Fokus auf KI und RüstungGründerszene trotzt der Krise – doch das Wachstum hat Schlagseite
Von Juliane Kipper
Hinter den neuen Rekordsummen für deutsche Startups verbirgt sich eine starke Konzentration auf Hype-Themen. Investor Florian Heinemann warnt vor dem Herdenverhalten der Geldgeber und plädiert für eine gezielte europäische Nischenstrategie.
Die deutsche Gründerszene trotzt der mauen Konjunktur. Startups in Deutschland haben laut dem Startup-Monitor 2026 dieses Jahr bereits deutlich mehr Kapital eingeworben als im Vorjahr. Bis September seien Investitionen von acht Milliarden Euro geflossen. Das ist mehr als im gesamten Jahr 2025, als sich das Investitionsvolumen auf 7,5 Milliarden Euro belief. Sollte der aktuelle Trend anhalten, werde das Investitionsvolumen 2026 mit zwölf Milliarden Euro voraussichtlich den zweithöchsten Wert hinter dem Boomjahr 2021 erreichen. Zudem wurden fast 3.000 Neugründungen verzeichnet.
Der Anstieg an Wagniskapital spiegelt allerdings nur bedingt ein tragfähiges Marktwachstum wider. "Das Wachstum ist sehr stark auf KI und Rüstung konzentriert", sagt Tech-Investor Florian Heinemann vom Venture-Capital-Fonds Project A ntv.de. Etablierte Unternehmen wie die Drohnenbauer Helsing und Quantum Systems sowie der Roboter-Anbieter Neura Robotics konnten in den vergangenen Monaten jeweils mehr als eine Milliarde Euro bei Investoren einsammeln.
"Wenn man diese Bereiche herausrechnet, zeigt sich kein besonders breites Marktwachstum, sondern eine starke Konzentration auf wenige Unternehmen", so Heinemann. Das sei allerdings kein rein deutsches Phänomen, sondern zeige sich genauso in den USA. Auch dort werde die Venture-Capital-Industrie im Wesentlichen von wenigen großen Firmen wie Anthropic und OpenAI getragen.
Im gleichen Zeitraum sind zehn Unternehmen zu sogenannten Einhörnern aufgestiegen. Dadurch erreicht die Zahl der deutschen Startups mit einer Bewertung von jeweils mehr als einer Milliarde Euro den Rekordwert von 39 – so viele wie seit 2021 nicht mehr. Zu den Milliarden-Startups gehören der Online-Broker Trade Republic, die Smartphonebank N26 und die Softwarefirma Personio. Neu dazugekommen sind dieses Jahr unter anderem die Softwarefirma Osapiens, Neura Robotics und die Rüstungsfirma Stark Defense.
"Problem bleibt Herdenverhalten der Investoren"
"Besonders im KI-Sektor haben sich die Unternehmensbewertungen von rationalen Marktfaktoren entkoppelt", sagt Heinemann. Das gelte auch für unerfahrene Gründerteams, die bislang keinerlei Erfahrung im Unternehmensaufbau haben. "Ob sich dieser Hype in reale Substanz übersetzen lässt, bleibt fraglich." Anders als bei KI stünden im Rüstungsbereich immerhin reale Orderbücher hinter den Zahlen. "Es handelt sich also keineswegs um eine reine Blase ohne Substanz. Aber ob das diese enormen Bewertungen rechtfertigt, muss sich erst noch zeigen. Zweifel sind durchaus angebracht." Hinter diesen Ausschlägen sieht der Investor ein tief liegendes Muster des Wagniskapitalmarktes: "Ein strukturelles Problem unserer Branche bleibt das ausgeprägte Herdenverhalten der Investoren."
Ein Hindernis ist dem Bericht zufolge weiterhin, dass sich das geflossene Kapital stärker an der Spitze konzentriere. "In der Breite dagegen liegt die Zahl der Finanzierungsrunden rund ein Viertel unter dem Niveau von 2021." 89 Prozent der Gründer fordern laut Umfrage mehr Wagniskapital aus Deutschland und Europa.
Schon seit Jahren hinken deutsche Startups beim Wagniskapital international hinterher. Denn in Deutschland gibt es anders als in den USA zu wenige große Investoren. Profi-Anleger wie Versicherungen und Stiftungen stecken nur wenig Geld in Wagniskapital, auch wegen strenger Anlagevorschriften.
Heinemann sieht das Hauptproblem des Innovationsstandorts Deutschlands ungeachtet dessen trotzdem woanders. "Was uns wirklich fehlt, ist eine systematische Industriepolitik für Zukunftsthemen." Er rät Europa, gezielt Nischen zu identifizieren, in denen weder die USA noch China eine dominierende Marktstellung haben. Anders als etwa in China würden Zukunftsfelder hierzulande nicht strategisch definiert und durch öffentliche Auftragsvergabe sowie gezielte Förderung skaliert. "Statt Schlüsselindustrien wie Raumfahrt oder Fusionsenergie durch gezielte Auftragsvergabe und Förderung aufzubauen, überlassen wir den Aufbau zukunftsfähiger Ökosysteme weitgehend dem Zufall", sagt Heinemann.
Nur 27 Prozent präferieren für IPO Deutschland
Diese fehlende strategische Perspektive im Inland verstärkt einen weiteren Trend: Die Gefahr, dass erfolgreiche Gründer dem Standort den Rücken kehren. Mit knapp 62 Prozent will die Mehrheit der Startups mit Ambitionen auf einen Börsengang diesen dem Bericht zufolge eher in den USA umsetzen, "weil dort Liquidität, Bewertungsniveaus und die Investorenbasis für Technologiewerte deutlich größer sind". Nur 27 Prozent präferieren Deutschland.
Um Hürden abzubauen und attraktiver zu werden, pocht der Verband derweil darauf, dass Gründungen in der EU mit der geplanten Rechtsform "EU Inc." vereinfacht werden. Diese sieht vor, dass Unternehmen über Landesgrenzen hinweg leichter aktiv sein können. Eine einheitliche europäische Rechtsform könnte laut Heinemann spürbare positive Auswirkungen haben.
Eine Standardisierung würde insbesondere kleineren europäischen Ländern zugutekommen, da juristische Hürden abgebaut werden. Zudem würde sich die Verhandlungsposition gegenüber US-Investoren verbessern, da Vorbehalte hinsichtlich unbekannter lokaler Rechtsrahmen entfallen. Allerdings: "Allein dadurch entstehen noch keine großartigen neuen Unternehmen oder Ideen. Es nimmt lediglich Reibung aus dem Prozess", gibt Heinemann zu bedenken.
