Wirtschaft

Showdown in WolfsburgWer kann VW-Chef Oliver Blume jetzt noch stoppen?

03.09.2026, 16:34 Uhr
imageVon Diana Dittmer
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VW-Chef Oliver Blume steht vor der schwierigsten Machtprobe seiner Amtszeit. Sein Sparkurs bringt Betriebsrat, Gewerkschaft und Land Niedersachsen gegen ihn auf. (Foto: picture alliance/dpa)

In Wolfsburg geht es in diesen Tagen um mehr als nur um Werke und Stellen. Vorstand, Betriebsrat und das Land Niedersachsen ringen um den künftigen Kurs des Konzerns. Ein internes, durchgesickertes Papier hat den Konflikt zwischen den Lagern noch einmal verschärft. Nach jüngsten Berichten könnten sich Gewerkschaft und Land mit einem gemeinsamen Gegenvorschlag gegen den Vorstand formieren. Es geht nicht nur um die Grenzen des Sparkurses, sondern auch darum, ob das traditionelle Kräfteverhältnis in Wolfsburg noch funktioniert. Am Freitag wird sich entscheiden, ob VW noch einen Kompromiss findet - oder in eine historische Machtprobe schlittert. Das sollten Sie jetzt über die VW-Krise wissen.

Was genau passiert jetzt in Wolfsburg?

Nachdem ein letzter Kompromissversuch von Chefaufseher Hans Dieter Pötsch am Mittwochabend gescheitert ist, kommt das Präsidium des VW-Aufsichtsrats am heutigen Donnerstag zu einer Krisensitzung zusammen. Das Treffen ist das unmittelbare Vorspiel für Freitag, wenn das gesamte 20-köpfige Kontrollgremium über den künftigen Kurs des Konzerns entscheiden soll. Bislang stehen drei Konzepte gegeneinander: die Sparpläne des Vorstands, der Vorschlag der Arbeitnehmerseite und die Linie des Landes Niedersachsen. Allerdings zeichnet sich möglicherweise auch eine neue Konstellation ab: Gewerkschaft und Land könnten ihre Positionen bündeln und am Freitag einen gemeinsamen Gegenvorschlag zur Abstimmung vorlegen, wie das "Handelsblatt" berichtet.

Ob es tatsächlich eine gemeinsame Vorlage geben wird, soll sich vor der Aufsichtsratssitzung entscheiden. Klar ist aber schon jetzt: Die Auseinandersetzung dreht sich nicht mehr nur um Einsparungen, sondern um die Frage, wer künftig den Kurs des größten europäischen Autobauers bestimmt.

Was steht in dem geheimen VW-Papier?

Laut dem durchgesickerten 147-seitigen internen Vorstandspapier plant die Konzernspitze weit mehr als die bislang vereinbarten Einsparungen. Der Stellenabbau soll ausgeweitet werden. Zudem sollen die Kosten an den deutschen Standorten drastisch sinken. Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner wirft dem Vorstand vor, vier deutsche Traditionsstandorte infrage zu stellen. Werksschließungen und ein weiterer massiver Stellenabbau galten bislang als politische Tabus. Entsprechend groß ist die Unruhe in der Belegschaft - und verhärtet sind die Fronten zwischen Vorstand und Arbeitnehmerseite.

Welchen deutschen Werken droht das Aus?

Der "Transformationsplan" des Vorstands betrifft die vier deutschen Standorte Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm (Audi). In den vergangenen Tagen wurde der Verdacht laut, der Vorstand könne auf ein schleichendes Produktions-Aus setzen. Wenn einem Werk keine neuen Fahrzeuge zugeteilt werden, läuft die Produktion nach dem Ende der bestehenden Modellzyklen irgendwann aus. Eine formelle Schließung wäre zunächst nicht nötig.

Beschlossen ist das allerdings nicht. Die IG Metall bezeichnet entsprechende Spekulationen als "Kokolores" und weist darauf hin, dass eine langfristige Modellbelegung nicht einfach am Aufsichtsrat vorbei entschieden werden kann. Laut Satzung der Volkswagen AG benötigen zentrale Investitions- und Produktentscheidungen die Zustimmung des Kontrollgremiums.

Geht es tatsächlich um mehr als 100.000 Arbeitsplätze?

Laut dem internen Papier sollen zu den bereits vereinbarten Sparmaßnahmen weltweit bis zu 60.000 weitere Stellen wegfallen. Damit würde sich der gesamte Stellenabbau auf mehr als 110.000 Arbeitsplätze summieren. Rund 26.000 der zusätzlich betroffenen Stellen könnten auf Deutschland entfallen. Der Vorstand verweist dabei auf die hohen Kosten der deutschen Standorte. Die Personalkosten pro Beschäftigtem liegen demnach bei rund 163.000 Euro im Jahr - an ausländischen Standorten, beispielsweise in China, bei etwa 74.000 Euro. Für das Management ist das ein zentraler Wettbewerbsnachteil. Betriebsrat und IG Metall sehen darin hingegen einen Angriff auf den Industriestandort Deutschland.

Können die betroffenen Werke noch gerettet werden?

Offiziell gibt es noch eine Chance. Der Vorstand will neue E-Modelle offenbar nur dann an deutsche Standorte vergeben, wenn diese ihre Kosten bis Juni 2027 deutlich senken. Damit steht den Werken eine Art Bewährungsfrist bevor. Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter sind die geforderten Einsparungen allerdings kaum zu erreichen. Sie befürchten, dass den Werken Bedingungen gestellt werden, die letztlich den Weg für einen späteren Produktionsabbau ebnen könnten. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies hat eine klare Grenze gezogen: Ein Sparkonzept, das auf Werksschließungen hinausläuft, werde das Land im Aufsichtsrat nicht mittragen.

