OpenAI gegen AnthropicDas Börsenwettrennen um die Zukunft der KI-Giganten
Von Hannes Vogel
Zwei Firmen, ein Ziel: OpenAI und sein größter Rivale Anthropic liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Zugang zur Börse. Dem Sieger winkt ein strategischer Vorsprung in der KI-Branche. Egal, wer den Wettlauf gewinnt: So oder so kommt der größte IPO aller Zeiten.
Als Sam Altman Anfang November 2025 nach einem Börsengang von OpenAI Ende 2026 oder 2027 gefragt wurde, stapelte er tief. "Nein, nein, nein. So konkret sind unsere Pläne nicht. Ich bin Realist - irgendwann wird es wohl passieren. Aber warum Leute solche Berichte verfassen, ist mir ein Rätsel", sagte der OpenAI-Chef im Interview mit Hedgefonds-Manager Brad Gerstner.
Kaum drei Monate später scheint sich sein Zeitplan dramatisch beschleunigt zu haben. Laut "Wall Street Journal" soll bei der KI-Schmiede unter Hochdruck an Vorbereitungen für einen Börsengang noch Ende dieses Jahres gearbeitet werden. Informelle Gespräche mit Wall-Street-Banken liefen bereits, zudem würden Schlüsselstellen in der Finanzabteilung schon mit den nötigen Leuten besetzt, berichtet das Blatt.
Der Grund: Nicht nur Google mit seiner KI Gemini, auch das Startup Anthropic ist OpenAI dicht auf den Fersen. Beide Firmen sind Vorreiter bei der Entwicklung von großen Sprachmodellen wie ChatGPT. Beide haben ähnliche Produkte, ähnliches Potenzial und eine ähnliche Größe. Beide machen Milliarden-Deals mit denselben Tech-Giganten im Silicon Valley. Und genau wie bei OpenAI stehen auch bei Anthropic die Zeichen auf einen Mega-Börsengang noch in diesem Jahr.
Der Kampf um die Vorherrschaft in der KI-Branche wird deshalb nicht mehr nur darüber entschieden, wer die überzeugendsten Modelle entwickeln kann, sondern wer das Börsenrennen gewinnt. Dem Sieger winken entscheidende strategische Vorteile.
Sowohl Anthropic als auch OpenAI müssen an die Börse
830 Milliarden Dollar ist OpenAI laut seiner derzeit laufenden Finanzierungsrunde wert und damit, nach Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX, das zweitwertvollste Startup der Welt. Doch Altmans KI-Schmiede steht an einem Wendepunkt: Die Konkurrenz holt auf, die Kosten explodieren, zu wenige Kunden bezahlen. Intern hat er längst Alarmstufe Rot ausgerufen. OpenAI braucht dringend frisches Geld: Amazon will laut Medienberichten bis zu 50 Milliarden Dollar investieren, auch Softbank weitere 30 Milliarden Dollar nachschießen, Nvidia ebenfalls 30 Milliarden Dollar beisteuern. Insgesamt könnten im Rahmen der aktuellen Finanzierungsrunde mehr als 100 Milliarden Dollar zusätzlich auf OpenAI regnen.
Doch selbst diese Summen verblassen angesichts der gigantischen Zahlungsverpflichtungen, die Altman bereits eingegangen ist: Rund 1,4 Billionen Dollar gibt OpenAI in den nächsten Jahren für Rechenleistung aus, obwohl es laut Finanzchefin Sarah Friar jährlich nur etwa 20 Milliarden Dollar einnimmt. Diese Wette auf die Zukunft lässt sich kaum weiter durchhalten, ohne mittels eines Börsengangs den Kapitalmarkt anzuzapfen.
Die Börse eröffnet den Zugang unter anderem zu großen institutionellen Investoren, wie Pensionsfonds, die bislang vor allem über Rechenzentren und Infrastruktur in den KI-Boom, weniger aber direkt in die Entwicklung von Sprachmodellen investieren. Mit der finanziellen Feuerkraft solcher Investoren im Rücken würden sich viele Sorgen um die Profitabilität und finanzielle Schieflage von OpenAI zerstreuen. Das Startup könnte aus dem Stand auf einen Börsenwert von bis zu einer Billion Dollar kommen und damit finanziell in ruhigeres Fahrwasser.
Doch auf dieses Kapital von der Börse ist auch Anthropic angewiesen: OpenAI's größter Rivale hat gerade 30 Milliarden Dollar neues Kapital eingesammelt. Nach dieser Bewertungsrunde ist Anthropic nun 380 Milliarden Dollar wert. Mehrere große Tech-Konzerne setzen gleichzeitig auf beide Vorreiter der Künstlichen Intelligenz: Genau wie in OpenAI haben Nvidia (zehn Milliarden Dollar), Microsoft (fünf Milliarden Dollar) und Amazon (acht Milliarden Dollar) massiv in Anthropic investiert und strategische Cloud-Partnerschaften mit dem Startup geschmiedet.
Auch Anthropic schreibt tiefrote Zahlen und muss über kurz oder lang die Börsen anzapfen, um finanziell tragfähig zu bleiben. Allerdings sind die Ausgaben dort nicht so exorbitant wie bei OpenAI. Daher dürfte Anthropic deutlich schneller profitabel werden. Schon 2028 soll es laut "Wall Street Journal" soweit sein, bei OpenAI dagegen erst zwei Jahre später. Anthropic, das 2021 von ehemaligen OpenAI-Ingenieuren um den jetzigen CEO Dario Amodei und seine Schwester Daniela gegründet wurde, setzt vor allem auf Anwendungen für Unternehmen und Entwickler. Zudem hat Anthropic mit Claude Cowork, einem Produktivitätsagenten, einen viralen Hit gelandet, der die Bezahl-Abos explodieren lässt.
Der größte Börsengang aller Zeiten kommt so oder so
Dieses Tempo, das Anthropic vorlegt, beunruhigt Berichten zufolge OpenAI-Manager, die fürchten, im Rennen um das Börsendebüt das Nachsehen zu haben. Wer zuerst kommt, ist wichtig. Denn der Finanzbedarf aller Wettbewerber insgesamt ist so riesig, dass der Gewinner den Konkurrenten, die danach ins Ziel gehen, potenziell Kapital absaugt.
Umso mehr, weil es noch einen dritten Kandidaten gibt: Elon Musks xAI. Das ist mit einer aktuellen Bewertung von gut 250 Milliarden Dollar zwar eigentlich das kleinste Startup im KI-Börsenrennen. Dafür hat Musk es aber gerade mit seiner Raketenfirma SpaceX fusioniert, die anders als xAI schon heute profitabel ist und die defizitäre KI-Entwicklung so finanziell stabilisiert. Und auch SpaceX will - inklusive xAI - so schnell wie möglich an die Börse, womöglich sogar schon im Sommer und nicht erst Ende des Jahres wie OpenAI. Mit etwa 1,25 Billionen Dollar wird Musks fusionierte KI-Raketen-Firma derzeit bewertet.
Schon jetzt, ohne an der Börse notiert zu sein, sind Anthropic (380 Milliarden Dollar), OpenAI (830 Milliarden Dollar) und SpaceX (1,25 Billionen Dollar) zusammen fast 2,5 Billionen Dollar wert. Egal, wer das Rennen am Ende macht: 2026 dürfte in jedem Fall der größte Börsengang aller Zeiten kommen.