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Schweden zeigt Mut zur Lücke Warum Sechs-Stunden-Arbeitstage gut sind

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Produktivität ist was anderes: Wer länger arbeitet, verzettelt sich gern.

REUTERS

Wer 40 oder gar 60 Stunden pro Woche im Büro verbringt, träumt vielleicht von Schweden. Dort experimentieren Kommunen und Unternehmen schon lange mit der 30-Stunden-Woche. Trotzdem bleibt sie die Ausnahme.

Sechs-Stunden-Arbeitstage - das klingt für viele Arbeitnehmer wie Musik in den Ohren. Acht, neun und mehr Stunden am Stück arbeiten, das laugt die Batterien aus. Was nach der Arbeit kommt, ist häufig nur noch trostlos.

Forscher predigen schon lange, dass so ein Leben ungesund ist. Studien belegen: Eigentlich können Menschen nur vier bis fünf Stunden konzentriert und produktiv arbeiten. Dass ab 40 Arbeitsstunden in der Woche die Qualität der Arbeit erheblich sinkt, wusste sogar schon Henry Ford - und das 1914. Dass es auch anders geht, versuchen Kommunen und Unternehmen in Schweden zu beweisen. In dem Königreich sind die Gewerkschaften traditionell sehr stark. Sie setzen sich schon lange für geringere Arbeitszeiten ein.

In der zweitgrößten schwedischen Stadt Göteborg zeigen deshalb besonders viele Arbeitgeber Mut zur Lücke. Seit 2012 ist der Sechs-Stunden-Arbeitstag fester Punkt im Parteiprogramm der Vänsterpartiet (Linkspartei). Göteborg sollte dem Rest Schwedens einen Fingerzeig geben, dass es funktionieren kann. Kommunale Angestellte im Gesundheitswesen, aber auch Mitarbeiter einer privaten Fabrik und einem Tech-Startup - sie alle arbeiten nur noch 30 statt 40 Stunden pro Woche. Mit vorzeigbaren Ergebnissen.

Das Svatedalens-Altenheim zum Beispiel hat den Schichtplan für seine Mitarbeiter im Februar vergangenen Jahres umgestellt. Die Bilanz nach einem Jahr: Das Pflegepersonal ist zufrieden. "Ich habe viel mehr Energie für meine Arbeit und meine Familie", sagt die Assistenz-Schwester Lise-Lotte Petterson dem "Guardian". Auch die Betreuung der Patienten habe sich verbessert, heißt es im Jahresbericht der Einrichtung.

Produktiver und weniger krank

Die Rückmeldungen von der Orthopädie-Station im Sahlgrenska Universitätsklinikum, wo 89 Ärzte und Krankenschwestern nur noch 6-Stunden-Schichten schieben, klingen ähnlich. In beiden Fällen sind aber auch die Kosten gestiegen. Wie das Krankenhaus gegenüber der "New York Times" einräumte, mussten 15 neue Mitarbeiter eingestellt werden, damit die Station rund um die Uhr besetzt ist. Das Svatedalens-Altenheim musste 14 neue Mitarbeiter einstellen.

Trotzdem sind sich beide Arbeitgeber einig: Unterm Strich überwiegen die Vorteile. "Seit den 90er-Jahren gab es immer nur mehr Arbeit und weniger Mitarbeiter", sagt die Leiterin des Svatedalens-Altenheims, Ann-Charlotte Dahlbom Larsson. Es sei so nicht weitergegangen. Der Krankenstand sei hoch und das Fehlen einer ausgeglichenen Work-Life-Balance für niemanden gesund gewesen. Die Ärzte sind ebenfalls zufrieden: Der bis dahin hohe Krankenstand ging zurück. Es wird mehr operiert, die Wartezeiten für Patienten sind kürzer, die Produktivität ist gestiegen.

Versuche mit Sechs-Stunden-Arbeitstagen sind in Schweden nichts Neues. Medien haben immer wieder darüber berichtet. Das Toyota-Werk, ebenfalls in Göteborg, führte dieses Arbeitszeitmodell sogar schon vor 13 Jahren ein. Statt von 7 Uhr morgens bis 16 Uhr arbeiten die Mechaniker seitdem in zwei Sechs-Stunden-Schichten mit weniger und kürzeren Pausen. Die einen beginnen um 6 Uhr, die anderen um 12 Uhr. Es sei leichter, neues Personal zu finden, zieht Direktor Martin Banck für den "Guardian" Bilanz.

Auch deutlich kleinere Unternehmen sind bereits auf die Sechs-Stunden-Tage gekommen. Beim Internet-Startup Brath, mit Büros in Stockholm und Örnsköldsvik, arbeiten die 22 Angestellten seit 2013 auf einer 30-Stunden-Woche. Auch hier betont die Chefin Maria Brath den Wettbewerbsvorteil. Sie bekämen nicht nur das bessere Personal, die Leute würden auch länger bleiben. Und das Unternehmen produziere genauso viel, wenn nicht sogar mehr, wie seine Wettbewerber. Die Aussicht, anderswo mehr zu verdienen, würde die kurzen Arbeitszeiten nicht kompensieren, erklärt Brath.

