Wirtschaft

Schockwellen der Griechenland-Krise Griechenlands Nachbarn fürchten Ansteckung

Der kompromisslose Kurs in Athen zieht weitaus mehr Menschen in Mitleidenschaft als bislang bekannt. Rund um das taumelnde Euro-Land müssen sich Staaten wie Serbien oder Bulgarien auf den Ernstfall vorbereiten.

Als sich die Griechen zu Wochenbeginn mit geschlossenen Banken und Kapitalverkehrskontrollen konfrontiert sahen, blieben die Menschen in Griechenland mit ihren Sorgen nicht allein: Eine ganze Reihe an nahen und entfernteren Nachbarstaaten müssen eine ernsthafte Ansteckungsgefahr durch die Athener Krise fürchten.

Zentralbanker in osteuropäischen Ländern, deren Wirtschaft eng mit der griechischen verbunden ist, setzten zum Wochenstart alles daran, internationalen Investoren und heimischen Bankkunden zu versichern, dass die griechische Schuldenkrise nicht auf sie überschwappen werde. Die Krise könnte Bulgarien jedoch den Weg in die Eurozone versperren, sagte der Premierminister des Landes.

Am Sonntag weigerten sich die Euro-Finanzminister, das aktuelle Rettungsprogramm für Griechenland zu verlängern, nachdem Premier Alexis Tsipras angekündigt hatte, ein Referendum über das Angebot der Gläubiger abzuhalten. Die griechischen Banken bleiben nun sechs Tage lang geschlossen. Bankkunden können so lange an Geldautomaten maximal 60 Euro pro Tag von ihren Konten abheben.

Sorgen in Mazedonien, Serbien, Bulgarien

"Länder in Osteuropa sind den griechischen Risiken stärker ausgesetzt als Asien oder Lateinamerika, da sie weitreichende Handelsbeziehungen mit Griechenland unterhalten und die Krise der Nachfrage schaden wird", sagt Costa Vayenas, Leiter für Schwellenmarktinvestments bei UBS Wealth Management in Zürich.

Im direkten Nachbarland Bulgarien etwa kontrollieren griechische Banken über ein Fünftel der Bankvermögen. Sie sind außerdem in anderen Balkanstaaten wie Mazedonien, Rumänien, Albanien und Serbien aktiv. Am Montag berichtete die bulgarische Zentralbank, dass Handlungen der griechischen Führung "in keiner Weise die Stabilität des bulgarischen Bankensystems beeinträchtigten".

Bereits am Sonntag hatte die mazedonische Zentralbank in weiser Voraussicht von den heimischen Banken verlangt, alle Kredite und Einlagen von Instituten in Griechenland und ihren Filialen und Tochterfirmen in Griechenland und im Ausland abzuziehen.

Enge Beziehungen nach Athen

Die serbische Zentralbank teilte zu Wochenbeginn mit, dass sie die Transaktionen griechischer Geschäftsbanken mit ihren Mutterkonzernen eingeschränkt habe. Die Maßnahmen sei jedoch nur vorübergehend, hieß es. Eine Sprecherin der United Bulgarien Bank AD, die zur National Bank of Greece gehört, sagte, dass der Betrieb in dem Institut zunächst normal verlaufen sei und dass es am Montag keine Abflüsse von Einlagen oder Anzeichen von Problemen gegeben habe. Die Alpha Bank Bulgaria, eine Sparte der Alpha Bank Greece, berichtete, dass alle von ihr ausgegebenen Kredit- und Girokarten, das Online-Banking und Geldautomaten in Bulgarien normal funktionierten.

Analysten der RBS gehen davon aus, dass durch die große Anzahl griechischer Banken im bulgarischen und rumänischen Bankensektor die Ansteckungsgefahr in diesen Ländern besonders groß sei. "Obwohl Vertreter der Institute darauf bestehen, dass die griechischen Tochtergesellschaften gut kapitalisiert und isoliert seien, glauben wir, dass das Risiko wirtschaftlicher Konsequenzen dort am größten ist", sagt die RBS.

Die Ärmsten trifft es am Härtesten

Bulgarien, das ärmste Land in der Europäischen Union, ist dafür ein Paradebeispiel. Die Wirtschaft des Landes, die seit der globalen Finanzkrise um etwa 1 Prozent gewachsen ist, ist eng mit der griechischen Wirtschaft verbunden. Bulgarien verkauft etwa 7 Prozent seiner Exporte - vor allem Kleidung, Metalle und Strom - an sein südliches Nachbarland - mehr als andere Balkan-Staaten. Griechenland ist zudem einer der größten ausländischen Investoren in Bulgarien.

"Wenn es in Griechenland eine tiefere Rezession gibt, wird sich das auf die bulgarische Wirtschaft stärker auswirken als auf andere Länder in der Region", sagt Vayenas. Die Renditen bulgarischer Eurobonds mit Laufzeit bis 2024 stiegen am Montag um mehr als 0,2 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent - das höchste Niveau seit August, berichtet Tradeweb. Ein Anstieg der Renditen gilt als Anzeichen für wachsende Verunsicherung an den Märkten. Die Renditen steigen, wenn der Kurs fällt.

Risikofaktor "Grexit"

Laut Lora Chakarova, Analyst für Osteuropa bei IHS in London, sind Einlagenabflüsse im Falle eines "Grexits" oder einer Pleite Griechenlands das größte Risiko für Griechenland und Bulgarien. "Es ist unwahrscheinlich, dass die bulgarische Führung Banken in griechischem Besitz bei Liquiditätsproblemen im Falle solcher Abflüsse unterstützen kann", sagt sie.

Bulgarien leidet immer noch unter der Bankenkrise des vergangenen Jahres, der schlimmsten im Land seit den 1990er Jahren. Im Juni wurde die viertgrößte Bank des Landes nach einem Ansturm geschlossen, der sich später auf ein zweites Institut ausbreitete. "Wie man schon 2014 sehen konnte, führen Spekulationen der Medien und das geringe Vertrauen in das Bankensystem in Bulgarien leicht zu einem Ansturm auf die Banken", sagt Chakarova.

Vorbild Bulgarien

Die stabile Haushaltssituation in Bulgarien könnte jedoch helfen, die Auswirkungen der griechischen Krise abzufedern, sagen Analysten. Die Staatsschulden sind so niedrig wie in kaum einem anderen EU-Land: 2014 betrugen sie 28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auf Griechenland lastet ein Schuldenberg von 177 Prozent des BIP.

Für Bulgarien könnte die Situation sogar einige Vorteile haben. Mehrere griechische Firmen sind in den vergangenen Jahren nach Bulgarien umgezogen, um von den niedrigen Steuersätzen dort zu profitieren. Laut dem Finanzministerium registrierten sich in Bulgarien seit 2009 11.000 griechische Firmen - eine erstaunlich hohe Zahl.

Doch die Griechenland-Krise könnte Bulgarien vorerst den Weg in die Eurozone versperren, wie der Premierminister zuletzt erklärte. Das Land ist seit 2007 Mitglied der Europäischen Union und wollte in diesem Jahr eigentlich Gespräche über eine Euro-Mitgliedschaft aufnehmen. "Wenn wir jetzt in der Eurozone wären, müssten wir auch Geld an Griechenland geben - die Ärmeren würden die Reicheren finanzieren, was mir nicht logisch erscheint", sagt Boyko Borisov. "Solange die Euro-Länder nicht disziplinierter werden, sehe ich keinen Grund, die Mitgliedschaft zu überstürzen."

Quelle: n-tv.de, mmo/DJ

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