Wirtschaft

Skandale am laufenden Band Die langen Schatten des alten VW-Regimes

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Eine Vergangenheit wie eine dicke, klebrige Staubschicht - das Unternehmen braucht viel frischen Wind.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ist der "Würger von Wolfsburg" noch ein Begriff? Skandale und Tricksereien haben in der Geschichte von Volkswagen eine lange Tradition. Gute Unternehmensführung nicht. Die müssen die Manager erst lernen. Und das fällt schwer.

Jetzt aber Tempo. VW-Mitarbeiter, die in die Abgasmanipulationen im Konzern verwickelt sind und mit einem Geständnis ihren Job retten wollen, sollten sich beeilen. Laut Medienberichten will Volkswagen sein erst kürzlich angelaufenes Amnestieprogramm für Beschäftigte Ende des Monats auslaufen lassen. Ob die Abschaffung der Kronzeugenregelung zu diesem Zeitpunkt sinnvoll ist, ist fraglich. Der Schritt wirkt eher überstürzt. Zumal den Berichten zufolge selbst nicht näher genannte Konzernkreise eingeräumt haben sollen, dass das Amnestieangebot viel zu spät gekommen sei. Kommentieren will der Konzern das nicht.

VW Vorzüge
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Volkswagen tut sich mit Corporate Governance, also guter Unternehmensführung, schwer. Das gilt nicht nur im Zusammenhang mit dem Abgasskandal. Seit Wochen bekommt der Konzern dafür sein Fett weg. Häufig fällt das Wort "Angstkultur", die der Konzern den Arbeitnehmern jahrzehntelang implantiert habe.

Corporate Governance? Fehlanzeige!

Dass in Wolfsburg irgendwann eine "Bombe" wie der Abgasskandal platzen würde, kommt deshalb für viele nicht überraschend. Vielmehr fragen sie sich, warum es nicht schon früher passierte. Charles M. Elson, Professor für Coporate Governance an der Universität of Delaware, beschrieb es in der "New York Times" mit den Worten: "Das war ein Unfall, der darauf wartete, dass er passierte." Die Führung von Volkswagen sei ein "perfekter Nährboden für Skandale" gewesen.

Kritiker wie er stoßen sich vor allem an der seltsamen Eigentümerstruktur, einer Mischung von Familienunternehmen und Staatskonzern mit erheblichem Einfluss der Gewerkschaften. "Dieser Riesenkonzern ist ein Lehrbuchbeispiel für einen vollkommen personen- beziehungsweise eignerkonzentrierten monokratischen Führungsstil, dessen Funktionieren nur auf der Macht weniger basiert", beschrieb es Manuel Theisen, einer der profiliertesten deutschen Experten für gute Unternehmensführung im "Handelsblatt".

Im Zentrum der Kritik steht immer wieder Ferdinand Piëch, der den Konzern jahrelang mit strenger Hand "durchregierte" - bis zu seinem im April erzwungenen Rücktritt. Piëch habe den Laden geführt "wie seine eigene Würstchenbude", so Theisen. Die "Süddeutsche Zeitung" verglich die Unternehmensführung mit der Regierung Nordkoreas. Die Voraussetzungen für eine gut funktionierende Unternehmenskultur sehen anders aus.

Durchregieren mit dem "Würger von Wolfsburg"

Die Machtstruktur im Konzern war auch ein perfekter Nährboden für geheime Missionen jenseits der Legalität. Das zeigte sich bereits früher. Anfang der 90er Jahre warb Piëch José Ignacio López vom Konkurrenten GM ab. Sein Auftrag: Für VW die Einkaufspreise bei den Zulieferern drücken. López profilierte sich. Aber nach seinem Wechsel fanden Ermittler Unterlagen und Rechner-Daten über Einkaufspreise von Modellen des amerikanischen Autobauers bei seinen Mitarbeitern. GM klagte.

Das glimpfliche Ende für Volkswagen: Das Strafverfahren gegen López wurde eingestellt. Wegen seiner kompromisslosen Verhandlungsführung ging López als "Würger von Wolfburg" in die Unternehmensgeschichte ein. Heute ist klar, dass das Unternehmen für diese jahrzehntelange Einpeitscherei seiner Mitarbeiter einen hohen Preis zahlen wird.

Inakzeptabel hinsichtlich Corporate Governance war auch die Übernahmeschlacht zwischen VW und Porsche 2008. Piëch saß in den beiden Aufsichtsräten beider Konzerne. Er war also immer über die Absichten beider Seiten informiert.

Auch die Arbeitnehmervertreter haben nichts zu einer besseren Unternehmenskultur beigetragen. Aus heutiger Sicht müssen sie sich die kritische Frage gefallen lassen, ob das Ziel, eine möglichst hohe Beschäftigtenzahl zu sichern, wirklich das Richtige war. VW hat heute 600.000 Mitarbeiter und stellt pro Jahr in etwa 10 Millionen Fahrzeuge her. Toyota schafft denselben Output mit 340.000 Beschäftigten. Dass die Gewerkschaft nichts anderes als Arbeitsplätze im Blick hatte, war fatal. Zu guter Corporate Governance gehört auch, Wachstumsstrategien der Unternehmenslenker kritisch zu begleiten.

