Katherina Reiche behält RechtDie deutsche Gasversorgung hat sich selbst im schwierigen Winter bewährt
Von Christian Herrmann
In wenigen Wochen sind die deutschen Gasvorräte aufgebraucht - so warnen Speicherbetreiber und Opposition. Sie machen Wirtschaftsministerin Reiche schwere Vorwürfe: Sie habe Warnungen ignoriert. Dabei zeigt ein Blick auf das Gesamtsystem: Die deutsche Gasversorgung funktioniert selbst unter schwierigsten Bedingungen.
Im Bundestag muss sich Katherina Reiche vor einer Woche für die niedrigen Füllstände der deutschen Gasspeicher rechtfertigen. In der Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses blockt die Wirtschaftsministerin Kritik ab und wiederholt ihre Zuversicht der vergangenen Wochen: Die deutsche Gasversorgung ist gesichert. Es gebe keine Notwendigkeit für staatliche Eingriffe. Sorgen? Nicht angebracht.
Und sie behält Recht: Die deutsche Gasversorgung hat sich in einem schwierigen Winter bewährt.
"Wette von Reiche ist nicht aufgegangen"
Die deutschen Gasvorräte reichen nur noch für sechs Wochen - so lautete Ende Januar die Prognose. Damals lagen die Füllstände bei knapp über 30 Prozent. Die unterirdischen Speicher waren so leer wie seit der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 nicht mehr, und zwar mit großem Abstand. Die gemächliche Befüllung der Gasspeicher im vergangenen Sommer und der ungewöhnlich frostige Jahresstart forderten ihren Tribut: 2024 und 2023 waren die Speicher zum selben Zeitpunkt fast 50 Prozentpunkte voller.
Speziell die Grünen versuchten der Wirtschaftsministerin daraus einen Strick zu drehen: "Die Gasspeicher sind zu früh zu leer", warnte der Bundestagsabgeordnete Michael Kellner. "Ministerin Reiche hat nur zugeschaut, Warnungen ignoriert. Ihre Wetter-Wette ist nicht aufgegangen." Kellner rief die Menschen sogar zum erneuten Gassparen auf.
Knapp vier Wochen später - die Gasspeicher sind noch zu gut 20 Prozent gefüllt - steigen die Temperaturen. Hat Reiche ihre Wetter-Wette doch gewonnen?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Entscheidend ist: Die deutsche Gasversorgung wäre auch ohne Tauwetter für warme Heizungen gewappnet gewesen. Denn die Speicher decken nur noch ungefähr ein Viertel der deutschen Nachfrage ab. "Das ist ein grober Richtwert, mit dem man relativ gut prognostizieren kann, wie weit wir kommen würden, wenn es noch ein paar Dezember hintereinander geben würde: zwei bis drei Monate", sagte Jochen Linßen vom Forschungszentrum Jülich in einem Pressegespräch. "Jedenfalls, solange sich die Importsituation und sonstige Nachfragen nicht ändern."
Linßen merkt zwei Punkte an, die in der Speicher-Debatte der vergangenen Wochen häufig untergegangen sind: Der Gasverbrauch sinkt - sowohl in der Industrie als auch im privaten Bereich. Prozesse werden elektrifiziert, Haushalte steigen auf Wärmepumpen um, und ja, einige Unternehmen verlagern ihre Produktion ins günstige Ausland.
Das kann man gut oder schlecht finden, ändert aber nichts an den Tatsachen: Europa hat von Januar bis Juni 2025 21 Prozent weniger Erdgas verbraucht als im ersten Halbjahr 2021. Dementsprechend wird allein deshalb auch weniger Gas benötigt.
Russland ist raus
Der russische Angriff auf die Ukraine hat bei der Gasversorgung Spuren hinterlassen. Nachhaltig. Nicht nur beim Verbrauch, sondern auch bei den Quellen - das ist der zweite Punkt: Russland ist raus, Norwegen und die USA sind drin.
Das norwegische Erdgas wird ebenfalls über Pipelines geliefert, das amerikanische verflüssigt auf Schiffen. Dafür wurden an Nord- und Ostsee so viele Flüssiggasterminals gebaut, dass die Kritik an der Ampel-Koalition vor einigen Jahren noch war: Übertreibt es nicht!
Nicht zu Unrecht. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind europaweit Flüssiggasterminals mit Importkapazitäten von 70 Milliarden Kubikmetern entstanden. Bis 2030 sollen weitere 60 Milliarden Kubikmeter hinzukommen. Die beiden Nord-Stream-Pipelines von Russland nach Deutschland hatten gemeinsam eine Kapazität von ungefähr 110 Kubikmetern.
"Ich sehe kein Problem"
Auch diese Entwicklung kann man hinterfragen. In diesem Winter haben die LNG-Terminals jedoch geleistet, wofür sie gebaut wurden: Die Flüssiggastanker fungieren gewissermaßen als mobile Gasspeicher auf hoher See. Sie kreuzen die Weltmeere, stehen auf Abruf bereit, bis sie nach Mukran, Brunsbüttel oder Wilhelmshaven gerufen werden.
