Marktberichte

Düster wie zuletzt im Jahr 2002 Dax schließt mit dem Sommer ab

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Das Reichstagsgebäude im Herbstlicht: Ort historischer Entscheidungen.

(Foto: dapd)

Nach der kräftigen Erholung der vergangenen Tage verblasst am deutschen Aktienmarkt die Zuversicht: Zweifel an der Wirtschaftsentwicklung in China und beunruhigende Signale aus Europa sorgen für neue Unruhe. Selbst halbwegs solide Konjunkturdaten aus den USA helfen dem Dax zum Ende des Quartals nicht auf die Beine. Mit dem September geht an der Börse ein ungewöhnlich verlustreicher Sommer zu Ende.

Konjunktursorgen, Gewinnmitnahmen und die verzweifelte Suche nach Sicherheit haben den deutschen Aktienmarkt am letzten Tag des Sommerquartals noch einmal tief ins Minus gedrückt.

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So mies wie zuletzt vor neun Jahren: An der Börse verlief das Quartal außergewöhnlich schlecht.

(Foto: dpa)

Der Leitindex Dax ging mit einem Minus von 2,44 Prozent auf 5502,02 Punkte aus dem Handel und konnte sich damit immerhin knapp über der 5500er-Marke halten. Auf Wochensicht fiel die Bilanz deutlich besser aus: Nach der Kurserholung an den Vortagen steht im Dax ein Plus von 5,94 Prozent zu Buche. Wesentlich düsterer liest sich dagegen die Quartalsbilanz: Seit Ende Juni büßte der Dax aufgrund des Kurssturzes im August insgesamt rund 25 Prozent ein, so viel wie seit neun Jahren nicht mehr. Der MDax der mittelgroßen Werte verlor am Freitag 3,41 Prozent auf 8341,08 Punkte, der TecDax gab um 2,82 Prozent auf 662,63 Punkte nach.

Nach der Verabschiedung des erweiterten Euro-Rettungsschirm im Bundestag hätten nun wieder Konjunkturdaten im Fokus gestanden, sagten Börsianer. Besonders auf die Stimmung drücke die steigende Inflation in der Eurozone, denn diese mache eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) sehr unwahrscheinlich.

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Zudem löste die Einkaufsmanager-Umfrage PMI aus China neuerliche Sorgen um das Wirtschaftswachstum in Asien aus. Selbst positive Konjunkturdaten aus den USA konnten die Kurse nur kurzzeitig etwas stützen. "Aktieninvestoren nehmen ihre Einsätze schnell wieder vom Tisch, sobald sich auch nur die Spur eines Zweifels in die temporäre Beruhigung mischt", hieß in einer Einschätzung der NordLB.

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In den USA waren die Einkünfte aus Löhnen und Gehälter gesunken, so dass die US-Verbraucher im August auf ihre Ersparnisse hätten zurückgreifen müssen. In der Folge sei die Sparquote von auf 4,7 Prozent auf 4,5 Prozent gesunken. "Der Private Verbrauch in den USA ist weiterhin großen Belastungen ausgesetzt. Als Wachstumstreiber dürfte er der US-Wirtschaft mittelfristig nicht zur Verfügung stehen," meinte Analyst Thilo Heidrich von der Postbank.

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Abgesehen von den neuen Konjunktursorgen hielten sich Anleger vor dem Wochenende insgesamt zurück, zumal wegen des Feiertags am kommenden Montag in der ersten Oktoberwoche nur ein dünner Handel erwartet wird.

Auto- und teils auch Finanzwerte rutschten stark ab: BMW-Papiere verlieren 5,3 Prozent auf 49,96 Euro. Händler verwiesen besonders häufig auf neuerliche Sorgen um eine Wachstumsabschwächung in China, die gerade den Sektor der exportorientierten Autobauer ausbremse. Die Vorzugsaktien von VW schlossen 5,9 Prozent im Minus bei 100,05 Euro. Daimler verbilligten sich - trotz zuversichtlicher Aussagen zum Potenzial im Nutzfahrzeugemarkt - um 3,4 Prozent auf 33,63 Euro.

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Ein trüber Tag beendet eine starken Woche am Ende eines schwachen Monats, der ein extrem schwaches dritten Quartals eines sehr turbulenten Börsenjahres abschließt.

(Foto: REUTERS)

Am Indexende verloren die Aktien der 6,8 Prozent auf 26,32 Euro. In den vergangenen Tagen hatten sich die Titel von ihren Tiefs deutlich erholt, hieß es am Markt.  Nun federten sie wieder zurück. Einige Börsianer verwiesen zudem auf , wonach der Branchenprimus sein Gewinnziel verfehlen könnte. "Diese Sorge ist aber alles andere als neu", sagte ein Händler.

"Das Ziel war schon sehr ambitioniert und viele Analysten haben ohnehin nicht mehr damit gerechnet", kommentierte ein Beobachter. "Die Aktie hatte zuletzt auch einen Superlauf." Einige Anleger steckten wohl auch ihre Gewinne ein, ergänzte er. Als "ziemlichen Blödsinn" bezeichneten Händler die Gerüchte, die Deutsche Bank plane eine Kapitalerhöhung.

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Finanzminister Schäuble im Bundesrat: "Die Lage (...) ist nach wie vor besorgniserregend."

(Foto: dpa)

"Das sind die typischen Freitagsgerüchte", sagte ein Händler. "Da wird gerne mal gerüchtlich nachgetreten, wenn es zuvor eine leicht belastende Nachricht gab". Dies sei ein "billiges Spiel", um ohnehin laufende Kursbewegungen zu verschärfen. Ein anderer Händler tat die Gerüchte ebenfalls als Erfindung ab: "Da triggert der Kurs-Move die News".

