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Deutsches Einhorn greift anSo kontert Robco Chinas Roboter-Schwemme

13.10.2026, 18:55 Uhr IMG_4708Ein Interview von Juliane Kipper
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Das 2020 gegründete Unternehmen bietet modular aufgebaute Roboter an, die beispielsweise Waren auf Paletten stapeln oder Bauteile entgraten und gravieren können. (Foto: REUTERS)

Eine frische Kapitalspritze bringt dem Münchner Roboterbauer Robco eine Milliardenbewertung ein. Im Interview mit ntv.de spricht Gründer Roman Hölzl über leere Versprechungen der Branche, die Expansion in die USA und den Kampf gegen Chinas Billig-Roboter.

ntv.de: Die Milliardenbewertung steht schwarz auf weiß. Welches Gefühl überwiegt: Erleichterung, Stolz oder der Druck, den Erwartungen nun gerecht werden zu müssen?

Roman Hölzl: Einen kurzen Moment überwiegt der Stolz - vor allem für das Team, das großartige Arbeit geleistet hat. Eine Finanzierungsrunde zieht sich meist über viele Wochen: Wenn das Ganze dann wirklich live geht, fühlt sich der Prozess intern fast schon wie alter Kaffee an. Umso wichtiger ist es, diesen Erfolg kurz wertzuschätzen, bevor wir mit voller Energie das letzte Quartal und das kommende Jahr anpacken.

Viele namhafte Robotics-Startups werden momentan extrem hoch bewertet, haben aber noch kaum Produkte in der echten Fertigung. Wie grenzt sich Robco von dieser Flut an Versprechungen ab?

Der Markt für physische KI steckt voller Hype: Forschungseinrichtungen werden ohne marktreifes Produkt mit Milliarden bewertet, und Videos von tanzenden Humanoiden dominieren die Schlagzeilen. Das schafft zwar Aufmerksamkeit, hat aber wenig mit den harten Anforderungen der Industrie zu tun. Am Ende geht es nicht um spektakuläre Labor-Demos, sondern darum, ein verlässliches, skalierbares Industrieunternehmen aufzubauen.

Headshot - Roman Holzl
Firmenchef Hölzl ist erst kürzlich in die USA gezogen, um die Expansion persönlich voranzutreiben.

Welche konkreten Meilensteine haben Sie erreicht, die Ihre Geldgeber erneut überzeugt haben?

Ausschlaggebend waren drei große Meilensteine: Erstens liegen wir mittlerweile bei rund 1.200 verkauften Robotern in Europa und den USA. Zweitens haben wir auf der Hannover Messe mit dem Autonomous Industrial Robot Alfie eine ganz neue Produktkategorie eingeführt. Und drittens beschäftigen wir mittlerweile 225 Mitarbeiter. Ein solches Team aufzubauen, muss man sich erst einmal leisten können.

Ihr Unternehmen konzentriert sich auf modulare Industrie-Gelenkarmroboter. Welches Problem löst Alfie in der Fabrik?

Das verarbeitende und produzierende Gewerbe steht heute vor einer ganzen Reihe an Herausforderungen. Fast alle Prozessschritte in Fabriken - vom Entladen der Maschinen über Palettieren, Verpacken und Gravieren bis hin zur Qualitätskontrolle - finden nach wie vor zu über 90 Prozent in manueller Arbeit statt. Hier kommen wir ins Spiel. Unsere Lösung ist maßgeschneidert für den Industriealltag. Im Gegensatz zu vielen Ankündigungsweltmeistern liefern unsere Systeme echte Ergebnisse. Der Grund für den geringen Automatisierungsgrad in der Branche lag bisher oft in den Systemen selbst. Sie waren schlicht zu unflexibel. Mit unserer Plattform stellen wir ein sich selbst verbesserndes und anpassungsfähiges System bereit, das Fehler eigenständig korrigiert und sich perfekt in die bestehenden Fertigungsprozesse integriert.

Wer sind Ihre Kunden?

Begonnen haben wir im Mittelstand. Heute arbeiten wir mit den größten Unternehmen der Welt zusammen. Neben Firmen mit 500 bis 1.000 Mitarbeitenden zählen mittlerweile auch große Player wie BMW oder zwei der Magnificent Seven zu unseren Kunden.

Unternehmen scheuen oft nicht nur die Anschaffungskosten, sondern vor allem die schwere Programmierbarkeit. Wie intuitiv ist Alfie? Kann ein Handwerksbetrieb oder Mittelständler den Roboter ohne IT-Abteilung in Betrieb nehmen?

