Wirtschaft

Fatale Fliehkräfte Brexit ist Grexit hoch zehn

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Laut Umfragen liegen die Brexit-Befürworter vorne.

(Foto: REUTERS)

Ein EU-Austritt Großbritanniens wird immer wahrscheinlicher. Die meisten Kontinentaleuropäer lässt das Thema trotzdem kalt. Eine Fehleinschätzung. Ein Brexit wäre viel schlimmer als ein Grexit.

Warum hatte die Grexit-Debatte eigentlich so viel mehr Feuer als die Brexit-Debatte? Die Griechenland-Krise hatte jeden gepackt. In Nacht- und Nebelaktionen feilten Politiker damals an Plänen, tags darauf wurden sie lautstark diskutiert. Jetzt beginnen allenfalls die Finanzmärkte nach langer Abstinenz nervös zu zucken. EU-Politiker halten sich auffallend zurück. Mit einem Brexit lassen sich keine Massen mobilisieren, auf dem Kontinent taugt er nicht als Gesprächsstoff.

Das ist erstaunlich, denn Großbritannien hat mit 2,5 Billionen Euro das zweitgrößte Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der EU - direkt nach Deutschland. Griechenlands BIP schrumpfte zwischen 2010 und 2015 von 220 auf 170 Milliarden Euro - das ist vergleichsweise ein Klacks. Das britische BIP wiegt heute 15 Mal schwerer als das von Griechenland. Trotzdem wirken die meisten EU-Bürger entspannt. Laut einer Umfrage soll sogar nur jedes fünfte Unternehmen vorgesorgt und im Falle eines Brexit einen Plan B in der Schublade haben.

Auch wenn er nicht so offensichtlich ist wie im Fall von Griechenland: auch beim Brexit stellt sich die Frage nach dem Preis. Kommt es zu einem britischen Austritt aus der EU, werden die verbliebenden EU-Länder den Wegfall der Beiträge des zweitgrößten Nettozahlers anteilig ausgleichen müssen. Die Bertelsmann Stiftung hat berechnet, dass dadurch allein auf Deutschland zusätzliche Ausgaben in Höhe von rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr zukommen. Das scheint zunächst gering. Die Hilfen für Griechenlands aus den Rettungspaketen summieren sich auf rund 243 Milliarden Euro. Aber die jährlichen Zuzahlungen für Großbritannien sind nicht alles. Auch das BIP der EU wird schrumpfen.

Der Austritt Großbritanniens könnte Turbulenzen auf den Finanzmärkten sowie eine Abwertungen des Pfunds und des Euro nach sich ziehen, warnt DIW-Chef Marcel Fratzscher. Auch heftige Spekulationen gegen die Eurozone wie im Sommer 2012 bei der Griechenland-Rettung seien denkbar. Die Kreditzinsen könnten steigen, was die Investitionen bremsen würden. Sowohl die Bank of England als auch die EZB stehen für solche Nachwehen des Votums angeblich bereit, wie der französische Notenbankchef Francois de Galhau am Wochenende versicherte.

Nüchterne Verfechter des freien Handels

Auch aus anderen Gründen ist der Verlust von Großbritanniens für die EU nur schmerzlich zu verkraften - und ein Brexit viel bedeutsamer als ein Grexit. London ist ein wichtiges Korrektiv für Brüssel. Die alte Seefahrernation hat genervt, aber sie hat aufrecht für freie Wirtschaft und Handel gekämpft. Verliert die Union das Königreich auf der Insel, würde sich die Balance hin zu Mitgliedstaaten mit hohem staatswirtschaftlichem Anteil verschieben. Zudem waren die Extrawürste für London auch immer ein Gradmesser dafür, wie es möglicherweise auch anderswo in der EU um die Befindlichkeiten in Sachen europäische Integration bestellt ist.

Ohne das britische Netzwerk im Commonwealth und das Militär der Briten wird Europas Außen- und Sicherheitspolitik schwächer. Die Briten haben immer westliche Werte verteidigt - zum Beispiel gegen Russland oder China. Definitiv schmerzlich für die EU dürfte werden, dass die Nation, die nach Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft um ein Viertel schwächer ist, immer ebenso viel Geld anbietet, wenn die EU um militärische Beiträge bittet, wie Deutschland. Wie Großbritannien sich nach einem EU-Austritt positionieren wird, ist unklar.

