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Clevere AmeisenBlattläuse als Haustiere

14.10.2007, 15:38 Uhr

Ameisen betäuben Blattläuse mit Beruhigungstropfen, um sie von Wanderungen abzuhalten. Das abgesonderte Sekret sorgt dafür, dass sich die Läuse langsamer bewegen.

Ameisen betäuben Blattläuse mit Beruhigungstropfen, um sie von Wanderungen abzuhalten. Das abgesonderte Sekret sorge dafür, dass sich die Läuse langsamer bewegen, schreiben Forscher um Thomas Oliver vom Imperial College London in den "Proceedings B" der britischen Royal Society. Viele Ameisen halten sich Blattläuse als Haustiere, um sie regelrecht zu melken. Der von den Läusen produzierte Honigtau ist reich an Kohlenhydraten und damit sehr nahrhaft. Im Gegenzug schützen die Ameisen die Blattläuse vor Angreifern wie Marienkäfern und tragen sie zu neuen Futtergründen.

Präpariertes Filterpapier

Die Forscher hatten Schwarze Bohnen-Blattläuse (Aphis fabae) und Erbsenblattläuse (Acyrthosiphon pisum) zwei Jahre lang im Labor auf Ackerbohnen (Vicia faba) gehalten. Einen Monat vor den Experimenten hatten sie zudem Schwarze Wegameisen (Lasius niger) gesammelt. Für die Versuche ließen sie die Ameisen über einige Filterpapierblättchen laufen und präparierten diese so mit dem Sekret. Einige Blätter blieben unbehandelt. Anschließend ließen sie die Läuse über die Blättchen laufen und zeichneten deren Bewegungen mit einer speziellen Kamera auf. In einem dritten Ansatz wurden Blattläuse und Ameisen gemeinsam auf das Filterpapier gesetzt.

Wie ein unsichtbarer Zaun

Die Analyse zeigte, dass die Läuse bei Kontakt mit den Ameisen-Chemikalien deutlich langsamer unterwegs waren als auf "sauberem" Grund - unabhängig davon, ob Ameisen anwesend waren oder nicht. Mit den Sekretspuren werden die Läuse demnach auf den Pflanzen wie von einem unsichtbaren Zaun umgeben: Berühren sie die Substanz, werden sie teils betäubt und krabbeln kaum mehr umher. Schon zuvor war bekannt, dass Ameisen ihre "Haustiere" von der Flucht abhalten, indem sie ihnen die Flügel abbeißen und chemische Substanzen absondern, die das Wachstum der Flügel unterdrücken. Auch das Phänomen, dass sich Blattläuse in Anwesenheit von Ameisen langsamer bewegen, war bereits seit Jahrzehnten bekannt - die Ursache jedoch nicht.

Domestiziert in einer Herde zu leben hat für die Läuse keinesfalls nur Vorteile, erläutern die Forscher. In den zusammengepferchten Großgruppen breiteten sich Krankheiten viel leichter aus. Zudem würden die Tiere mittels der "K.o.-Tropfen" gezwungen, auf Pflanzen schlechterer Qualität zu verharren, statt sich bessere Kost zu suchen. Für die Ameisen dagegen hat die chemiegestützte Herdenhaltung nur Positives zur Folge: Sie gewinnen bei geringerem Aufwand mehr Honigtau und verhindern zudem, dass ihre "Nutztiere" nach eigenem Gutdünken weiterwandern und dabei möglicherweise auf den Grund eines benachbarten, konkurrierenden Ameisenstaates gelangen.