Wirtschaft

Der Mann hinter "Swiss Leaks" Hervé Falciani - Held oder Dieb?

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Vor den Strafverfolgungsbehörden flüchtete Hervé Falciani nach Frankreich. Dort lebt er heute.

(Foto: REUTERS)

Es gehört allerhand Chuzpe dazu, eine internationale Großbank um abertausende Datensätze zu bestehlen und sich mit Politikern, Wirtschaftsbossen und anderen Prominenten der Welt anzulegen. Ex-HSBC-Mitarbeiter Hervé Falciani hat genau das getan.

Einst war Hervé Falciani nur ein einfacher Informatiker bei einer großen Bank. Aber seit er bei der Schweizer Niederlassung der britischen HSBC Hunderttausende Dokumente mitgehen ließ, gilt der 43-Jährige entweder als Held oder Dieb - je nach Standpunkt. Falciani gibt sich selbst gern als eine Art moderner Robin Hood, der selbstlos gegen Steuerflucht und für Gerechtigkeit kämpft. In den Enthüllungen internationaler Medien zu fragwürdigen Geschäften der HSBC mit Kriminellen sieht er nur die "Spitze des Eisbergs". Die von ihm entwendeten Unterlagen bergen aus seiner Sicht noch weitaus mehr Sprengstoff als bisher bekannt.

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Inzwischen taugt der Lebensweg des Franko-Italieners Falciani als Vorlage für einen Spionage-Thriller. Ihren Anfang nimmt seine Geschichte in Monaco. In dem mondänen Stadtstaat heuert Falciani in den 90er Jahren zunächst in einem Kasino an. Im Jahr 2000 wechselt er dort als Informatiker zur HSBC, für die er wenige Jahre später an den Genfer Standort zieht. Dort entwendet er 2007 die Datensätze von mehr als 120.000 Kunden. Als Grund dafür nennt die Schweizer Presse Streit mit seinem Chef über sein Gehalt.

An die Daten kommt Falciani auf kuriose Weise: Eigentlich habe er nur Zugang zu verschlüsselten Daten gehabt, erzählt der Journalist Gérard Davet von der französischen Zeitung "Le Monde" dem Radiosender France Inter. Als sie einmal für einen "kurzen Moment" nicht verschlüsselt gewesen seien, habe Falciani sie in seinen Besitz gebracht.

Lagarde gab Liste weiter

Er macht sich 2008 zunächst mit seiner Geliebten auf in den Libanon, um dort seinen Datenschatz zu Geld zu machen. Vergeblich. Allerdings zieht das Paar die Aufmerksamkeit des dortigen Geheimdienstes auf sich, der die Schweizer Justiz informiert. Im Dezember 2008 durchsucht sie Büros bei der HSBC und vernimmt das Duo. Einer am nächsten Tag geplanten neuen Vernehmung entzieht sich Falciani, indem er mit Ehefrau und Tochter nach Südfrankreich flüchtet. Er wird Informant und übergibt seine Unterlagen den französischen Behörden.

Das Finanzministerium in Paris - damals geführt von Christine Lagarde - leitet die Liste an andere Länder weiter. Im krisengeschüttelten Griechenland, wo sie einen nationalen Skandal auslöst, ist sie deshalb als "Lagarde-Liste" bekannt. Seit 2010 liegen auch dem deutschen Bundeszentralamt für Steuern die Daten aus Frankreich vor.

Die Schweiz sucht Falciani seit Jahren mit einem internationalen Haftbefehl. Sie wirft ihm Datendiebstahl sowie Verstöße gegen das Bank- und Handelsgeheimnis vor. Das bringt Falciani im Sommer 2012 für einige Monate in Spanien ins Gefängnis. Doch nachdem er auch den dortigen Behörden seine Zusammenarbeit bei der Suche nach Steuerhinterziehern anbietet, steht er wie in Frankreich auch in Spanien unter Polizeischutz. Beide Länder weigern sich, ihn an die Schweiz auszuliefern.

Falciani: Skandal weitaus größer

Heute arbeitet Falciani für die französischen Steuerbehörden und erhält dafür ein Gehalt von 3500 Euro im Monat - überwiesen vom nationalen Forschungsinstitut Inria, für das er mehrere Jahre tätig war. Doch auch die politische Bühne lockt ihn: In Spanien scheiterte Falciani im vergangenen Mai als Kandidat der Protestpartei Partido X bei der Wahl zum Europaparlament. Für die spanische Linkspartei Podemos arbeitet er demnächst ein Papier über Maßnahmen im Kampf gegen Steuerbetrug aus.

In den Enthüllungen um die Schweizer HSBC sieht Falciani nur einen Bruchteil dessen, was das Material an Sprengstoff tatsächlich bietet. Die Auswertung des Recherche-Netzwerks ICIJ basiere nur auf einem Teil der Unterlagen, die er den französischen Behörden gegeben habe, sagte er der französischen Zeitung "Le Parisien". Auch Millionen Transaktionen zwischen Banken seien in den kompletten Unterlagen aufgeführt. "Diese Zahlen können eine Vorstellung davon vermitteln, was sich unter dem Eisberg befinden kann."

Quelle: n-tv.de, Isabel Malsang, AFP

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