Der Leidensweg eines ZwittersChristiane musste als Mann leben

Christiane Völling hat als intersexueller Mensch einen langen Leidensweg hinter sich. Mit viel Mut und Entschlossenheit arbeitet sich die am Adrenogenitalen Syndrom Leidende an ihrem Schicksal ab, verklagt erfolgreich einen Arzt, schreibt sich ihre Geschichte in einem Buch von der Seele und erkennt dabei, wer sie wirklich ist.
Schon kurz nach der Geburt ist sich die Hebamme von Christiane Völling nicht ganz sicher, was sie da für ein Kind in den Händen hält. Es könnte ein Mädchen sein, sagt die Frau den Eltern leise. Trotzdem wird wenig später entschieden, die vergrößerte Klitoris als Mikropenis zu interpretieren. Christiane wird als Thomas beim Standesamt angemeldet und von ihren Eltern als Junge erzogen. Die Tatsache, dass der Jungen keine Hoden hat, wird bei dieser Entscheidung nicht mit einbezogen.
Christiane leidet seit ihrer Geburt an einer Stoffwechselkrankheit, die als Adrenogenitales Syndrom (AGS) bezeichnet wird. AGS wird vererbt und bezeichnet eine Störung bei der Bildung der Hormone Cortisol und Aldosteron in der Nebennierenrinde. Durch das hormonelle Ungleichgewicht kommte es bei betroffenen Mädchen zu einer Vermännlichung einschließlich der Genitalien und zu einer vorzeitigen Geschlechtsentwicklung bei Jungen. Wegen des Mangels an Aldosteron kann es außerdem zu einer Störung des Salzhaushalts im Körper kommen. Lebenslange Hormongaben können diese Störung ausgleichen. Insgesamt jedoch sind auch die Symptome für AGS individuell sehr verschieden ausgeprägt.
Löffelweise Salz, um zu überleben
Bei Völling wurde AGS jedoch nicht diagnostiziert. Der kleine Thomas, der oft von sich selbst behauptet, ein Mädchen zu sein, kam bereits zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr in die vorgezogene Pubertät - eine typische Begleiterscheinung bei nichtbehandelter AGS. Die Folgen für das Kind sind schrecklich. Völling leidet unter einem zu schnellen Wachstum und fürchterlichen Bauchschmerzen. "Die anderen Kinder haben mich gemieden wie die Pest", erzählt die heute 52–Jährige. Leider hat sich damals niemand, weder die Eltern noch der Hausarzt, für die Leiden des Kindes interessiert.
Christiane Völling muss sich als Kind selbst helfen, um zu überleben. Durch die Stoffwechselkrankheit kommt es in ihrem Körper zu einem erheblichen Wasser- und Salzverlust, der von großen Schmerzen begleitet ist. Völling isst heimlich löffelweise Salz. Das lindert die Schmerzen zumindest kurzzeitig. Mit 12 Jahren und einem durch das schnelle Größenwachstum verkrümmten Rücken hört plötzlich das Körperwachstum auf. Noch heute ist Christiane Völling nur 1,56 Meter groß und aufgrund ihrer massiven körperlichen Beschwerden nicht vollständig arbeitsfähig.
Zufälliger Befund
Erst mit 16 Jahren und dem Verdacht auf Leistenhoden, stellen die Ärzte im Krankenhaus bei einer Operation fest, dass der damalige Thomas ein Zwitter ist. Die Diagnose wurde dem Heranwachsenden damals vom Hausarzt auf menschenverachtende Weise mitgeteilt. "Du bist kein Mann! Du bist keine Frau! Du bist ein Zwitter! Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt und damit Geld verdient. Das kannst du ja auch mal probieren. Da bist du eine Sensation, eine Kuriosität!" erinnert sich Christiane an die Worte des Arztes. Durch die Worte des behandelnden Arztes gerät Völling in einen Schockzustand. Kurze Zeit darauf hegt sie Selbstmordgedanken. Völling ist mit ihrem Problem ganz auf sich gestellt und bleibt es leider auch in der Zukunft. Weder Eltern noch andere Angehörige erkennen damals die Not der Heranwachsenden.
Kastration ohne Einwilligung
Kurz bevor Völling körperlich und seelisch ganz am Ende ist und den endgültigen Entschluss trifft, sich das Leben zu nehmen, bringt sie ihre Schwester in die Uniklinik Köln. Doch auch dort wird ihr nicht geholfen, im Gegenteil. Völling wird als medizinische Besonderheit zur Schau gestellt. Es werden jede Menge Nacktbilder gemacht. Die gerade mal 17-Jährige wird wie ein Monster auf dem Jahrmarkt vorgeführt. Bis heute leidet Christiane Völling unter dem rücksichtslosen Vorgehen der Ärzte von damals.
Nach zahlreichen Demütigungen, Fehldiagnosen, Untersuchungen, Lügen und Tests landet Völling mit der Diagnose "echter Zwitter" schließlich auf dem Operationstisch. Unter dem Vorwand einer Operation, bei der man Gewebe aus seinem Bauchraum entfernen müsse, das später höchstwahrscheinlich eine Krebserkrankung hervorrufen würde, wird Völling schließlich mit dem Skalpell zu einem "richtigen Mann" gemacht. Nach der Operation behaupten die Ärzte, dass ihr ein Tumor entfernt worden wäre. Tatsächlich jedoch werden ihr die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt, wie die heute 52-Jährige erst nach Einsicht in die Krankenakten 2006 erfährt. Daraufhin verklagt Völling den operierenden Arzt und bekommt in einem viel beachteten Prozess im Jahr 2008 recht und Schmerzensgeld zugesprochen.
Ethikrat setzt sich für Zwischengeschlechtliche ein
Die Leidensgeschichte von Christiane Völling ist kein Einzelschicksal. Auf 80.000 bis 100.000 wird die Zahl der intersexuellen Deutschen geschätzt. Nicht alle leiden wie Christiane Völling unter AGS. Das medizinische Erscheinungsbild von Menschen, die weder Frau noch Mann sind, ist vielfältig. Aus diesem Grund ist Intersexualität nicht immer eindeutig und gleich nach der Geburt diagnostizierbar.
Hoffnung bringt die Forderung des Deutschen Ethikrates nach einem Fond für Intersexuelle Menschen nicht nur Christiane Völling. Kommt der Fond zustande, bedeutet das nicht nur die Anerkennung des Unrechts durch ärztliche Eingriffe bei intersexuellen Menschen, sondern auch die Anerkennung der Intersexualität an sich. Die Möglichkeit, sich im Personenstandsregister weder als Mann noch als Frau eintragen zu lassen, scheint in greifbare Nähe gerückt zu sein.