Ein weiterer Beobachter verwies auf die französischen Banken: "Ich verstehe nicht, wie man bei der Deutschen mit so einem Gerücht kommen kann, wo es bei den Franzosen viel plausibler wäre". Dass die Deutsche Bank das Gewinnziel irgendwann kassieren müsse, sei von den meisten Analysten ohnehin erwartet worden. Ein Sprecher der Bank wollte das Gerücht nicht kommentieren. Die Bank hatte aber bereits mehrfach betont, sie wolle die Finanzmärkte nicht anzapfen. Die Aktien der Commerzbank beendeten das Sommerquartal 5,4 Prozent im Minus auf 1,90 Euro. Die Anteile des größten Versicherers Europas Allianz gingen 2,3 Prozent tiefer bei 70,86 Euro aus dem Handel.

Der Kurs des Euro gab kräftig nach. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,3503 (1,3615) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7406 (0,7345) Euro. Am Abend notierte der Euro bei 1,3442 Dollar.

Hinter der ersten Reihe

Einen Tag nach der erneuten Senkung der Prognose setzen Vossloh ihre Talfahrt fort. Die Aktien des Bahntechnikkonzerns büßen im MDax 3,3 Prozent ein, nachdem sie am Vortag bereits um knapp 10 Prozent eingebrochen waren. Am Freitag reagierte eine Reihe von Analysten auf die trüben Aussichten und senkte Kursziele oder stufte die Aktien herunter. So senkte etwa die Deutsche Bank das Kursziel für die Papiere auf 70 von 85 Euro. Die Analysten von Bank of America/Merrill Lynch schraubten das Kursziel Händlern zufolge um auf 80 Euro von 100 Euro herunter. Die Experten von Equinet empfahlen sogar, die Aktien zu verkaufen. Die Probleme in verschiedenen Regionen häuften sich, schrieb Equinet-Analyst Holger Schmidt in einem Kommentar. Zudem hätten die meisten Anleger das Vertrauen in die Fähigkeit des Managements verloren, Umsatz und Gewinn vorherzusagen.

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Nach dem "Tag der Entscheidung" standen Gewinnmitnahmen an.

(Foto: REUTERS)

Die Angst vor einer schwächelnden Nachfrage aus China drückte die Aktien von Luxusgüterkonzernen europaweit ins Minus. Im MDax geben Hugo Boss 12 Prozent nach. "Das ist ein Problem des ganzen Sektors. Die Leute machen sich Sorgen über den Konsum in China", sagte ein Händler in Zürich. Die chinesische Industrie schrumpfte dem Einkaufsmanagerindex von HSBC zufolge im September den dritten Monat in Folge. Aber auch Konjunkturdaten aus Deutschland und Frankreich deuteten am Freitag auf einen schwächelnden Konsum hin.

Portugal reißt die Hürde

Beunruhigende Nachrichten aus Spanien und Portugal fachten die Nervosität im Zusammenhang mit der europäischen Schuldenkrise neu an: Das Haushaltsdefizit beim Euro-Sorgenkind Portugal ist im ersten Halbjahr höher ausgefallen als erwartet. Es lag bei 8,3 Prozent, wie die Statistikbehörde INE in Lissabon mitteilte. Der Fehlbetrag betrug rund 7 Mrd. Euro. Um seine Verpflichtungen gegenüber den internationalen Geldgebern, der Europäischen Union (EU) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erfüllen, muss Portugal in diesem Jahr ein Defizit von höchstens 5,9 Prozent erreichen.

Der seit Juni amtierende Ministerpräsident Pedro Passos Coelho hatte am Vorabend am Rande eines Besuchs in Warschau eingeräumt, die Halbjahresergebnisse würden "nicht so gut wie erhofft" ausfallen. Der liberal-konservative Regierungschef beteuerte aber, das ärmste Land Westeuropas werde bis Ende 2011 das Defizit-Ziel von 5,9 Prozent schaffen.

Spanien verstaatlicht drei Kassen

Die spanische Zentralbank musste am Freitag zudem die Kontrolle über drei Sparkassen übernehmen, weil sie die staatliche Kapitalvorgaben verfehlt hatten. Dabei handelt es sich um die Catalunya Caixa und die Unnim im Osten und die NovaCaixaGalicia im Norden des Landes, wie die Bank von Spanien mitteilte.

Die EU-Kommission billigte zugleich die Staatshilfen von insgesamt 4,75 Mrd. Euro, die zur Rekapitalisierung der drei Institute nötig wurden. Diese konnten nicht genug privates Gelder eintreiben, um die verschärften Kapitalziele zu erfüllen, mit denen die Regierung in Madrid das Vertrauen in die spanische Bankenbranche wiederherstellen will.

Kühlt China ab?

Am frühen Morgen hatten die europäischen Märkte frische Konjunkturdaten aus China ungünstig aufgenommen: Die chinesische Industrie bekommt die Abkühlung der Weltwirtschaft deutlich zu spüren. Im September schrumpften die Geschäfte des Sektors den dritten Monat in Folge, wie aus dem Einkaufsmanagerindex der Großbank HSBC hervorging.

Das Barometer verharrte auf dem August-Stand von 49,9 Punkten und verfehlte damit erneut knapp die Wachstumsschwelle von 50 Zählern. Werte unter 50 deuten in der Regel auf eine schrumpfende Wirtschaft hin. In der deutschen Wirtschaft stützen eine ganze Reihe namhafter Unternehmen große Teile ihrer Wachstumsstrategien auf die Absatzpotenziale im chinesischen Markt.

Quelle: n-tv.de, mmo/DJ/dpa/rts