Wirtschaft

Von Werksschließung bis Staatshilfe Europas Autobauer in der Krise

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Ein Bild, das Symbolcharakter haben könnte: Mit der Werksschließung bei Ford kochen auch die Gerüchte um Opel wieder hoch.

(Foto: REUTERS)

Ford schließt eine Fabrik, Peugeot-Citroen erhält Milliarden vom Staat, GM will Opel "wegfusionieren", Daimler nimmt Mercedes-Benz unter die Kostenlupe: Die Autokonzerne reagieren auf die anhaltende Absatzkrise in Europa. Experten sehen in all den Maßnahmen aber erst den Beginn einer langen Konsolidierung, an deren Ende das Aus Tausender Jobs steht..

PSA Peugeot Citroën
PSA Peugeot Citroën 19,60

Die Autokrise ist zurück in Europa. Die Absatzzahlen auf dem Kontinent fallen seit Monaten - vor allem in den Krisenstaaten Südeuropas. Die Firmen können ihre Fabriken nicht auslasten. Bisher reagierten die Autokonzerne mit Kostensenkungsmaßnahmen wie Kurzarbeit oder versuchten mit Rabatten die Verkäufe wieder in Schwung zu bringen. Nun prescht der amerikanische Konzern Ford mit einer Werksschließung vor. Bis auf Marktführer VW werden auch die anderen Massenhersteller nach Meinung von Experten zu solchen Einschnitten gezwungen sein, um die Krise zu überstehen.

Der US-Autohersteller Ford macht seine Fabrik im belgischen Genk dicht, in zwei Jahren soll dort die Produktion auslaufen, 4300 Jobs gehen verloren. Auch das Ford-Werk im englischen Southampton steht Medienberichten zufolge auf der Kippe.

Der angeschlagene französische Konzern Peugeot Citroen verhandelt mit der Opel-Mutter GM über eine gemeinschaftliche Sanierung. Im Rahmen ihrer Allianz sind beide bisher nicht über Vereinbarungen für vier Fahrzeugprojekte und den gemeinsamen Einkauf hinausgekommen.

Um Peugeot kurzfristig zu stützen, stellt der französische Staat der angeschlagenen Peugeot-Autobank Banque PSA Finance bis zu sieben Milliarden Euro an Garantien zur Verfügung. Im Gegenzug stimmte Peugeot zu, dass Regierung und Gewerkschaften Vertreter in den Aufsichtsrat entsenden. Die Eigner erhalten bis auf weiteres keine Dividende, Aktienoptionsprogramme für das Peugeot-Management wurde eingestampft.

Opel-Werk Bochum gefährdet

General Motors (GM)
General Motors (GM) 36,96

Unterdessen spricht Opel weiter mit der IG Metall über die Auslastung der vier Werke in Deutschland. Die Fabrik in Bochum gilt als gefährdet, wenn dort Ende 2016 die Produktion des Familienwagens Zafira ausläuft. Ein Einigung über ein Sparpaket soll bis zum Monatsende erreicht werden. Bis dahin hat die Gewerkschaft dem Rüsselsheimer Autobauer die branchenweit ausgehandelte Lohnerhöhung von 4,3 Prozent gestundet.

GM kündigte an, die mit Peugeot bereits im Februar angekündigte Allianz bei der Entwicklung neuer Modelle um weitere Felder zu ergänzen. Die Details blieben offen. Insider vermuten, dass die beiden Autobauer hinter den Kulissen über sehr viel weitergehende Schritte sprechen. Zuletzt war spekuliert worden, GM könne die verlustreiche Tochter durch die engere Verzahnung mit Peugeot abstoßen. In der Diskussion waren demnach mehrere Varianten, die bis zu einer Zusammenführung in einer neuen Gesellschaft reichen.

Beunruhigt von der Ungewissheit forderte die europäische Arbeitnehmervertretung von Opel und Vauxhall für Donnerstag ein Treffen mit dem Management, um über die Folgen der Kooperation für die Beschäftigten zu beraten. Die Arbeitnehmer dürften nicht gegen gegeneinander ausgespielt werden, erklärten die Europäische Arbeitnehmerforum.

Skepsis bleibt

Die Gewerkschaft wirft GM seit längerem vor, die Führung des US-Konzerns habe kein Konzept zur Rettung von Opel. Ähnliche Kritik äußern Branchenexperten, die auf Werksschließungen auch bei Opel und Peugeot dringen. Die beiden Unternehmen brauchten einen "großen Wurf", sagte Albrecht Denninghoff von Silvia Quandt Research. "Es ist schwierig, die Belegschaft für Zugeständnisse zu gewinnen, wenn ein großer Plan fehlt."

Der von der Konzernmutter in Detroit als Opel-Aufsichtsratschef nach Rüsselsheim entsandte Stephen Girsky trage eher zur Verunsicherung bei, indem er gebetsmühlenartig sein Versprechen wiederhole, GM stehe fest zu Opel.

USA als Vorbild?

Einige Analysten sind der Meinung, die europäischen Hersteller müssten zu ähnlichen Einschnitten bereit sein wie die US-Autobauer, die vor einigen Jahren in ihrer Heimat Tausende Arbeitsplätze gekappt und zahlreiche Werke geschlossen hatten. Nach der Beinahe-Pleite kehrte GM an die Börse zurück.

