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Mittwoch, 09. Mai 2007

Empfindliche Neurodermitiker: Defekte im Schutzschild

Eigentlich können Neurodermitiker im Sommer aufatmen: Meist klingen die Entzündungen der Haut unter den heilenden Strahlen der Sonne etwas ab. Spezielles UV-Licht wird sogar gezielt in der Therapie eingesetzt. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. "Einige vertragen die Sonne nicht", erklärt Martin Kaatz, Dermatologe an der Universität Jena. Denn die empfindliche Haut von Neurodermitikern ist sehr leicht reizbar.

Schon ein Sonnenbrand kann dann einen neuen Schub auslösen. "Die Haut wird überreizt und die ohnehin geschwächte Barrierefunktion der Haut gestört", erklärt die Kölner Hautärztin Anne Hundgeburth. Der für die Hautkrankheit typische Teufelskreis aus Juckreiz, Kratzen und Ekzem wird in Gang gesetzt.

Neurodermitis zählt zu den so genannten atopischen Erkrankungen, genau wie Heuschnupfen, allergisches Asthma oder Lebensmittelallergie. "Bei etwa 30 Prozent der Bevölkerung kann man eine solche Veranlagung nachweisen", sagt Martin Kaatz. Das heißt aber noch nicht, dass sie tatsächlich auch Neurodermitis bekommen.



Am häufigsten sind Kleinkinder betroffen, erklärt Prof. Matthias Augustin, Dermatologe am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Bei ihnen tritt Neurodermitis häufig in den ersten Lebensjahren auf und bildet sich dann im Schulalter zurück, sagt Kaatz. "Manche Patienten machen einen ganzen Allergie-Kanon durch." Dann wandert die Allergie von der Haut auf Atemwege und Schleimhäute. Möglich sind aber ganz unterschiedliche Verläufe. Unter den Erwachsenen leiden zwei bis vier Prozent an den juckenden Ausschlägen, sagt Augustin.

"Neurodermitiker haben anlagebedingt eine feuchtigkeitsarme, spröde Haut mit eingeschränkter Barrierefunktion", erklärt Anne Hundgeburth. Die trockene Haut ist besonders anfällig für bakterielle Reize, die den für die Krankheit typischen Juckreiz auslösen. Ekzemschübe werden allerdings auch durch andere Faktoren provoziert.

"Das können Infektionskrankheiten, Stress, Nickel in Modeschmuck, Pollen, Tierhaare aber auch Duftstoffe oder Textilien sein", erklärt Hundgeburth. Manche Neurodermitiker vertragen zum Beispiel keine Naturfasern wie Wolle. Andere reagieren auf Nikotin, Lebensmittelzusatzstoffe oder Säure in Äpfeln oder Zitrusfrüchten. Bei Kindern treten häufig echte Lebensmittelallergien auf.

"Die erste Aufgabe ist es, herauszufinden, was diese Auslösefaktoren sind, um sie zu vermeiden", sagt Prof. Augustin. Allerdings tun sich gerade Patienten, die viele dieser so genannten Trigger haben, schwer, diesen aus dem Weg zu gehen. "Am schwersten haben es Betroffene mit hoher erblicher Veranlagung und hoher Allergieneigung."

Weil die Haut von Neurodermitikern so empfindlich ist, muss sie durch regelmäßige Pflege "aufgepäppelt" werden. Je nach Hautzustand muss zwei oder sogar dreimal pro Tag eingecremt werden. "Diese Basistherapie ist essenziell, weil damit das genetisch bedingte Defizit an Schutzstoffen der Haut ausgeglichen wird", sagt Augustin.

Was hilft, hängt vom jeweiligen Hautzustand ab, sagt Hundgeburth. Neurodermitiker sollten jedoch in der Regel keine zu fettreichen Präparate verwenden, welche die Haut abdichten. Denn unter Fettrückständen auf der Haut kann sich ein feuchtes Klima entwickeln, das das Wachstum von Bakterien fördert. Übermäßige Keimbesiedlung wiederum reizt die Haut und provoziert Juckreiz und Ekzem.

Zu bevorzugen seien Präparate mit Wirkstoffen wie Harnstoff (Urea) oder Ammoniumlaktat, die die Geschmeidigkeit der Haut erhöhen und die Barrierefunktion verbessern helfen. Hinzu kommen Präparate mit antientzündlichen Wirkstoffen wie zum Beispiel Aloe vera oder Johanniskraut, die die Keimbesiedlung der Haut in Schach halten und dem quälenden Juckreiz vorbeugen, der auch zur psychischen Belastung werden kann. Als neu erforschter Wirkstoff wird gegen die bakterielle Infektion Korianderöl-Salbe eingesetzt, erklärt Augustin. Ab Juni wird es im freien Verkauf erhältlich sein.

Bei einem immer stärker werdenden Schub sollten Kortison-Derivate, so genannte Kortikoide, eingesetzt werden, sagt Augustin. "Als Alternative kommen Calcineurin-Inhibitoren wie Tacrolimus oder Pimecrolimus zur äußerlichen Anwendung in Betracht." Die äußerliche Therapie kann bei schweren Infektionen auch durch die Einnahme von Antibiotika oder Antihistaminika unterstützt werden.

Eine etablierte Hyposensibilisierung für Neurodermitiker gibt es noch nicht. "Wir sind aber mitten in der Forschung dafür", sagt Augustin. Es gebe schon einige Studien, die zeigen, dass eine Hyposensibilisierung helfen könne, wenn der Patient nur auf eine geringe Anzahl von Allergenen reagiert. "Die Entscheidung für eine Hyposensibilisierung wird derzeit aber noch auf Grund der Symptome an den Atemwegen gefällt und nicht wegen Neurodermitis", erklärt Kaatz. Neurodermitiker, die auf Pollen reagieren, sollten während der Pollenflugzeit im Frühsommer abends Haut und Haare abwaschen. Danach muss die Haut aber wieder gut gepflegt werden - genau wie nach dem Schwimmbad-Besuch.

Letztlich muss aber jeder Patient mit seinem Arzt herausfinden, welche Therapie für ihn die beste ist. "Man muss viel ausprobieren, aber mit System", erklärt Augustin. Vor allem müssten die Patienten lernen, in der Therapie selbst Verantwortung zu übernehmen und das Frühwarnsystem ihres Körpers zu verstehen. Nur so können sie gemeinsam mit ihrem Arzt eine wirksame Strategie ausarbeiten, die den Neurodermitis-Teufelskreis durchbricht und den nächsten Schub möglichst lange hinauszögert.

Annika Graf, dpa


Informationen: Die Broschüre "Neurodermitis - eine Diagnose, tausend Fragen" kann kostenlos angefordert werden unter Aktion HautNah, Deutscher Neurodermitis Bund, Broschürenservice, Postfach 20 23 04, 20216 Hamburg, E-Mail: info@dnb-ev.de

Quelle: n-tv.de