Wirtschaft

"Erste Reaktion war Entsetzen pur"So hat ein Versorgungswerk die Renten seiner Zahnärzte verzockt

07.03.2026, 16:12 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Müssen sie nun arbeiten bis zum Umfallen? Die Rentenbeiträge von 11.000 Zahnärztinnen aus Berlin, Brandenburg und Bremen sind teilweise futsch. (Foto: picture alliance / Flashpic)

Es ist einer der größten Skandale in der Geschichte der berufsständischen Altersvorsorge: Tausende Zahnärzte in Berlin, Brandenburg und Bremen stehen mit weniger Rente da. Das Zahnärzte-Versorgungswerk hat ihr Geld verzockt. Die neue Führungsriege zieht vor Gericht und will Millionen Euro an Schadenersatz.

Mareen Scharf hat sich bisher keine Sorgen um ihre Altersversorgung gemacht. Heute sagt die Zahnärztin aus Berlin-Köpenick, sie sei naiv gewesen. Sie gehört zu rund 11.000 Zahnärztinnen und einigen Tierärzten aus Berlin, Brandenburg und Bremen, deren Geld fürs Alter teilweise futsch ist. Das Zahnärzte-Versorgungswerk hat sie um ihre Renten gebracht.

Vergangenen Herbst hört Mareen Scharf zum ersten Mal davon. Sie schaltet sich hybrid zu einer Vertreterversammlung des Versorgungswerks zu - und ist geschockt. "Meine erste Reaktion war wirklich Entsetzen pur. Ich habe die Pflichtbeiträge über Jahrzehnte eingezahlt und wollte gar nicht glauben, was mit ihnen passiert ist", erzählt die Kinderzahnärztin im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Das Versorgungswerk der Berliner Zahnärztekammer (VZB) ist die "Rentenkasse" der Zahnärzte. Wie auch Anwälte, Architekten oder Steuerberater zahlen sie nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein, sondern haben ein eigenes Versorgungswerk. Dort müssen die Zahnärzte und Zahnärztinnen jeden Monat einen Pflichtbetrag einzahlen. Dieses Geld legt das Versorgungswerk an. Aus den Kapitalerträgen werden die Renten gezahlt.

Investments in fragwürdige Startups

Eigentlich müssen Versorgungswerke ihr Geld sicher anlegen, zum Beispiel in festverzinsliche Wertpapiere. Das VZB hat stattdessen über 70 Prozent seines Vermögens in Privatkredite, Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen und in Immobilien gesteckt: Hotels und Ferienanlagen auf Ibiza und Sardinien, in Schottland und Mecklenburg-Vorpommern.

Das VZB ist außerdem in ein Sammelsurium an Startups eingestiegen, denen es nicht besonders gut ging: Rund 16 Millionen Euro hat das Berliner Versorgungswerk in eine Garnelenfarm in Schleswig-Holstein investiert. Das Unternehmen hat im Sommer 2025 Insolvenz angemeldet - inzwischen wurde es von einer Garnelenzucht in Hessen übernommen. Fast 200 Millionen Euro hat es in ein Recyclingwerk für Plastikbehälter in Los Angeles investiert - obwohl Gutachter von Ernst & Young abgeraten hatten. Mittlerweile ist die Fabrik geschlossen.

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Mareen Scharf hat eine Zahnarztpraxis in Berlin-Köpenick. Als die VZB-Krise bekannt wurde, hat sie die Petition "Berliner Aufsicht versagt - Renten retten!" gestartet. (Foto: Mareen Scharf)

Bei der Crowdinvesting-Plattform Engel & Völkers Digital Invest (EVDI) war das Versorgungswerk Mehrheitsaktionär. Auch diese ist inzwischen insolvent. Der Vorstand gibt dem VZB die Schuld dafür. Es habe eine vertraglich vereinbarte Auszahlung verweigert. Das Versorgungswerk sagt dagegen, die Verträge seien voller Mängel gewesen.

"Sind cleverer als der Markt"

Schlagzeilen gemacht hat Anfang 2025 auch die Insolvenz des digitalen Versicherers Element Insurance AG. Das VZB war einer der wichtigsten Geldgeber des Berliner Startups und hatte über 80 Prozent der Anteile.

Insgesamt hat das Versorgungswerk allein für seine Beteiligungen insgesamt knapp 500 Millionen Euro gezahlt. Heute sind sie nur noch rund 50 Millionen Euro wert. Ein Verlust von 90 Prozent.