Da haben Sie einen Punkt. Das System muss ohne großen personellen Aufwand funktionieren, schnell einsatzbereit sein und sich rasch rechnen. Dafür haben wir unser Abo-Modell Robot-as-a-Service entwickelt. Statt einer sechs- oder siebenstelligen Investition vorab liefern wir die gesamte Lösung aus Hardware, Software und Implementierung zu einem monatlichen Fixpreis. Das reduziert die Hürde für den Kunden enorm, beschleunigt den Vertriebsprozess und sorgt dafür, dass sich die Anschaffung schnell rechnet.

Können Sie diesen Geschwindigkeitsvorteil konkret beziffern? Wie lange dauert es von Bestellung bis Inbetriebnahme?

Wir blicken mittlerweile auf über 3,5 Millionen Betriebsstunden unserer Roboterflotte. Dabei messen wir kontinuierlich die Zeitspanne vom Projektstart bis zur Inbetriebnahme. Wenn es sehr schnell geht, sprechen wir über wenige Wochen. Und selbst wenn es mal etwas länger dauert, liegt der Zeitrahmen bei drei bis vier Monaten.

Was müssen Ihre Kunden dafür bezahlen?

Die Monatsrate für unser System liegt meist unter den Personalkosten für eine Schicht pro Mitarbeiter. Bei Kunden, die im Mehrschichtsystem fahren oder mehrere Kräfte an einer Station einsetzen, rechnet sich die Investition ab Tag eins. Wir reden hier über laufende Kosten von wenigen Tausend Euro im Monat statt riesiger Investitionssummen im Hunderttausend- oder Millionenbereich vorab.

Ihr Geschäftsmodell erfordert einen höheren Kapitalbedarf auf Herstellerseite. Wie rechnet sich dieser Ansatz für Robco mittelfristig?

Grundsätzlich ist unser Kapitalbedarf geringer als im traditionellen Verkauf, da wir die gesamte Produktion und Montage selbst in der Hand haben. Trotzdem müssen wir die Projekte natürlich vorfinanzieren, bis das System beim Kunden live geht. Dafür arbeiten wir mit namhaften Partnern wie J.P. Morgan in den USA zusammen. Sie finanzieren genau den Zeitraum von der Produktion bis hin zur Inbetriebnahme vor.

Large Language Models wie ChatGPT nutzen das gesamte Internet, um kontinuierlich zu lernen und sich zu verbessern. Robotern hingegen fehlen die Daten aus der realen Produktion. Experten schätzen, dass für echte Autonomie rund 100 Millionen Trainingsstunden nötig sind. Bisher existiert davon nur ein Bruchteil. Wie bringen Sie Ihren Robotern die nötige Präzision für komplexe Industrieaufgaben bei?

Es stimmt. Bislang mangelt es an hochwertigen Datensätzen für reale Produktionsumgebungen. Unsere Lösung ist mehrschichtig. Zunächst nutzen wir ein Robotics Foundation Model, das auf Simulations- und Videodaten basiert. Dadurch entwickelt das System ein grundlegendes Verständnis dafür, wie sich ein Roboter in einer Fabrikumgebung verhalten muss. Um dann die nötige Präzision für konkrete Aufgaben hineinzubringen, setzen wir auf zwei Mechanismen: Erstens einen Imitation Learning Loop. Unsere Ingenieure demonstrieren dem Roboter die genauen Handgriffe. Das System lernt diese Verhaltensmuster samt Fehlerkorrektur direkt nach. Zweitens nutzen wir Reinforcement Learning: Der Algorithmus optimiert sich über eine mathematische Belohnungsfunktion selbst. Wird etwa ein Stecker korrekt eingesetzt, gibt es ein positives Signal, entsteht ein Fehler, ein negatives. So entsteht ein sich selbst verstärkender Lernzyklus.

Sie haben Ihren Lebensmittelpunkt in die USA verlegt. Was können Sie als Geschäftsführer vor Ort bewirken, was sich von München aus nicht steuern ließe?

Unser US-Geschäft liegt zeitlich etwa 18 bis 24 Monate hinter unserem europäischen Kernmarkt. Meine Aufgabe hier in San Francisco ist es, die bewährten europäischen Prozesse direkt auf den US-Markt zu übertragen. Hinzu kommt: In den USA schätzen Kunden in der Anfangsphase die direkte Präsenz der Gründer extrem. Und nicht zuletzt sind wir hier im globalen Mekka für KI, physische KI und Risikokapital. Wir wollen nicht nur beobachten oder mitspielen. Unser Ziel ist es, die führende Rolle einzunehmen.