Und sie versorgen Europa selbst dann, wenn auf drei Kontinenten gleichzeitig Kältewellen toben, denn in der Debatte ging ebenfalls unter: Nicht nur in Zentraleuropa, auch in den USA - ein europäischer LNG-Lieferant - und China - ein europäischer LNG-Konkurrent - waren die Witterungsbedingungen zum Jahresstart äußerst schwierig. Die Vereinigten Staaten haben vorübergehend sogar Erdgas, das exportiert werden sollte, ins heimische Netz umgeleitet. Trotzdem musste keine Heizung in Deutschland kalt bleiben, daran würde selbst ein weiterer Wintereinbruch nichts ändern.
"Ich sehe kein Problem für die restlichen Winterwochen", sagte Franziska Holz, die stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in dem Pressegespräch mit Linßen. "Wir beziehen gleichzeitig sehr viel Gas aus Norwegen (44 Prozent) und haben außerdem die Flüssiggasterminals in Deutschland (10), aber auch in den Niederlanden (24) und Belgien (21). "Gerade in den USA ist kurzfristig sehr viel Flüssiggas verfügbar."
Die langfristige Tendenz ist ihr zufolge ebenfalls deutlich: "Die Verflüssigungskapazitäten steigen so stark an, dass wir mittlerweile Diskussionen über Langfristverträge mit den USA sehen. Jedes Jahr kommt Gas in einer Größenordnung von unserem Jahresverbrauch neu auf den Markt."
Die Angaben der DIW-Expertin decken sich mit der Einschätzung des Wirtschaftsministeriums. Die LNG-Infrastruktur und die norwegischen Pipelines sorgen dafür, dass die Füllstände der Gasspeicher an Aussagekraft verlieren. Sie sind ein Puffer, der Deutschland notfalls etwa zweieinhalb Wintermonate allein versorgen kann, wenn sich der Nachschub einmal verzögern sollte, aber keineswegs allein versorgen muss.
"Das ist nicht wahnsinnig hoch"
Der Indikator für die Versorgungslage sind nicht länger die Füllstände der Gasspeicher, sondern der Preis. Als Mitte Januar der Frost über Europa hereinbrach, stieg er an den europäischen Handelsplätzen deutlich an. Seitdem ist er ebenso deutlich gefallen. Aktuell kostet Gas etwa 15 bis 20 Prozent mehr als im Dezember, als das Wetterchaos nicht absehbar war.
"Das ist nicht wahnsinnig hoch", sagt DIW-Expertin Holz. "2022 war er bei der Erdgaskrise zehnmal so hoch wie heute. Der Markt hat offensichtlich die Beurteilung: Es steht genügend Erdgas aus den Quellen Pipeline, LNG und Speicher zur Verfügung. Selbst, wenn eine Pipeline aus Norwegen ausfallen würde, wäre die Situation gesichert."
Das Problem wartet im Sommer
Die viel größere Herausforderung für den deutschen und europäischen Gasmarkt wartet im Sommer. Dann muss sich der Kontinent für den kommenden Winter eindecken und anders als in den Vorjahren deutlich mehr Gas nachbestellen, um die Speicher wieder auf ein ansprechendes Niveau aufzufüllen. Berechnungen zufolge könnten europaweit bis zu 130 LNG-Lieferungen mehr als im vergangenen Jahr notwendig sein, um die Speicherlücke zu schließen.
Darauf können die Anbieter spekulieren und die Preise für Lieferungen im Sommer so hoch treiben, dass sie teurer wären als Lieferungen im kommenden Winter selbst: Das könnte laut der Preisagentur Argus Media dazu führen, dass Händler lieber auf günstigere Preise warten, als nachzubestellen, was wiederum dafür sorgen könnte, dass Deutschland ohne Puffer in den kommenden Winter startet.
Gasreserve? Nein, danke
Trotz dieser Schwierigkeiten raten die Experten jedoch davon ab, eine strategische Gasreserve einzurichten. Denn die würde nicht dabei helfen, einen kalten Winter zu überstehen. Eine Gasreserve braucht man dann, wenn am Markt überhaupt kein Gas mehr verfügbar ist, wie DIW-Expertin Holz im Gespräch mit ntv.de erklärte. Sie ist ein Instrument für eine außergewöhnliche Krisensituation und würde die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler viele Milliarden Euro kosten. Das scheint angesichts der diversen deutschen Gasquellen überflüssig zu sein.
Was die lauten Warnungen über die Füllstände tatsächlich zeigen, ist, dass das Geschäftsmodell der Speicherbetreiber nicht mehr funktioniert. Denen gehört das eingelagerte Gas nicht. Sie vermieten ihre Kapazitäten an Händler, Lieferanten und Versorger, wenn diese Stauraum benötigen. Je seltener die Gasspeicher benötigt werden, desto weniger verdienen die Speicherbetreiber. Deshalb wird bereits darüber diskutiert, einige Speicher stillzulegen.
Dass Wirtschaftsministerin Reiche den Betreibern nicht die Taschen füllen möchte, sollte gelobt, nicht kritisiert werden. Die deutsche Gasversorgung hat sich bewährt - in einem Winter, der äußerst schwierig war.