Wirtschaft

Shopping-Wahn am Singles Day Wie locker sitzt den Chinesen noch das Geld?

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Alibaba wirbt auf einem Plakat in Schanghai für den Singles Day. Die Kauflaune der Verbraucher ist immer noch gut. Aber Experten warnen vor einer zunehmenden Schwäche der zugrunde liegende Wirtschaft.

(Foto: REUTERS)

China ist das Land der Rekorde beim Online-Handel. Der Singles Day ist nicht nur das mit Abstand größte Shopping-Event der Welt. Es gilt auch als Gradmesser für Black Friday, Cyber Monday und die Konsumlaune weltweit überhaupt. Doch dieses Jahr ist in China einiges anders.

Alle Jahre wieder bricht sich im November im Internet der vorweihnachtliche Shopping-Wahnsinn Bahn: Die Rabattschlacht beginnt mit dem Singles Day am 11. November - ein Event, das in China erfunden und dann mehr oder weniger zu uns nach Europa herübergeschwappt ist -, und sie gipfelt im Black Friday am 26. und Cyber Monday am 29. November.

Der Singles Day ist eine Goldgrube für den Handel. Seitdem Alibaba das erste Singles Day Shopping Festival am 11. November 2009 ins Leben gerufen hat, hat sich das Event zu einem Kaufrausch ausgewachsen, der traditionell nicht nur die Kassen von Alibaba, sondern der größten E-Commerce-Unternehmen weltweit klingeln lässt. Jahr für Jahr beschert der Shoppingspaß der Superlative Umsätze in zweistelliger Milliardenhöhe. Der chinesische Platzhirsch Alibaba erlöste im vergangenen Jahr rund 75 Milliarden Dollar. Der Rivale JD.com kam auf 41 Milliarden Umsatz.

Aufgrund seiner Größe gilt der Singles Day als Schrittmacher und Gradmesser - sowohl für die Konsumlaune in China, als auch die weltweit. Mit mehr als 600 Millionen Online-Shoppern sind chinesische Konsumenten die begehrteste Verbrauchergruppe auf Erden. Zudem gehen 30 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums auf China zurück. Schwächeln die chinesischen Verbraucher, schwächelt die Welt. Anders ausgedrückt: "Jede Delle in China hat negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft", wie der Ökonom und China-Experte Horst Löchel im SRF-Interview sagt.

Deshalb schauen Einzelhändler und Ökonomen im zweiten Corona-Jahr auch mit Argusaugen auf die Entwicklungen im Reich der Mitte. Neue Rekorde dürfte das diesjährige Shopping-Event nicht knacken. Die Prognosen der Beobachter sind vorsichtig geworden. Citi-Analysten erwarten, dass das gesamte Bruttowarenvolumen (GMV) von Alibaba in den ersten elf Tagen im November umgerechnet 90 Milliarden Dollar erreichen wird. Das entspricht einem Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Jahr zuvor hatte der chinesische Onlineriese hier noch ein Plus von 26 Prozent verzeichnet. Ähnlich sieht bei den Erwartungen für JD.com aus: Statt 33 Prozent Steigerung wie im Vorjahr, soll sich das Wachstum auf 22 bis 26 verlangsamen.

Pandemie und Inflation als Konsumbremse

Covid-19 hat die Einkaufsgewohnheiten der chinesischen Konsumenten nachhaltig verändert. Auch gegen Ende des zweiten Pandemiejahres kommt es immer wieder zu vereinzelten neuen Ausbrüchen von Corona-Fällen, die Bremsspuren in der Wirtschaft hinterlassen. Da die Staatsführung eine Null-Covid-Strategie verfolgt, begegnet sie diesen auf lokaler Ebene stets mit drakonischen Maßnahmen wie wochenlangen Ausgangssperren und Reisebeschränkungen.

Zwar haben sich die Umsätze im chinesischen Einzelhandel, die als Indikator für den Konsum gelten, im September mit 4,4 Prozent etwas stärker als erwartet erholt. Aber die Wachstumsrate liegt immer noch deutlich unter der von 8 Prozent im Dezember 2019, also vor der Pandemie. Erwartungen, dass sich der Konsum von den Corona-Restriktionen schneller erholen würde, haben sich nicht erfüllt.