Wie unterscheidet sich der US-amerikanische Markt für Industrie-Automatisierung vom europäischen?

Neben kulturellen Aspekten sprechen vor allem die harten Fakten für die USA. Der US-Fertigungssektor ist bereits heute größer als der europäische und legt noch schneller zu. Haupttreiber sind der gigantische Netzwerk- und Rechenzentrumsausbau für KI sowie der Trend zum sogenannten Reshoring. Damit ist die Rückverlagerung kritischer Lieferketten und Industrieproduktion zurück in die USA gemeint. Dadurch entsteht eine gewaltige Nachfragewelle nach Automatisierung.

Deutschland muss sich allerdings nicht verstecken: Neben Robco kommen auch Agile Robots und Neura Robotics auf Milliardenbewertungen. Woher kommt diese enorme Dynamik im deutschen Robotik-Sektor?

Robotik ist als wissenschaftliche Disziplin extrem komplex. Sie vereint Software, Mechanik, Elektronik und Mechatronik. Durch unsere Tradition im High-End-Engineering fällt es uns in Deutschland vergleichsweise leicht, die anspruchsvolle Hardware-Komponente zu beherrschen. Hinzu kommt die akademische Exzellenz. Deutschland verfügt über Forschungsinstitute, die seit Jahrzehnten weltweit führend in KI und Robotik sind. Dazu zählt auch der Lehrstuhl für Robotics, AI und Echtzeitsysteme, aus dem heraus wir Robco ausgegründet haben. Diese Kombination aus Weltklasse-Engineering und tiefem akademischem Know-how ist das Fundament unseres Erfolgs.

Viele etablierte Robotik-Hersteller sind inzwischen in asiatischer Hand. Welche Rolle spielt die Frage der technologischen Souveränität für Robco und Ihre Industriekunden?

Mit dem Verkauf von Kuka an Midea und der anstehenden Übernahme von ABB Robotics durch Softbank sind in absehbarer Zeit alle großen Player in asiatischer Hand. Schaut man sich die Startup-Landschaft an, zeigt sich ein ähnliches Bild. In Deutschland nutzen viele das hervorragende German Engineering und die starke Fertigungsbasis. Als eigenständiges, originär deutsches Robotik-Unternehmen, das ausschließlich aus der westlichen Welt finanziert ist, besetzt Robco eine Sonderstellung. Für unsere Kunden ist diese technologische und industrielle Souveränität ein entscheidendes Argument - besonders in sensiblen Branchen wie der Elektronikfertigung, Datencenter-Infrastruktur oder der kritischen Industrie.

China flutet den Markt aktuell mit staatlich geförderter Robotik und extrem hohen Stückzahlen. Wie will sich Robco als deutsches Startup gegen diese Masse aus Fernost behaupten?

Der reine Anschaffungspreis ist nur ein Faktor. Für viele unserer Kunden ist die technologische und digitale Absicherung ein entscheidendes Kriterium. Sie wollen wissen, dass ihre Prozessdaten nach westlichen Standards geschützt sind. Dazu kommt das Thema Verlässlichkeit. Die beste Hardware nützt nichts ohne eine erstklassige Implementierung und lokalen Service. Entscheidend ist das Gesamtpaket: Datensicherheit nach westlichen Standards, ein verlässlicher Partner vor Ort und ein Geschäftsmodell, das sich für den Kunden vom ersten Tag an rechnet. Genau hier liegt unsere Stärke, unabhängig davon, woher der Wettbewerb kommt.

Wo steht Robco in drei bis fünf Jahren und sehen wir bis dahin bereits den Börsengang?

Unsere Mission ist klar: Robco in every factory. Der weltweite Konsum und der Bedarf an Gütern steigen kontinuierlich, während gleichzeitig die dafür nötigen Arbeitskräfte fehlen. Um diese Lücke zu schließen, haben wir uns für die nächsten drei Jahre extrem viel vorgenommen. Ob wir diesen Pfad als privates Unternehmen weitergehen oder an die Börse gehen, ist am Ende eine strategische Managemententscheidung. Von der Größenordnung und den Ambitionen her bauen wir Robco so auf, dass ein Börsengang eine sehr realistische Option ist.

Mit Roman Hölzl sprach Juliane Kipper

Quelle: ntv.de

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