Wie konnte sich Oliver Blume so in die Sackgasse manövrieren?

Als er 2022 den Vorstandsvorsitz bei Volkswagen übernahm, war der Konzern bereits tief zerstritten. VW kämpfte mit hohen Kosten, Problemen auf dem chinesischen Markt und einem milliardenschweren Software-Debakel bei der Tochter Cariad. Blume versprach, den Konzern neu aufzustellen. Doch gerade bei der Software und der strategischen Neuausrichtung kam der Konzern nur langsam voran. Hinzu kam seine Doppelrolle als Chef von Volkswagen und Porsche. Anfang 2025 musste er die operative Führung bei Porsche abgeben. Gleichzeitig verlor der VW-Konzern unter seiner Führung deutlich an Börsenwert.

Nun steht Blume vor der schwierigsten Machtprobe seiner Amtszeit. Er muss einen Sanierungskurs durchsetzen - aus einer Position der Schwäche heraus -, der bei den Arbeitnehmern und in der Politik auf massiven Widerstand stößt. Aus Sicht seiner Kritiker hat der Vorstand dabei einen entscheidenden Fehler gemacht, denn die weitreichenden Pläne wurden bekannt, bevor ein tragfähiger Konsens mit den Arbeitnehmervertretern und dem Land Niedersachsen gefunden war. Genau das widerspricht der traditionellen Wolfsburger Logik, denn bei VW werden große Entscheidungen normalerweise erst zwischen den mächtigen Interessengruppen ausgehandelt und dann verkündet.

Wer hat in Wolfsburg jetzt die Macht?

Der Konflikt folgt der besonderen Machtarchitektur von Volkswagen. Auf der einen Seite stehen Vorstand und die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, auf der anderen Betriebsrat und IG Metall. Die Arbeitnehmerseite besetzt die Hälfte der 20 Sitze im Aufsichtsrat. Hinzu kommen zwei Vertreter des Landes Niedersachsen. Das Land verfügt zudem über 20 Prozent der Stimmrechte und damit über eine Sperrminorität bei wichtigen Entscheidungen. Ministerpräsident Olaf Lies kann deshalb zentrale Beschlüsse blockieren. Zugleich muss er zwischen dem Schutz der Arbeitsplätze und den wirtschaftlichen Interessen des Konzerns abwägen.

Dadurch, dass Gewerkschaft und Land derzeit prüfen, ihre bislang getrennten Vorschläge zu einem gemeinsamen Gegenvorschlag zu bündeln, könnte sich das Kräfteverhältnis weiter verschieben. Sie könnten damit im Aufsichtsrat bei einfachen Mehrheitsentscheidungen gemeinsam gegen die Eigentümerseite stimmen. Genau darin liegt die Brisanz der Sitzung am Freitag: Erstmals könnten sich zwei der drei Machtblöcke gegen den dritten zusammenschließen.

Was passiert, wenn Blume im Aufsichtsrat scheitert?

Dann dürfte der Konflikt in die nächste Eskalationsstufe gehen. Der Vorstand ist angeblich fest entschlossen, sein Sparpaket notfalls über eine außerordentliche Hauptversammlung durchzusetzen. Auf der Hauptversammlung würde Blume allerdings erneut auf die besondere Machtkonstruktion bei Volkswagen stoßen. Für grundlegende Beschlüsse gilt grundsätzlich eine Dreiviertelmehrheit des vertretenen Grundkapitals. Die Familien Porsche und Piëch halten 53,3 Prozent, Qatar weitere 17 Prozent - zusammen gut 70 Prozent. Für die 75-Prozent-Hürde wären sie also auf weitere Stimmen aus dem Streubesitz angewiesen.

Nach der Lesart von Land und Arbeitnehmerseite gilt wegen des VW-Gesetzes sogar eine Hürde von mehr als 80 Prozent. Ob diese für die konkreten Beschlüsse greift, ist allerdings umstritten. Niedersachsen könnte damit auch auf der Hauptversammlung eine Sperrminorität haben. Eine solche Versammlung wäre zudem ein drastischer Schritt: Sie würde mehrere Wochen Vorlauf benötigen und den Konflikt endgültig auf die öffentliche und politische Bühne tragen.

Kommt es zum großen VW-Streik?

Die Gefahr eines Arbeitskampfs ist so groß wie seit Langem nicht. Sollte der Vorstand seinen bisherigen Kompromisskurs endgültig aufgeben, wird die IG Metall den Druck weiter erhöhen. Für den 21. September hat die Gewerkschaft bereits einen großen Aktionstag angekündigt. Unmittelbare Streiks sind wegen der geltenden Friedenspflicht zwar zunächst nicht möglich. Ab dem 1. Januar könnte sich das jedoch ändern. Ein längerer Streik würde Volkswagen empfindlich treffen. Produktionsausfälle könnten den Konzern Hunderte Millionen Euro kosten und die Krise weiter verschärfen. Die IG Metall hat deshalb bereits klargemacht, dass sie einen Angriff auf den Haustarif nicht kampflos akzeptieren werde. Damit ist die Sitzung des Aufsichtsrats am Freitag mehr als eine gewöhnliche Krisenrunde. Findet VW jetzt keinen Kompromiss, dann endet nicht nur der Konflikt, sondern auch die Schonfrist.

Quelle: ntv.de

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