Produktion nach Ungarn verlegtDeutsche Autobauer spüren Osteuropas Stromkrise

Neben den geringeren Lohnkosten ist es auch der günstigere Strom, der deutsche Industrieunternehmen dazu verlockt, die Produktion nach Osteuropa zu verlagern. Nun stehen erste Autowerke still, da die aktuelle Dürre in Rumänien und Ungarn zu akutem Strommangel führt.
Rumänien greift im Kampf gegen die akute Stromkrise zu drastischen Maßnahmen: Die Armee sprengte einen Felsen im von der Dürre weitgehend freigelegten Flussbett der Donau. Die Trümmer sollen in den kommenden Tagen weitertransportiert und so im Fluss versenkt werden, dass sie mehr Wasser in den Donauarm leiten, an dem Rumäniens einziges Kernkraftwerk Cernavoda liegt. Weil die Donau zu wenig Wasser führt, um die Kühlung des Kraftwerks sicherzustellen, musste dieses bereits teilweise heruntergefahren werden. Sollte diese Fluss-Umleitung scheitern, müsse das AKW wohl noch diese Woche aufgrund fehlenden Wassers für die Kühlung ganz abgeschaltet werden, teilte der Verteidigungsminister mit.
Auch Wasserkraftwerke in Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern produzieren viel weniger Strom als gewohnt. Die fehlende Elektrizität kann schon jetzt nicht durch Importe aus den teilweise ebenfalls unter Wasser- und Strommangel leidenden Nachbarländern gedeckt werden. Weniger spektakulär als die Sprengung des Felsens im Donauflussbett, aber dramatischer für die Wirtschaft ist eine andere Maßnahme, die helfen soll, den Zusammenbruch der Stromversorgung zu verhindern: Unter anderem die Autohersteller Ford und Dacia haben die Produktion in ihren Werken in Rumänien für die kommenden Wochen angehalten. Ford betonte, dass die Produktionspause mit den Werksferien zusammenfalle. Allein diese freiwillige Sparmaßnahme senkte den Stromverbrauch im Land um 200 Megawatt, wie Ministerpräsident Ilie Bolojan nach einem Krisentreffen mit Vertretern der Groß-Stromverbraucher aus der Industrie mitteilte. Weitere Unternehmen würden diesem Beispiel folgen. Notfalls würden Industriebetriebe zwangsweise abgeschaltet.
Ähnlich ist die Situation in Ungarn, wo das einzige Atomkraftwerk, das normalerweise etwa 40 Prozent der Stromversorgung sicherstellt, wegen des Wassermangels in der Donau nur noch mit zehn Prozent seiner Leistung läuft. Auch die ungarische Regierung rief Unternehmen und Privatverbraucher zum Stromsparen auf. Hier mittendrin: die deutsche Autoindustrie, die zuletzt erhebliche Teile ihrer Produktion von Deutschland nach Ungarn verlegt hatte, um neben niedrigen Lohnkosten auch von günstigerem Strom zu profitieren.
Der staatliche Ölkonzern MOL, einer der größten Stromkonsumenten des Landes, hat durch eine Drosselung der Produktion seinen Verbrauch nach Angaben der Regierung um 40 Prozent reduziert. Der Elektronikkonzern Samsung fährt demzufolge die Produktion in seinem Batteriewerk nördlich von Budapest herunter, um den Wasserverbrauch um die Hälfte zu senken und vor allem am Abend Strom zu sparen.
Kritische Abendstunden
Die Abendstunden sind besonders kritisch für Ungarns Stromnetz und auch für die deutschen Autohersteller im Land. In Debrecen im Osten Ungarns hat BMW im vergangenen ein Werk eröffnet, in dem gerade die Produktion der für den Konzern wichtigen "Neuen Klasse" hochläuft. Solange tagsüber die Sonne scheint, kann sich die mit 50 Hektar Solarfläche ausgestattete Fabrik laut Unternehmensangaben weitgehend selbst mit Strom versorgen. Abends aber ist das Werk, wie die meisten Industriebetriebe, auf Strom aus dem Netz angewiesen - genau zu dem Zeitpunkt, an dem auch der private Stromverbrauch am höchsten ist.
Seit vergangenem Freitag habe man den Stromverbrauch in Debrecen durch ein "kurzfristig entwickeltes Maßnahmenpaket" schon um rund 15 Prozent gesenkt, teilte BMW der "Welt" mit. Gespart werde "in den Bereichen Anlagenbetrieb, Beleuchtung, Klimatechnik und Ladeinfrastruktur".
Mercedes hat erst vor wenigen Wochen die Verdoppelung seiner Produktionskapazität im ungarischen Werk Kecskemet gefeiert. Laut Unternehmensangaben läuft der Betrieb dort bislang normal weiter. Auch das dortige Werk verfügt über Solaranlagen, die tagsüber einen Teil des Strombedarfs decken. "Wir beobachten die aktuelle Lage sehr genau und stehen dazu in engem, kontinuierlichem Austausch mit den zuständigen Behörden", zitiert die "Welt" einen Mercedes-Sprecher.
Einschnitte bei der Produktion der deutschen Autobauer in Ungarn sind damit nicht abgewendet. Bislang musste Ungarns Kernkraftwerk in Paks, anders als befürchtet, nicht komplett abgeschaltet werden. Ministerpräsident Peter Magyar zufolge konnte der Stromverbrauch im Land schon um 500 Megawatt gesenkt werden. Ob das reicht, werde sich in den kommenden "kritischen Tagen" für Ungarns Stromversorgung herausstellen. Zwangsabschaltungen von Industriebetrieben hatte Magyar zuvor ausdrücklich als mögliche weitere Maßnahme genannt.