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"Killer shrimps" und andere Neozoen Blinde Passagiere im Bodensee

Immer mehr fremde Tierarten finden den Weg in den Bodensee - vom Krebs über Muscheln bis hin zu Quallen und Garnelen. Da sie kaum Fressfeinde haben, breiten sie sich oft explosionsartig aus. Doch was können sie im Bodensee anrichten?

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"Mörderkrabbe": Der Höckerflohkrebs scheint im Bodensee einheimische, kleinere Krebse zu verdrängen und zu fressen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Er hat sich einfach eingeschlichen, der Höckerflohkrebs. Als blinder Passagier kam das winzige Tierchen mit dem wissenschaftlichen Namen Dikerogammarus villosus in den Bodensee. Wie, wann und wo genau, weiß niemand. "2003 wurde er bei Routineproben entdeckt", sagt Herbert Löffler vom Institut für Seenforschung in Langenargen (Bodenseekreis). Ein Jahr später hatte sich der kleine Krebs über den gesamten Überlinger See ausgebreitet, 2005 fand man ihn im Obersee, 2007 dann im Untersee. Im Englischen wird das Tier "killer shrimp" (auf Deutsch etwa Mörderkrabbe) genannt, weil es sich so schnell und aggressiv ausbreitet.

Und der Höckerflohkrebs ist bei Weitem nicht der einzige Neuankömmling im Bodensee: Wenn man einen Quadratmeter Seeboden hochholen und alle Tiere darauf sortieren und wiegen würde, brächten die sogenannten Neozoen, also gebietsfremde Tierarten, mit zwei Dritteln am meisten auf die Waage. Wie "neu" ein Neozoen ist, sei allerdings eine Frage der Perspektive, sagt Löffler. Der Begriff bezeichnet eigentlich Tierarten, die nach 1492 (Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus) unter Mitwirkung des Menschen in neue Gebiete gelangt sind.

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Eine Körbchenmuschel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Einzugsgebiet des Bodensees gibt es inzwischen etwa 800 Arten. Zum Beispiel die Körbchenmuschel, die 2003 zum ersten Mal am österreichischen Ufer entdeckt wurde. Oder die Schwebegarnele, die nur sechs bis elf Millimeter groß ist und 2006 zum ersten Mal dort auftauchte. Etwas auffälliger ist ein Fisch, den vor allem die Berufsfischer am Bodensee gut kennen: der Kaulbarsch. 1987 wurde der bunt schillernde Fisch mit einem Zackenkamm zum ersten Mal beobachtet. Bereits einige Jahre später galt der Kaulbarsch schon als häufigster Fisch in der Flachwasserzone.

Mensch schleppt Neozoen ein

Eingeschleppt werden die meisten Neozoen im Wasser - bewusst oder unbewusst - mit Hilfe des Menschen. Sie sitzen im Kühlwasser der Segelboote, hängen am Taucheranzug oder kleben am Schiffsbauch fest. Auch der Ausbau der Schiffswege hat viel dazu beigetragen: Sie sind wie eine Art Autobahn zwischen ursprünglich getrennten Wassersystemen.

Um die Verbreitung der Neozoen zu verhindern, hat unter anderem die Internationale Wassersportgemeinschaft Bodensee (IWGB) ein Umweltprogramm auf den Weg gebracht: Seit 2004 vergibt sie den "Blauen Anker", wie Präsident Ruedi Schellenberg sagt. Damit werden Wassersportanlagen und Häfen ausgezeichnet, die zwischen der Auswasserung der Boote am fremden Revier und der Einwasserung im Bodensee einen Zeitraum von mindestens sieben Tagen vorschreiben - so dass mögliche Einwanderer gar nicht erst überleben. 17 Anlagen in Deutschland, der Schweiz und Österreich haben das Umweltzeichen bereits erhalten, sagt Schellenberg.

Vorbeugung und Aufklärung seien die einzigen Mittel gegen die Einwanderung der neuen Tierarten, sagt Löffler. "Sind sie erst mal im Bodensee angekommen, kann man nicht mehr viel machen." Da die meisten von ihnen zunächst keine Feinde haben, vermehren sich viele Arten explosionsartig. Oft machen sie angestammten Tieren Platz und Nahrung streitig.

Höckerflohkrebs verdrängt einheimische Krebse

Der Höckerflohkrebs scheint im Bodensee ebenfalls einheimische, kleinere Krebse zu verdrängen und zu fressen. Auch Krankheitserreger können die Neuankömmlinge mitbringen. So seien beispielsweise Krebse aus den USA nach Europa gelangt - im Gepäck hatten sie eine Pilzkrankheit, die für heimische Arten tödlich ist.

Im Bodensee lief die Tier-Zuwanderung bislang zwar glimpflich ab, auch für den Menschen sind die Neozoen nicht gefährlich geworden. Fast 300 der neuen Arten hätten sich in der neuen Heimat schon so gut eingelebt, dass sie als etabliert gelten. Manche Arten seien auch eine wichtige Nahrungsquelle für heimische Tiere geworden. So habe mit der Massenvermehrung der Wandermuscheln in den letzten 40 Jahren auch die Zahl der Tauchenten um ein Vielfaches zugenommen.

"Aber irgendwann kann auch mal was passieren, mit dem der Bodensee Schwierigkeiten hat", sagt Löffler. "Das ist ein bisschen wie Roulette. Man weiß einfach nicht, was noch kommt."

Quelle: n-tv.de, Kathrin Streckenbach, dpa

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