Wirtschaft

"Regelrechte Flucht in Sachwerte" Minizins quält Anleger

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"Wer kauft beispielsweise ein Stück Wald in Kanada?" - Für manche nur ein schöner Fleck Erde, für andere ein lukrativer Anlage-Parkplatz.

(Foto: REUTERS)

Die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken zwingt Anleger zum Umdenken. Ob Waldflächen, Kunstwerke oder Oldtimer - wer heute noch Rendite erwirtschaften will, muss nach Ansicht von Experten sowohl kreativ als auch geduldig sein.

Niedrige Zinsen nagen an den Ersparnissen der Anleger. Selbst Vermögensmillionäre und ihre Anlageberater müssen sich derzeit besorgt fragen, wo sich Geld heutzutage noch sicher parken lässt. Seit die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken die Märkte mit Liquidität fluten, sei es schwieriger geworden, das Vermögen der Kunden nicht nur zu erhalten, sondern auch auszubauen, berichtet zum Beispiel Anlageexperte René Fischer von Beratungsunternehmen Roland Berger. Bisher scheinen die Niedrigzinsen allerdings keine Spuren auf den Konten der Vermögensmillionäre zu hinterlassen - im Gegenteil.

Die Beratungsgesellschaft Boston Consulting zählte 2012 in Deutschland 362.000 Haushalte mit einem Privatvermögen von 1 Million Dollar oder mehr. Das ist ein deutlicher Zuwachs. Im Jahr 2011 waren es erst 331.000. Einschließlich derjenigen, die über rund 500.000 Euro liquide Mittel verfügen, können in Deutschland mehr als eine Million der Haushalte als wohlhabend gelten, wie die Experten von Roland Berger berechnet haben. Es ist ein lukrativer Markt, den sich vor allem die großen Vermögensverwaltungen der Banken und unabhängige Verwalter teilen.

Klassische Vermögensanlagen bringen keine Rendite

Doch worauf gründen die Patentrezepte, mit denen Profis gegen den drohenden Wertverfall vorgehen? "Aktien und Sachwerte", lautet die Strategie des Frankfurter Vermögensverwalters Focam, der sich auf die Verwaltung von Familienvermögen spezialisiert hat - ab etwa 15 Millionen Euro. "Wir konzentrieren uns verstärkt auf Sachwerte", erläutert Alexander von Franckenstein, Geschäftsführer der Focam-Niederlassung in München. Ein vor vier Jahren aufgelegter Focam-Fonds investiert zum Beispiel in Wälder in Finnland, Uruguay und Neuseeland. Etwa 35 Prozent der Kundengelder legt der Vermögensverwalter in Aktien an.

Kaum Geld lässt sich derzeit mit Staatsanleihen von Ländern mit guter Bonität wie etwa Deutschland verdienen. Sie werfen angesichts der Flucht der Anleger in die als "sicherer Hafen" geltende Papiere kaum noch Rendite ab. "Wir schauen uns daher Italien, Spanien und Portugal an", sagt Franckenstein. Dort ist das Risiko höher, aber eben auch die Rendite.

Billige Kredite befeuern Gründungsboom

Den Trend zu Sachwerten bestätigt Roland-Berger-Experte Fischer. "Es gibt eine regelrechte Flucht der Vermögenden in Sachwerte". Früher wurden neben Aktien und Anleihen im Schnitt etwa 10 Prozent in Immobilien, Rohstoffe, Gold oder Grund und Boden investiert. Mittlerweile liege der Anteil der sogenannten illiquiden Vermögenswerte bei bis zu 30 Prozent. Sehr gefragt sind derzeit auch Unternehmensbeteiligungen. "Es gibt durch das billige Geld der Notenbanken einen regelrechten Gründungsboom im Bereich Social Media und IT", sagt Fischer.

Ohne Risiko sind vermeintlich stabile Anlageformen wie Grund und Boden, Oldtimer oder Kunstwerke allerdings nicht. "Man kommt bei Sachwerten nicht wieder so schnell raus, wer kauft beispielsweise ein Stück Wald in Kanada", sagt Fischer. Vermögensverwalter seien gefordert, diese Risiken den Kunden klar zu machen und auch zu quantifizieren. Daran mangele es derzeit noch.

Der Zukunftsmarkt für das Geschäft mit dem Geld der Reichen und Superreichen ist nach Einschätzung von Roland Berger die Region Asien-Pazifik mit Zuwächsen von 10 Prozent jährlich beim anzulegenden Vermögen. In Europa erwarten die Experten vergleichsweise magere Zuwächse von 3 Prozent im Jahr auf 8,3 Billionen Euro 2017.

Quelle: n-tv.de, mkr/dpa