Wirtschaft

"In einigen Monaten war's das" Hollywood lässt die Kinos im Stich

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Prominente Platzhalter im Delphi Lux der Yorck Kinogruppe.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Mai öffnen Kinos wieder ihre Vorhänge. Mit leeren Sälen, wegen der Abstandsregeln dürfen sie nur ein Viertel ihrer Tickets verkaufen. Durch die Verschiebung des neuen Bond-Films verlieren sie erneut viel Geld. Dabei könnten sie gerade im Winter gegen den Corona-Blues helfen.

Anfang Oktober bebt es in der Kinowelt: Der neue James-Bond-Film wird wegen der Corona-Krise schon zum zweiten Mal verschoben. Zwei Tage später geht bei Cineworld das Licht aus, die zweitgrößte Kinokette der Welt schließt vorübergehend alle Kinos. In 536 Lichtspielhäusern in den USA und 127 in Großbritannien gehen die Vorhänge zu. Rund 45.000 Menschen verlieren ihre Jobs.

Auch Christian Bräuer ist enttäuscht, dass 007 frühestens im April auf den Kinoleinwänden aufräumt. "Er hätte bei uns gut funktioniert, das haben die letzten Bond-Filme gezeigt", sagt der Chef der Yorck Kinogruppe in Berlin im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Bond sei nicht Hardcore Arthouse, aber eine absolute Kultfigur. "Solche Titel, die nicht nur Liebhaber kennen, braucht es, weil andere Leute darüber Kino wahrnehmen und Trailer für Filme sehen, die kein großes Marketingbudget haben und in den Medien rauf und runter diskutiert werden."

Die Yorck Kinogruppe verliert durch die Verschiebung vermutlich eine sechsstellige Summe. Ganz genau lässt sich das nicht beziffern, weil anstelle von "James Bond" im November und Dezember andere Filme in den 14 kleinen Berliner Kinos gezeigt werden. Allerdings ohne Daniel Craig in der Hauptrolle und weltweite Marketingkampagne. Und ohne die Cineworld-Kinos. Die Einnahmen aus gut 650 Kinos in den USA und Großbritannien können sich die Verleiher schon jetzt aus dem Kopf schlagen.

"Manche betrachten das als Chance"

Erschwerend kommt hinzu, dass in die Lichtspielhäuser, die noch geöffnet sind, nur wenige zahlende Zuschauer hineindürfen. Auch dort gelten wegen des Coronavirus Abstandsregeln. Eine Verkettung unglücklicher Umstände, die dazu geführt hat, dass Disney letztens entschieden hat, auf Kinoeinnahmen zu verzichten und seinen neuen Film "Mulan" direkt auf der hauseigenen Streamingplattform zu veröffentlichen.

Für viele Kinos war auch das ein Rückschlag, "aber Jammern bringt nichts", sagt Christian Bräuer, der auch Vorsitzender der AG Kino ist, des Verbandes der Deutschen Filmkunsttheater. Er will aus der Not eine Tugend machen und anderen Verleihern sagen: Hey, nutzt die Gelegenheit. Jetzt ist die Zeit der deutschen und der europäischen Filme. "Manche Produzenten und Verleiher betrachten das als Chance", sagt der Kinobetreiber. "Einige sind durchaus zufrieden, weil es weniger Konkurrenz gibt, vor allem von Hollywood-Blockbustern."

Diese neue Nische will unter anderem Constantin Film nutzen. Nach dem Cineworld-Beben hat der bekannte Verleiher angekündigt, drei Filme, die eigentlich später starten sollten, noch dieses Jahr ins Kino zu bringen. Aber diese Geste löst nicht das eigentliche Problem: das Coronavirus.

"Die Rücklagen sind aufgezehrt"

In 12 von 16 Bundesländern gilt auch in Kinos ein Mindestabstand von 1,50 Metern. Für die Yorck Kinogruppe heißt das, dass sie für jeden Film nur 20 bis 25 Prozent der Tickets verkaufen kann. "Es kann sich jeder ausrechnen, was das bedeutet", sagt Christian Bräuer. "Wenn man sagen würde, ein Restaurant darf nur noch zwei von zehn Tischen belegen, kann das wirtschaftlich nicht funktionieren." Allein bei der Berliner Kette bewegen sich die Verluste ohne Kompensationszahlungen deutlich im siebenstelligen Bereich.

Trotz der Einschränkungen zählt die Yorck Kinogruppe aktuell knapp 60 Prozent der Besucher des Vorjahres. Und ist damit sogar zufrieden, denn die allermeisten Filme sind ausverkauft. Das zeige, dass die Menschen Vertrauen in die Kinos hätten, erzählt Bräuer.

