Für Merz ÜbergangstechnologieWindkraft aus Nordsee soll neue Abhängigkeiten verhindern

Die Nordsee soll bis zur Mitte des Jahrhunderts eine zentrale Rolle bei der Energieversorgung Europas spielen. Windkraftanlagen und Netze sollen massiv ausgebaut werden. Geplant sind Milliarden-Investitionen und Zehntausende Jobs
Ungeachtet der Kritik von US-Präsident Donald Trump planen die europäischen Staaten einen massiven Ausbau der Offshore-Windkraft in der Nordsee. "Unser Ziel ist es, den größten Energiehub der Welt zu entwickeln", sagte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche auf dem dritten Nordsee-Gipfel in Hamburg. Die europäischen Staaten wollen gemeinsam sicherstellen, dass bis 2050 Windparks und Stromnetze in der Nordsee mit bis zu 300 Gigawatt Leistung durch grenzüberschreitende Projekte installiert werden. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die Windenergie dennoch als "Übergangstechnologie" - er setze auf die Kernfusion, die alle anderen Stromerzeugungsmethoden mittelfristig überflüssig machen werde.
In einer "Hamburger Erklärung" verpflichten sich Deutschland, Frankreich, Belgien, Dänemark, Großbritannien, Island, Irland, Luxemburg, die Niederlande und Norwegen, dabei 100 Gigawatt durch grenzüberschreitende Projekte beizusteuern und einen gemeinsamen Finanzrahmen zu entwickeln. Deutschland und Dänemark wollen über einen Windpark vor Bornholm gemeinsam Strom beziehen. Auf der dänischen Insel soll ein Stromdrehkreuz entstehen, das Offshore-Windstrom aus der Ostsee nach Deutschland und Dänemark weiterleitet. Das Projekt ist eine gemeinsame Initiative der Netzbetreiber Energinet und 50Hertz mit dem Ziel, drei Gigawatt Offshore-Windenergie in das Stromnetz einzuspeisen. Damit können laut Ministerium etwa drei Millionen Haushalte versorgt werden.
Kanzler Merz, die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und der belgische Ministerpräsident Bart De Wever betonten, wie wichtig der Ausbau der Erneuerbaren Energien für die größere Energieunabhängigkeit Europas sei. Man habe sich nicht von russischen Energielieferungen unabhängig gemacht, um dann erneut von einem nicht-europäischen Lieferanten abhängig zu werden, sagte Frederiksen in Anspielung auf die wachsenden Importe von LNG-Erdgas aus den USA. Zugleich hieß es, die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Offshore-Anlagen müssten angesichts der veränderten geopolitischen Lage hochgeschraubt werden. Erstmals nahm die Nato deshalb an einem Nordsee-Gipfel teil.
Der dänische Energiekonzern Ørsted wies darauf hin, dass sich die Offshore-Windindustrie dazu verpflichtet habe, die Kosten für Strom aus Offshore-Windkraft bis 2040 um 30 Prozent zu senken. Das Wirtschaftsministerium verwies darauf, dass die Industrie sich auch verpflichte, in Europa 9,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 in neue Produktionskapazitäten zu investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.
"Offshore-Energie soll erheblich effizienter werden, dazu werden wir mehr koordinieren und enger koordinieren", beschrieb Merz das Ziel der engeren Abstimmung der europäischen Staaten. Reiche sagte, der Gipfel setze mit seinen langfristigen Zielsetzungen auch ein wichtiges industriepolitisches Signal. Werften und Turbinenbauer wüssten nun, dass es sich um ein langfristiges Investment handele. Reiche räumte ein, dass Ausschreibungen für Offshore-Windparks in Deutschland zweimal gescheitert seien - anders als in Großbritannien. Gestiegene Finanzierungs- und Bauteilkosten sowie Unsicherheiten bei der Stromnachfrage hatten zuletzt auch in anderen Nordsee-Staaten zu erfolglosen Auktionen für Windparks geführt.
Deshalb müsse ein "guter Investitionsrahmen" geschaffen werden, sagte Reiche. Sie kündigte neue Förderinstrumente und geänderte Auktionsregeln an. So sollten zeitnah sogenannte Differenzverträge eingeführt werden. Dabei wird ein fester Abnahmepreis für den Strom garantiert. Der Staat gleicht die Differenz aus, wenn der Marktpreis niedriger ist, und schöpft Mehrerlöse ab, wenn er höher liegt. Zudem würden die Ausschreibungsauflagen für die Flächen angepasst, um den Bau neuer Windparks auf See für Investoren attraktiver zu machen.