Wirtschaft

Diskussion um KrankschreibungStudie: Krankenstand kostet bis zu 160 Milliarden Euro

26.01.2026, 16:42 Uhr
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Der Studie zufolge gab es einen Sprung beim Krankenstand von 2021 auf 2022. Experten verweisen auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in der Statistik zum 1. Januar 2022. (Foto: picture alliance / Caro Kadatz)

Der Anstieg von Krankschreibungen in Deutschland kostet viel, kritisiert die Wirtschaft und sorgt für Diskussion innerhalb der Koalition. Experten zufolge sind aber nicht mehr Menschen krank, sondern vor allem die Neuerfassung von Arbeitsunfähigkeit Grund für den Anstieg.

Die häufigen Ausfälle von Beschäftigten wegen Krankheit kosten die deutsche Wirtschaft Milliarden. "Seit vier Jahren ist der Krankenstand auf einem weit überdurchschnittlichen Niveau, mit erheblichen wirtschaftlichen Konsequenzen", heißt es in einer Studie des Pharmaverbands VFA. Arbeitnehmer in Deutschland seien häufiger krank als in anderen Ländern.

Im vergangenen Jahr habe der Krankenstand mit 5,7 Prozent rund zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der Jahre 2003 bis 2019 gelegen, schreibt VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen. Selbst bei vorsichtiger Schätzung belaufe sich der Verlust in der Wertschöpfung durch den hohen Krankenstand auf ein Drittel Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung - schlimmstenfalls wären es fast ein Prozent pro Jahr.

"In der Summe der vergangenen vier Jahre entspricht dies einem Ausfall von bis zu 160 Milliarden Euro." Die finanziellen Lasten für die Krankenversicherungen seien dabei noch nicht berücksichtigt. "In Zeiten eines sinkenden Erwerbstätigenpotenzials kann dauerhaft nicht auf umgerechnet 300.000 Erwerbstätige wegen Krankheit verzichtet werden."

Krankenstand erschwert Konjunkturerholung

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller plädiert daher für mehr Vorsorge und Prävention - etwa mit breiten Grippe-Impfungen. "In einem Umfeld ohnehin schwacher Wachstumsraten fallen krankheitsbedingte Ausfälle in der Produktion besonders ins Gewicht und belasten die konjunkturelle Erholung", schreibt Chefvolkswirt Michelsen.

Der Studie zufolge gab es einen Sprung beim Krankenstand von 2021 auf 2022, der maßgeblich auf Atemwegserkrankungen wie Grippe, RSV und Covid-Infektionen zurückging. Seitdem habe sich der Krankenstand zwar etwas verringert, bleibt aber erhöht.

Telefonische Krankschreibung in der Kritik

Für tatsächlich höhere Krankenstände spreche, dass es seit 2022 anhaltend mehr Arztbesuche gebe, so der VFA. Außerdem seien in den vergangenen vier Jahren weltweit stärkere Grippewellen aufgetreten und 2023 in Deutschland eine unüblich schwere RSV-Welle. Die oft kritisierte telefonische Krankschreibung habe dagegen wohl keinen spürbaren Effekt, da sie schon seit 2020 existiere, also vor dem Sprung beim Krankenstand 2022.

Die großen Krankheitsausfälle haben eine Debatte über die Arbeitsmoral in Deutschland ausgelöst. Kanzler Friedrich Merz beklagte kürzlich den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand. Beschäftigte hierzulande kämen im Schnitt auf 14,5 Krankentage im Jahr, kritisierte er und stellte die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung infrage. Gesundheitsministerin Nina Warken kündigte an, die Regelung zu überprüfen. Die SPD lehnt ein Ende der Möglichkeit zu Krankschreibungen per Telefon ab.

Experten: Neue Bescheinigungen Grund für plötzlichen Anstieg

Laut Experteneinschätzungen liegt die erhöhte Zahl von Krankheitstagen vor allem an der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung am 1. Januar 2022. "Diese führt zu einer vollständigeren Erfassung der Arbeitsunfähigkeit, da vor allem kurze Arbeitsunfähigkeiten häufiger an die Krankenkasse gemeldet wurden", schreibt das Statistische Bundesamt. Der Anstieg der Krankheitstage entstehe nicht, "weil die Leute auf einmal schlagartig mehr krank sind, sondern weil in der Vergangenheit, als das alles mit Papierform gemacht wurde, viele Fälle von Arbeitsunfähigkeit gar nicht in der Statistik aufgetaucht sind", sagt auch Sozialwissenschaftler Stefan Sell im Gespräch mit ntv.

Die ausgedruckten Bescheinigungen seien teilweise nicht abgegeben oder eingereicht worden. Seit 2022 übermittelt der Arzt oder die Ärztin diese jedoch direkt an die jeweilige Krankenkasse. Als zweiten Punkt führt Sell eine höhere Sensibilisierung der Menschen ins Feld. Seit der Corona-Pandemie ließen sich die Erwerbstätigen bei Atemwegserkrankungen schneller krankschreiben. So wird unter anderem verhindert, dass sich andere Personen im Betrieb anstecken können.

Auch die Vizepräsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen, Ivon Ames, kritisierte die Aussagen der Union. Die Zahl der Menschen, die sich falsch gegenüber ihrem Arbeitgeber verhalten, sei äußerst gering und liege vermutlich in einem niedrigen einstelligen Prozentbereich. Außerdem gehe es darum, zu untersuchen, wie es zu verschlechterten Verhältnissen einzelner Arbeitnehmer mit ihren Arbeitgebern komme. "Der Weg zur Krankmeldung wird in der aktuellen Debatte ausgeklammert", sagte Ames.

Quelle: ntv.de, gri/dpa

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