Auch Chrysler ist nach der mit staatlicher Unterstützung bewältigen Blitzinsolvenz wieder erstarkt und sorgt nun als Fiat-Tochter dafür, dass der italienische Autobauer den Geschäftseinbruch in Europa ausgleichen kann. Lediglich Ford schaffte die Wende in den USA ohne staatliche Milliardenhilfe.

Ford-Details folgen

In Europa steuert Ford auf einen Milliardenverlust zu und hatte bereits ein Sparprogramm angekündigt, das auch Personalabbau in Deutschland vorsieht. Die Produktion in Europa werde umstrukturiert, um wieder profitabel zu wachsen und Werke in Spanien und Deutschland wieder besser auszulasten, kündigte der US-Autobauer an.

Ford baut in Genk die Modelle Mondeo, Galaxy und S-Max. Die nächste Generation dieser Fahrzeuge will Ford im spanischen Valencia vom Band laufen lassen. Dies sei Teil der Verhandlungen über die Werksschließung und den Stellenabbau in Belgien, die jetzt begonnen würden. Der Plan sehe zudem vor, dass die Fertigung von C-Max und Grand C-Max von Valencia nach Saarlouis in Deutschland, verlagert werden könnte. Details will Ford am Donnerstag präsentieren.

Ford beschäftigt in Europa rund 68.000 Mitarbeiter, die wegen der Absatzkrise in Südeuropa immer weniger zu tun haben. Schon vor der Sommerpause wurde die Produktion in Köln und in Valencia zurückgefahren. In Genk war zuletzt nur an vier Tagen pro Woche gearbeitet worden. In Deutschland beschäftigt Ford in seinen Werken Köln und Saarlouis rund 22.000 Menschen.

Audi hilft Mutter

VW Vorzüge
VW Vorzüge 141,14

Werksschließungen werden in Europa seit langem erwartet. Experten gehen davon aus, dass zwischen fünf und zehn Werke überflüssig sind. Belgische Standorte sind dabei immer wieder im Gespräch, weil die Gewerkschaften dort als besonders schwach gelten.

Europas größter Hersteller VW wollte vor einigen Jahren seine Fabrik in Brüssel schließen, gab sie aber letztlich an die Konzerntochter Audi ab, die zusätzliche Kapazitäten für kleine Modelle brauchte. Der verlustreiche VW-Ableger Seat kann sein Werk in Martorell in Spanien nur deshalb auslasten, weil Audi dort den Geländewagen Q3 fertigt.

Probleme in Europa - Boom in USA und Asien

International ausgerichtete Konzerne wie Volkswagen und Oberklasse-Hersteller wie BMW, Audi oder Mercedes-Benz können Absatzrückgänge in Europa anderswo wett machen. In den weltgrößten Pkw-Märkten China und USA laufen die Geschäfte weiter gut, und gerade teure deutsche Limousinen und Geländewagen sind nach wie vor gefragt.

Dagegen müssen sich die auf Europa beschränkten Massenhersteller auf eine mehrjährige Durststrecke einstellen. Insbesondere für kleinere Autobauer werde es schwieriger.

Daimler nimmt Mercedes unter die Lupe

Daimler
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Daimler will wegen der schwindenden Autonachfrage zudem alle Ausgaben von Mercedes-Benz Pkw auf den Prüfstand stellen und die Kosten rigoros zusammenstreichen. Angesichts "schwächelnder" Märkte und zunehmenden Preisdrucks müsse die Pkw-Sparte die Finanzkraft behalten, die für die anstehenden Investitionen in neue Modelle nötig sei, schrieb der Mercedes-Vorstand in einem Brief an die Mitarbeiter.

Kurzfristig gehe es in dem bereits Mitte September angekündigten Maßnahmenpaket um Kosteneinsparungen, langfristig um Effizienzsteigerung. Nur so könne sichergestellt werden, dass die mit Margendruck kämpfende Pkw-Sparte trotz der eingetrübten Absatzmärkte wie geplant bis 2020 wieder zum größten Premium-Pkw-Anbieter aufsteige. Umfang und Details des "Fit for Leadership" genannten Programms blieb der fünfköpfige Vorstand den Beschäftigten vor der für Donnerstag geplanten Veröffentlichung des Daimler-Quartalsberichts schuldig.

An der Dringlichkeit von Einsparungen ließen die Manager um den in Personalunion als Mercedes-Benz-Boss und Daimler-Chef amtierenden Dieter Zetsche jedoch keinen Zweifel: Neben den bereits laufenden Schritten zur Sicherung der Investitionskraft müssten zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden. "Kurzfristig geht es in erster Linie um Ergebnissicherung", gab das Management als Marschroute vor. "Alle Ausgaben kommen auf den Prüfstand - mit einem Kriterium: Was unsere Wettbewerbsfähigkeit stärkt, wird gemacht; was in die Sparte 'nett, aber nicht kundenrelevant' fällt, wird gestrichen."

Mercedes-Benz steht als größte und ertragsreichste Daimler-Sparte unter Zugzwang, da der Konzern seinen Investoren eine operative Rendite im Fahrzeug-Geschäft von dauerhaft neun Prozent ab 2013 versprochen hat. Für Mercedes liegt die Latte mit zehn Prozent noch etwas höher, im zweiten Quartal waren es 8,6 Prozent. Für das dritte Quartal rechnen von Reuters befragte Analysten im Schnitt mit einem Abrutschen auf knapp sieben Prozent.

Quelle: n-tv.de, bad/rts/dpa

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