Trotz all dieser Punkte weckt die britische Absatzbewegung aber keine Leidenschaft bei den Kontinentaleuropäern. Beobachter stellen sich allenfalls die Frage, warum die Inseleuropäer sich das eigentlich antun wollen. Die EU dagegen könne auch gut ohne, heißt es oft. Möglicherweise liegt die Erklärung, dass der Brexit im europäischen Bewusstsein eher ein Non-Event ist, im jahrelangen Grexit-Gerangel. Die Menschen haben gelernt, dass eine Exit-Debatte noch lange keinen Exit nach sich zieht. Nach dem Motto: "Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird."

Grexit weckte Leidenschaften

"Der Grexit war ein emotionales Thema in Deutschland, an dem viele Beobachter sich abarbeiten konnten, gelegentlich mit einer Prise Schadenfreude", versucht es Holger Schmieding im Gespräch mit n-tv.de zu erklären. Es war vor allem der Euro, an dem sich die Gemüter erhitzten - Großbritannien hat keinen Euro. Allerdings könnten die Auflösungserscheinungen der EU sehr schnell auf die Eurozone übergreifen. Die Dinge hängen enger zusammen, als es auf der Landkarte aussieht.

Ein Votum für einen Brexit am 23. Juni könnte vor allem ein "historisch einmaliger Schock" werden, wie Michael Wohlgemuth, Ökonom und Direktor der Denkfabrik Open Europe, die den britischen Konservativen nahesteht, sagt. Er erwartet eine lange Zeit der Unsicherheit, die auch die Unternehmen in der EU betreffen wird. Der britische Premier David Cameron spricht bereits von einem "verlorenen Jahrzehnt".

Selbst wenn die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen sollten, wird das Exit-Theater weitergehen. "Dieses Referendum wird nicht das Ende sein", sagt der Labour-Abgeordnete und Chef der britisch-deutschen Parlamentariergruppe, Paul Farrelly, n-tv.de. Das hätten die Befürworter eines EU-Austritts bereits angekündigt. "Sie werden bis zum letzten Atemzug versuchen, eine neue Abstimmung durchzusetzen."

Schottland, Niederlande, Frankreich

Hinzu kommt, dass die britische nicht die einzige Absatzbewegung in Europa ist. Die nächsten Spannungen dürfte es geben, wenn die Schotten mehrheitlich für die EU sind, nachdem die Engländer gegen die EU gestimmt haben. Für diesen Fall haben schottische Poltiker bereits ein weiteres Unabhängigkeits-Referendum angedroht. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schaut bereits mit einem Stirnrunzeln in Richtung Niederlande. Wie werden sie, die traditionell sehr stark mit Großbritannien verbunden sind, reagieren? DIW-Chef Marcel Fratzscher befürchtet ähnliche Referenden in Euroländern wie Frankreich und Italien. Diese beiden Staaten sind nach dem BIP die dritt- und viertmächtigsten Mitgliedstaaten der EU. Absatzbewegungen in diesen Kernstaaten würden eine noch gefährlichere Unsicherheit bringen als ein Brexit, warnt der Ökonom. Von der Frage, wer in der EU bleiben wolle bis hin zur Frage nach dem Fortbestand des Euro, sei es nur noch ein kleiner Schritt.

Egal, ob es zum Brexit kommt oder nicht, das Exit-Thema wird Europa erhalten bleiben. Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National (FN) hatte es angesichts der Grexit-Debatte vor einem Jahr so formuliert: "Heute reden wir über den Grexit, morgen wird es der Brexit sein und am Tag nach dem Morgen der Frexit. Wir haben ein paar Monate Aufschub gewonnen, aber das Problem wird zurückkommen." Sie hat recht behalten. Schon bald könnte die Grexit-Debatte wieder auf der Agenda stehen. Denn über dem Berg ist Griechenland immer noch nicht.

Quelle: n-tv.de

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