Die Emerging Market Portfoliomanagerin Jennifer James verweist zur Begründung darauf, dass die größte Belastung durch die wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona von denjenigen getragen wird, die auch am anfälligsten für sie sind. Geringverdiener machten 40 Prozent der Bevölkerung aus, und die Arbeitsmarktdaten deuteten darauf hin, dass ihr Einkommen nicht im gleichen Maße gestiegen sei wie das in den einträglicheren Berufen in der Technologiebranche oder Finanzdienstleistungen, führt sie für das Portal e-fundresearch aus. Die Sparquoten der privaten Haushalte seien zwar gleichzeitig infolge der Lockdowns gestiegen. Doch seien sie von den Sparern nicht genutzt worden, um einen konsumorientierten Aufschwung herbeizuführen, als die Wirtschaft wieder ansprang. Die chinesischen Verbraucher sind demnach vorsichtiger geworden.

In der jüngst veröffentlichten Citi-Analyse ist zwar immer noch von einer "starke Verbrauchernachfrage" die Rede. Die Autoren schreiben aber auch, dass sie "vorsichtig" seien, weil die Stimmung von einer "zunehmenden Schwäche der zugrunde liegende Wirtschaft" beeinflusst werden könnte.

Gebeutelt sind Wirtschaft und Menschen nicht nur durch die Pandemie. Auch die Inflation ist gestiegen. Die Kosten für Waren, die die Fabriken verlassen, sind im vergangenen Monat um rekordhohe 13,5 Prozent zum Vorjahr gestiegen. Die gestiegenen Preise werden bereits an die Verbraucher weitergegeben: Chinas Verbraucherpreisindex kletterte um 1,5 Prozent zum Vorjahr, doppelt so schnell wie im Vormonat. Das ist der schnellste Anstieg seit September 2020. Die Inflation drückt nicht nur die Gewinnmargen, sie schmälert auch die Kaufkraft der Verbraucher - auch das dürfte sich beim alljährlichen Shopping-Großereignis bemerkbar machen.

Peking und der Kampf gegen die Marktmacht großer Konzerne

Das umfassende staatliche Vorgehen der Führung in Peking gegen die Privatwirtschaft dürfte ebenfalls ein Bremsklotz sein, der neue Rekorde verhindern dürfte. Im Fokus der Regierung stehen nicht nur die großen Technologie- und Immobilienfirmen. Auch mächtige E-Commerce-Unternehmen sind in diesem Jahr sukzessive an die Kandare genommen worden. Anfang 2021 brummte die staatliche Behörde für Marktregulierung Alibaba eine Rekordstrafe von 2,8 Milliarden Dollar auf - vier Prozent des Umsatzes des Jahres 2019. JD.com, Tencent, Pinduoduo, Meituan und weitere Unternehmen mussten ebenfalls wegen angeblich wettbewerbswidrigen Verhaltens Geldstrafen zahlen.

Und Peking lässt nicht locker. Erst am Samstag untersagte die Behörde den E-Commerce-Plattformen unlautere Praktiken im Weihnachtsgeschäft, wie zum Beispiel "Preiserhöhungen, bevor Artikel zum Kauf angeboten werden". Außerdem lud das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie, das die Internetbranche beaufsichtigt, Alibaba, JD.com, Pinduoduo und Meituan vergangene Woche vor und warnte, Verbraucher am Singles Day mit Werbebotschaften zu überhäufen.

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Hinzu kommen die CO₂-Vorgaben der Regierung zum Klimaschutz sowie das Ziel der Führung in Peking, den Spagat zwischen Gewinn und Wachstum auf der einen Seite und den Schutz und das Wohlergehen seiner Bevölkerung auf der anderen Seite zu sichern. Das geht nicht spurlos an den Unternehmen vorbei. "Das diesjährige Festival markiert ein neues Kapitel für 11.11.", zitiert CNN den Marketingleiter von Alibaba, Chris Tung aus einer Unternehmenserklärung. "Wir glauben, dass wir die Kraft von 11.11 nutzen müssen, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern und die Inklusion für Verbraucher, Händler und Partner in unserem gesamten Ökosystem zu fördern."

Seitdem ihr Premier Xi Jinping seine Priorität der Umverteilung des Reichtums und des "gemeinsamen Wohlstands" deutlich gemacht hat, haben sich viele chinesische Unternehmen sogar beeilt, Milliarden von Dollar aus ihren eigenen Gewinnen für staatliche soziale Zwecke zu spenden. Bei allen "Störfeuern" für die großen Händler in China gibt es trotzdem einen Lichtblick: Laut einer Studie des globalen Beratungsunternehmens Alix Partners beabsichtigen 85 Prozent der befragten Chinesen beim Singles Day in diesem Jahr gleich viel oder mehr als 2020 auszugeben. Der letzte Shopping-Event wird das sicherlich nicht gewesen sein.

Quelle: ntv.de

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