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Christian Bräuer ist Geschäftsführer der Yorck Kinogruppe, Vorsitzender der AG Kino und Präsident der Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai (CICAE).

(Foto: picture alliance/dpa)

Die plötzliche Schließung im März hat branchenweit sogar noch tiefere Spuren hinterlassen. Im Schnitt liege man etwa 70 Prozent unter den Zahlen im Vergleichszeitraum des Vorjahres - sowohl nach Zuschauern als auch nach Einspielergebnissen, sagt Christine Berg, die Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF), des größten deutschen Kinoverbands. Ihr sind bisher zwei Insolvenzen in Deutschland bekannt. Und je länger die Situation so bleibt, wie sie ist, umso mehr werden es.

"Klar ist, und das gilt für alle Kinos: Wenn keine staatliche Förderung kommt, halten die unabhängigen Kinos einige Monate durch und dann war's das", sagt Christian Bräuer. "Die Rücklagen sind aufgezehrt. Das heißt, wir sind auf Förderung angewiesen."

Geringe Aerosol-Belastung

Aber die Branche hat Hoffnung. Denn trotz aller Einschränkungen gibt es bisher keine Anzeichen, dass die Leute die Lust auf Kino verloren haben. Und es gibt es auch keine Anzeichen dafür, dass Kinos Virenschleudern sein könnten. Die Betreiber überrascht das nicht. Sie verweisen auf ihre starken Lüftungsanlagen und verschiedene Gutachten, die zeigen, dass die Aerosol-Belastung in Kinos geringer ist als in Büros. Sie plädieren deshalb dafür, die Abstandsregeln aufzuweichen und mehr Zuschauer in die Säle zu lassen. Denn selbst wenn nur noch ein Sitzplatz zum Nachbarn freibliebe, hätte man von Sitzmitte zu Sitzmitte noch 1,20 Abstand, erklären sie. Ohne dass man sich ins Gesicht sieht. Ohne dass man miteinander spricht.

"Mit Augenmaß wäre hier und da mehr zu erreichen", sagte auch Yorck-Chef Bräuer. Das Kino sei ein sehr strukturierter Betrieb und biete sehr gute Räumlichkeiten, um Hygiene-Auflagen gut und konsequent umzusetzen: Das Publikum komme nicht gleichzeitig, man könne Ein- und Auslass entzerren, man könne Kontakte verfolgen.

Vier Bundesländer haben ihre Regeln schon gelockert. In Berlin reicht zum Beispiel ein Meter Abstand zwischen zwei Kinogästen, wenn sie eine Maske tragen. In Schleswig-Holstein reicht ein freier Sitzplatz in alle Richtungen - ohne Maske. Das klingt nicht viel, hilft aber: In den Bundesländern, in denen alternative Regeln gelten, könnten etwa die Hälfte der Kapazitäten ausgelastet werden, sagt HDF-Vorstand Christine Berg. Das wäre auch für die Verleiher eine gute Nachricht, denn selbst Unterhaltungskrösus Disney scheint mit seinem "Mulan"-Experiment gescheitert zu sein: Mit dem Film in den Kinos hätte die Maus vermutlich mehr verdient.

"Das Leben ist mehr"

Solche Versuche, die Kinos zu umgehen, machen Bräuer deshalb nicht nervös. Einerseits besitzt nicht jedes Studio seine eigene Streaming-Plattform, andererseits war Kino machen nie einfach. Erst kam das Fernsehen, dann das Video, dann das Internet, nun das Coronavirus. Aber nichts davon ändert etwas daran, dass Filmfans große Filme lieber auf großen Leinwänden schauen. Kein Medium könne Geschichten so gut erzählen wie der Film, sagt der Chef der Yorck Kinogruppe. "Es wird immer Menschen geben, die das nutzen wollen."

Noch etwas spricht für die Kinos: Für die allermeisten Menschen sind sie ein gemeinsames Erlebnis. "Es ist toll, dass man alles online bestellen und alle Filme und Serien zu Hause gucken kann", sagt Christian Bräuer. "Aber das Leben ist mehr." Und gerade jetzt, im ersten Virus-Winter, können Kinos ein wichtiger Zufluchtsort sein, wenn den Menschen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, aber Biergärten und Freibäder geschlossen sind. Deshalb wäre es vielleicht auch im Sinne der Politik, den Kinos finanziell zu helfen, damit ihre Wähler abgelenkt sind von Viren, Sperrstunden und Beherbergungsverboten.

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Quelle: ntv.de