Noch verheerender fällt das Gesamtergebnis aus: Ende 2024 lag das Vermögen des VZB bei 2,2 Milliarden Euro. Eine Prüfung im vergangenen Sommer ergab: Davon sind nur noch 1,1 Milliarden Euro übrig. Das VZB hat in Summe also fast die Hälfte seines Vermögens verloren. Es habe die Altersvorsorge wie Risikokapital behandelt, kritisiert der Finanzexperte Nikolas Kreuz im Podcast Das Börsenbrain. "Es war keine Strategie, kein Risikomanagement und kein Korrektiv vorhanden. Es war der Glaube da: Wir sind alle cleverer als der Markt."

Ex-Geschäftsführer scheitert mit Klage

Wichtig zu wissen ist: Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin ist selbstverwaltet. Das bedeutet, hauptsächlich entscheiden ehrenamtliche Zahnärzte und Kieferchirurgen, wo investiert wird. Das ist normal in berufsständischen Versorgungswerken.

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Geschäftsführer des Versorgungswerks war 25 Jahre lang Ralf Wohltmann. Als immer mehr Verluste bekannt wurden, ist er Anfang 2025 freigestellt und später entlassen worden. Der Vorwurf: Er war an einem Unternehmen beteiligt, das mit dem VZB Geschäfte gemacht hatte, und habe damit gegen seinen Arbeitsvertrag verstoßen.

Ralf Wohltmann ist gegen den Rauswurf vorgegangen, mit seiner Klage aber Ende Januar gescheitert. Das Berliner Arbeitsgericht hat sie größtenteils abgewiesen. Nur beim Punkt der fristlosen Kündigung gab es ihm recht. Das VZB muss die vertragliche Kündigungsfrist von einem Jahr einhalten.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Auch die Berliner Staatsanwaltschaft interessiert sich für die Vorgänge: Seit August 2025 ermittelt sie gegen ehemalige Gremienmitglieder wegen Verdachts auf Korruption. "Der Vorwurf gegen den Hauptbeschuldigten, den ehemaligen Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses, lautet auf Vorteilsnahme, Bestechlichkeit, Vorteilsgewährung. Den sieben weiteren inzwischen abgesetzten Mitgliedern dieses Verwaltungsausschusses wird Beihilfe vorgeworfen", erklärt Jo Goll vom RBB im Inforadio.

Für die versicherten Zahnärzte ist das keine Genugtuung: Ihre Renten müssen um Hunderte Euro gekürzt werden. Wie viel sie tatsächlich im Alter ausgezahlt erhalten, wissen Mareen Scharf und ihre Kolleginnen nicht. Ihren letzten Bescheid hat sie 2024 bekommen. Aktuell zahlt sie monatlich rund 1600 Euro ins Versorgungswerk ein. Wie viel ihrer Altersversorgung sie durch die Fehlinvestitionen verloren hat, erfährt die Zahnärztin wahrscheinlich erst bei der nächsten Mitgliederversammlung im April.

Um die Löcher zu stopfen, hat das VZB die Beiträge inzwischen um fast 100 Euro erhöht - von 1529,50 Euro auf aktuell 1605,50 Euro pro Monat, berichtet der RBB. Dagegen gibt es Widerstand: Dutzende Zahnärzte möchten demnach Widerspruch einlegen. Und bei einer Ablehnung klagen.

Erste Zahnärzte verlassen die Stadt

Die wirtschaftliche Unsicherheit lässt Mareen Scharf nachts kaum schlafen. Einige Kollegen denken ihr zufolge darüber nach, Berlin, Brandenburg oder Bremen zu verlassen und woanders neu anzufangen. "Ich weiß von einer Kollegin, die das tatsächlich tut", erzählt sie im Podcast. "Jüngere Kollegen können die eingezahlten Beiträge mitnehmen und dadurch den finanziellen Schaden reduzieren. Es ist auch einfacher, wenn man noch keine eigene Praxis hat." Für Scharf selbst kommt ein Umzug nicht infrage: Sie würde ihre Rentenbeiträge verlieren.

