicht die Grafik an sich entscheidend, sondern die Bildgestaltung. Wer genau hinschaut, wird abseits der Zwischensequenzen eine eher schwammige Auflösung bemerken, der Spieler wird aber stets dazu verleitet, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Japans farbenfrohe Natur findet sich in all seinen Elementen auf der Insel wieder, Lichteffekte und Wetterwechsel setzen sie wunderbar in Szene. Ob nun im Bambuswald, an der rauen Felsküste oder auf Feldern voller Pampasgras - bei den Landschaften schwingt immer eine gewisse Harmonie mit.

Die steht dann im Kontrast zu den brutalen und gnadenlosen Kämpfen. Mit Katana-Schwert, Bogen, sowie explosiven Wurfgeschossen metzelt sich Jin durch Gegnerhorden. Bildgewaltig sind dann nicht nur die klirrenden Schwertkämpfe, sondern auch das Drumherum. Während das Blut explosionsartig nur so spritzt, wehen stets Kirschblüten, Blätter, Asche oder Glut durchs Bild.

Die Kämpfe sind auch das kleine Highlight am eher branchenüblichen Open-World-Gameplay. Die Entwickler binden mit einem Kniff japanische Kampfstile der Samurai in ein leicht umsetzbares System aus Angreifen, Blocken und Parieren ein. Je nach Gegnertyp sollte die Kampfhaltung angepasst werden, besonders bei Kämpfen gegen mehrere Gegner - und das kommt häufig vor - orientiert sich der Kampfstil an der Waffe der Gegner. Die Deckung von Schildträgern muss beispielsweise mit einer anderen Technik durchbrochen werden, als die von Speerkämpfern. Bestimmte Schlagkombinationen und Spezialattacken lassen sich dafür im Verlauf der Geschichte freispielen und sorgen für eine Menge Vielfalt beim Kampfsystem.

Neben der Hauptstory, in Duellen und Hordenschlachten die Insel zu befreien, geht es in zahlreichen Nebenquest deutlich ruhiger zu. Heilende Bäder ausfindig machen und dort über das Leben sinnieren, an Fuchs-Schreinen beten oder Haikus verfassen - der Spieler darf in "Ghost of Tsushima" tatsächlich auch mal die Seele baumeln lassen. Geleitet wird Jin in seinem Abenteuer stets vom Wind. Die Entwickler setzen nämlich nicht wie gewohnt in Open-World-Spielen auf vorgezeichnete Routen und eine Mini-Map. Durch Streichen des Sensorfelds entstehen im Spiel Windströme, die den Weg weisen.

Nur ein "Assassin's Creed"-Abklatsch?

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Standard ist dann dagegen wieder der überschaubare Skill-Baum und das Crafting-System, um Waffen und Ausrüstung zu verbessern. Um das Outfit optisch aufzupimpen, kann der Spieler Blumen sammeln, aus denen die notwendige Farbe gewonnen wird.

Beim Fazit zum Spiels hätte der zockende Caspar David Friedrich wohl auch gesagt: Alles eine runde Sache, aber wirklich neu ist das ja nicht. Und den Vergleich, "Ghost of Tsushima" folge in seiner Mechanik den klassischen Vertretern des Genres und sei eine Art "Assassin's Creed" im Samurai-Stil, müssen sich die Entwickler gefallen lassen. Die Parallelen zur Ubisoft-Reihe sind an vielen Ecken dann doch deutlich zu erkennen.

Das degradiert den Sony-Titel am Ende aber nicht zu einer kunstvollen Fälschung oder einem "Assassin's Creed"-Nachahmer. Stundenlanger Spielspaß in einer fesselnden Story aus Ehre, Japan-Kult und Verrat - die Mischung stimmt in "Ghost of Tsushima". Zur Not bleibt ja auch noch der Kameramodus, um seinen eigenen kleinen "Caspar David Friedrich"-Moment zu erschaffen - Gelegenheiten dafür liefert das Spiel ohne Ende.

Quelle: ntv.de