Zwielichtige Rolle des Betriebsrats

Auch in anderer Hinsicht hat die Gewerkschaft heute einen schweren Stand. Unbeantwortet ist die Frage, ob der Betriebsrat eigentlich die ganzen Jahre bewusst weggesehen habe. Das Nichtwissen um die Zustände im Konzern ist auf keinen Fall eine Empfehlung für das mächtige Gremium bei VW.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält Betriebsratschef Bernd Osterloh sogar für mitverantwortlich. Dieser sitze seit vielen Jahren im Präsidium des Aufsichtsrats - er sei "der mächtigste Mann im VW-Konzern". "Es ist unvorstellbar, dass Osterloh nichts davon gewusst hat, dass die Mitarbeiter über Jahre in einem System der Angst und der chronischen Überforderung gearbeitet haben."

Dieses System habe "maßgeblich dazu beigetragen", offenbar auch mit illegalen Manipulationen Konzernziele zu erreichen. Es müsse kritisch hinterfragt werden, "warum Osterloh nichts gegen diese repressive Unternehmenspraxis unternommen hat". Er müsse sich auch fragen lassen, warum er die Arbeitsbedingungen der Ingenieure nicht gekannt habe oder nicht dagegen eingeschritten sei.

Eine Rechtfertigung für die Behandlung, die das Gremium jüngst durch die Unternehmensführung erfahren hat, ist das nicht. In der schwersten Krise der Unternehmensgeschichte versäumte sie es, die Arbeitnehmervertreter mit auf die Reise in eine sauberere Zukunft zu nehmen. Osterloh kritisierte den Vorstand dafür scharf: Das Management verkünde Sparmaßnahmen und lasse den Betriebsrat dabei bewusst außen vor. Offenbar hat man an der Konzernspitze auch noch nicht dazu gelernt. Konzernchef Müller versucht angeblich, die Wogen zu glätten.

Blick in den Rückspiegel zeigt: Das Ziel ist fern

Wie schwer Krisenmanagement ist, wurde zuletzt auch noch anderswo sichtbar. Die Wolfsburger haben es geschafft, die US-Behörden mit ihrer zögerlichen Informationspolitik in beispielloser Art gegen sich aufzubringen. Medienberichten zufolge wurde ein VW-Mitarbeiter in den USA wegen "Fluchtgefahr" der Pass abgenommen. Der deutsch-amerikanischen Kommunikation in der Abgas-Krise ist das nicht zuträglich. Gespräche in den USA wären dringend nötig. Die US-Behörden haben den Abgasskandal immerhin aufgedeckt. Aber VW-Chef Müller, der in der zweiten Novemberhälfte in die USA fliegen wollte, soll seine Reise vor diesem Hintergrund nun überdenken.

Die "Unternehmenskultur des Mangels" abzuschütteln, wird lange dauern. Auch deshalb sollte die Kronzeugenregelung weiter bestehen bleiben. Eine Art Ombudsmann-System, das es seit Jahren gibt, und an das sich die Mitarbeiter auch anonym wenden können, hat nicht ausgereicht, wie sich gezeigt hat. Im Gegenteil: In die Manipulationen involvierte Ingenieure und Techniker haben noch tagelang aus Angst um ihren Job gezögert - trotz Kronzeugenregelung.

Müller installiert neuen Chef-Ermittler

In der VW-Affäre ist noch lange kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ex-Porsche-Manager Müller arbeitet derzeit daran, sich bei der Aufklärung immer noch mit dem "richtigen" Personal zu umgeben. Dabei setzt er verstärkt auf Porsche-Kollegen. Laut NDR tauschte er jetzt seinen Chefaufklärer in der Konzernrevision aus. Kommissarischer Nachfolger für Peter Dörfler ist Markus Eberl, der bisherige Leiter der technischen Revision von Porsche. Die Konzernrevision hat bei der Aufarbeitung eines Skandals eine Schlüsselposition inne. Die Abteilung informiert unter anderem den VW-Aufsichtsrat.

Es sind harte Zeiten für die Wolfsburger. Der Konzern muss fast täglich an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen. Überall muss aufgearbeitet und nachgebessert werden. Gleichzeitig muss nach außen kommuniziert und intern umstrukturiert werden. Müller muss Tempo machen. Jede Stimme, die Licht ins Dunkle bringen kann, zählt. Die Führung von Volkswagen sollte dabei im Auge behalten: Der Konzern ist nicht nur durch technische, sondern auch durch ethische Verfehlungen zum größten Kapitalvernichter der Welt geworden. Auf beiden Baustellen ist Tempo angesagt.

Quelle: ntv.de