Die Berliner Zahnärztin hat eine Petition gestartet, die sie im Juni beim Berliner Abgeordnetenhaus einreichen will. "Mir geht es gar nicht darum, dass der Senat einspringt und sagt: Wir zahlen jetzt für euch die Rente, sondern wir brauchen Lösungen, dass so etwas nicht noch mal passiert." 2008 seien ihre Rentenansprüche schon mal gekürzt worden. Schon danach hätte es eine bessere Überwachung gebraucht.

Viele Zahnärzte hoffen, dass der Bund ihre Renten rettet: Sie fordern in einem Brief an Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ein Sondervermögen. Momentan hat das Land Berlin die staatliche Aufsicht über das VZB. Die Zahnärzte glauben, Berlin sei damit überfordert - sie möchten, dass der Bund die Kontrolle übernimmt.

VZB fordert 82 Millionen zurück

Petition hin oder her: Letztlich haben die Zahnärzte ihre Altersvorsorge selbst verzockt. Deshalb will das Versorgungswerk die Fehlinvestitionen mit der neuen Führung selbst aufklären.

"Ein Versorgungswerk sollte und durfte sein Geld so nicht anlegen", kritisiert der Kieferchirurg Thomas Schieritz in einem Interview. Im vergangenen April ist er zum neuen Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses gewählt worden. Er spricht von einem systemischen Aufsichts- und Kontrollversagen. In der Vertreterversammlung habe es immer wieder kritische Nachfragen zur Anlagestrategie und zur Risikosteuerung gegeben - die seien aber nie beantwortet worden.

Das VZB will das verloren gegangene Geld zurückhaben: Es fordert laut dem RBB von einer Wirtschaftsprüfergesellschaft rund 82 Millionen Euro Schadenersatz. Das ist die Summe, die der Pensionskasse 2024 und 2025 verloren gegangen ist. Angeblich, weil die Wirtschaftsprüfer den Jahresabschluss 2023 nicht ordentlich geprüft haben - so der Vorwurf.

Außerdem zieht das VZB vor Gericht und will Verantwortliche für den Milliardenverlust verklagen. Die Klage richtet sich gegen zwölf Parteien. Einmal gegen neun ehemalige Verantwortliche des Versorgungswerks. Der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apo-Bank) und dem Abschlussprüfer Forvis Mazars wirft das VZB vor, schlecht beraten zu haben. Dem Land Berlin, konkret der Senatsverwaltung für Wirtschaft, wirft das Versorgungswerk schlechte Kontrolle vor. Auf Nachfrage hat die Senatsverwaltung ntv.de gesagt, sie äußere sich nicht zu laufenden Gerichtsverfahren.

Goldene Zeiten für Versorgungswerke? Vorbei.

Das VZB-Desaster ist allerdings kein Einzelfall: Auch in anderen der insgesamt rund 90 Versorgungswerke kriselt es. Die Bayerische Versorgungskammer (BVK) hatte wegen Fehlinvestitionen fast 700 Millionen Euro verloren. Sie hatte sich bei US-Immobilienprojekten in San Francisco, Miami Beach und Manhattan verspekuliert. Unter anderem hat sie in Projekte des US-Immobilienentwicklers Michael Shvo investiert, der in den USA 2018 wegen Steuerbetrugs verurteilt worden war. Auch das Versorgungswerk der hessischen Ärztekammer hat bis zu 300 Millionen Euro am Immobilienmarkt verloren.

Wenn ein Versorgungswerk in Geldnot kommt, springt der Staat nicht ein - es müsse sich selbst helfen, sagt Sandra Klug von der Verbraucherzentrale Hamburg im Wirtschaftsmagazin "Capital". Mit höheren Beiträgen, einem höheren Rentenalter, einer niedrigeren Rente - oder eben mit riskanten Anlageformen.

Das Berliner Zahnärzte-Versorgungswerk hatte sich laut "Tagesspiegel" 2013 Schritt für Schritt von sicheren Wertpapieren wie Fonds und Aktien verabschiedet und auf Direktbeteiligungen gesetzt. Anfangs hat das auch gut funktioniert - zehn Jahre später, als Privatanleger an den Börsen wieder über beachtliche Renditen freuen konnten, musste das VZB für Investitionen 65 Millionen Euro abschreiben.

Die goldenen Zeiten für Versorgungswerke sind vorbei - sicherer ist es, wenn die Mitglieder zusätzlich auch privat vorsorgen, damit am Ende eine Rente rauskommt, von der man leben kann.

Der "Wieder was gelernt"-Podcast

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Quelle: ntv.de

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