Wirtschaft

"Überholte Voraussetzungen" Stromlobby: Million Ladepunkte nicht nötig

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Als "ein Szenario, das von mittlerweile überholten Voraussetzungen ausgeht", kritisiert die Geschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, Andreae die Zielsetzung von einer Million Ladepunkten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eine Strategie der Bundesregierung zur CO2-Reduktion ist der Umstieg auf E-Mobilität. Dafür soll das Ziel von einer Million öffentlicher Ladepunkte bis 2030 erreicht werden. Die Energiewirtschaft ist von dem Vorhaben gar nicht begeistert und wirbt für deutlich angepasste Maßnahmen.

In Deutschland gewinnt der Ausbau der Ladepunkte für Elektroautos nach Angaben der Stromlobby an Tempo. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) teilte mit, in seinem Register seien nun 39.538 öffentliche Ladepunkte gemeldet. Jeder siebte davon sei ein Schnelllader. Damit seien binnen drei Monaten rund 3800 Stationen hinzugekommen. Der Zuwachs um gut zehn Prozent trotz Corona-Lockdown mache deutlich, dass der Ausbau der öffentlichen Ladepunkte ungebremst weitergehe.

Ob das Ziel der Politik, bis 2030 eine Million öffentliche Ladepunkte für Elektroautos zu errichten, sinnvoll ist, stellt die Energiewirtschaft infrage. Es handle sich hierbei um "ein Szenario, das von mittlerweile überholten Voraussetzungen ausgeht", sagte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, Kerstin Andreae, anlässlich der Vorstellung eines 10-Punkte-Plans an die Bundesregierung. "Auch das Bild 'Laden ist das neue Tanken' ist nicht das richtige Bild. Wir reden über ein ganz anderes System, man tankt nebenbei, beim Arbeiten, beim Einkaufen, dem Besuch im Fitnessstudio."

Beim Autogipfel 2019 hatte die Bundesregierung auf Druck der Autoindustrie das Millionen-Ziel ausgegeben, um bis 2030 bis zu zehn Millionen E-Autos auf die Straßen zu bekommen. Die Nationale Plattform zur Zukunft der Mobilität unterstellt in ihren Ausbau-Szenarien aber nur dann einen Bedarf von 950.000 Ladepunkten, wenn lediglich 10 Prozent davon Schnellladesäulen sind und wenn 40 Prozent der Ladevorgänge in der Öffentlichkeit stattfinden. In drei optimistischeren Szenarien gehen die Experten dagegen von sinkenden Bedarfen von 470.000 oder 360.000 aus. Sofern der Anteil an Schnellladesäulen auf ein Drittel steigt und der Zapfanteil im öffentlichen Raum auf 15 Prozent sinkt, wären sogar nur gar 180.000 Ladepunkte nötig.

Lademöglichkeiten am Arbeitsplatz schaffen

Laut BDEW muss vor allem der Ausbau der Lademöglichkeiten am Arbeitsplatz und zu Hause in den Blick genommen werden. Allein an diesen beiden Orten fänden neun von zehn Ladevorgängen statt. In seinem 10-Punkte-Plan fordert der Verband daher weitere Erleichterungen bei Gebäuden. Sowohl mit Blick auf Neubauten bei den Ein- und Zweifamilienhäusern, als auch bei den zu renovierenden Bestandsgebäuden seien "ambitioniertere Grenzwerte sinnvoll", heißt es darin. Hürden gebe es auch bei mehr Ladevorgängen bei Unternehmen: Diese entstehen durch die komplizierte Eigenstromabgrenzung bei Dienstwagen, die beim Arbeitnehmer mit Solaranlage zu Hause nötig seien.

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Der Ausbau der Elektromobilität ist in Deutschland jahrelang nur schleppend vorangekommen. Energiewirtschaft und die Automobilindustrie warfen sich gegenseitig vor, zu wenig zu unternehmen.

Es müssten alle Akteure noch stärker Hand in Hand arbeiten, forderte die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, Kerstin Andreae. Bund, Länder und Kommunen müssten die Flächen für neue Ladesäulen-Standorte kurzfristig und unbürokratisch zur Verfügung stellen und die Genehmigungsverfahren beschleunigen. "Entscheidend für eine klimafreundliche Mobilität ist auch ausreichend grüner Strom. Um den steigenden Bedarf zu bedienen, brauchen wir dringend einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien."

Quelle: ntv.de, jru/rts/DJ

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