Zu teuer: Das Totschlag-Argument

Von beeindruckenden Produktivitätssteigerungen berichten auch Unternehmen unweit von Göteborg hinter der norwegischen Grenze. In Hemdal zum Beispiel widmen sich Unternehmen und Gewerkschaften seit 2007 dem Projekt für verkürzte Arbeitszeiten bei gleichbleibendem Lohn. Die Großmolkerei Tine verzeichnet Produktionssteigerungen von 50 Prozent.

Trotz aller erfolgreicher Beispiele gibt es aber auch große Rückschläge: Noch in den 90er-Jahren gab es viele derartige Experimente. In Kiruna, einem Bergbaugebiet im äußersten Norden Schwedens, bot der Gemeinderat seinen 250 Angestellten den Sechs-Stunden-Tag an. Es ging um mobile Krankenpflege für ältere Menschen. Die Arbeitszeit der Pflegerinnen sollte besser mit denen ihrer Männer in den Minen korrespondieren. Doch das Modell, das 1989 in Stockholm beschlossen wurde, wurde 2005 wieder abschafft. "Es war eine politische Entscheidung", sagt Brigitta Olsson, Professorin der Lund-Universität.

Schuld war der Rechtsruck in Schweden. Es sei zu teuer, lautete das Argument der neuen Regierung. Es ist das Totschlag-Argument geblieben. Laut Olsson ist es deshalb wichtig, mehr über die Zusammenhänge zu erfahren. "Wie teuer ein Sechs-Stunden-Arbeitstag für ein Unternehmen ist, ist schwer messbar." Warum Mitarbeiter krank werden, lasse sich nicht so leicht feststellen, so Olsson.

Viele Fragen zum Thema sind offen. Das Svartedalens-Altenheim wird deshalb streng kontrolliert und alle Daten mit denen eines vergleichbaren Arbeitsplatzes abgeglichen. Positiv ist laut Ollson, dass mehr Menschen in Lohn und Brot gebracht werden. Die Kosten für die Arbeitslosenversicherung seien niedriger. Allerdings profitiere davon der Staat, nicht die Kommunen, die Mitarbeiter einstellen müssten. Die Vänsterpartiet schlägt deshalb vor, dass Krankenkassen zum Beispiel das Krankengeld, das sie sparen, weil der Krankenstand niedriger ist, den Kommunen überweisen, damit diese zusätzliches Personal einstellen können. Bevor alle Fragen beantwortet und Lösungen gefunden sind, wird das eine oder andere Experiment aber auch schon wieder beendet sein.

Politisch ausgebremst

Die Mitte-Links-Koalition hat in Göteborg keine Mehrheit. Sozialdemokraten und Grüne bilden eine Minderheitsregierung. Das Gleiche gilt seit Oktober 2014 auf Landesebene. Die konservativen Moderaten sowie die Liberalen sind gegen die Arbeitszeitreduzierung. Man lebe, als regne es Geld vom Himmel, beschreiben es die Konservativen.

"So haben sich andere europäische Staaten in Schwierigkeiten gewirtschaftet", sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Maria Rydén von den Moderaten, die die Kampagne gegen den Sechs-Stunden-Tag leitet. Ihr Argument: Für den Steuerzahler sei der Versuch zu teuer. Der Staat sollte die Arbeitsplätze nicht subventionieren. Die Rechnung der Liberalen ergibt, dass das schwedische Experiment acht Millionen Kronen im Jahr kostet, umgerechnet eine knappe Million Euro.

Daniel Bernmar, der Vorsitzende der Vänsterpartiet im Stadtrat von Göteborg, ist den Vorwurf leid. Es gehe nicht immer darum, Dinge billiger und effizienter zu machen, klagt er. Es gehe auch darum, es besser zu machen. "In der Koalition unter Führung der Konservativen von 2005 bis 2014 haben wir immer nur darüber gesprochen, wie man mehr arbeiten kann. Jetzt müssen wir mal darüber sprechen, wie man ein langes Arbeitsleben durchhält, ohne dass man seinen Körper mit 60 zerstört hat."

Schweden hat viele Beispiele für die erfolgreiche 30-Stunden-Arbeitswoche vorzuweisen. Sie sind trotzdem die Ausnahme und nicht die Regel. Viele sind nur vorrübergehend. Auch mit dem Experiment in Svartedelens wird Ende 2016 Schluss sein. Der Stadtrat will sich die Mehrkosten nicht mehr leisten.

Quelle: n-tv.de

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