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Anonyme Alkoholiker feiern Jubiläum "Ein Eingeständnis der Machtlosigkeit"

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Die Anonymen Alkoholiker verstehen sich als eine Interessengemeinschaft von Männern und Frauen, die "miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen."

(Foto: imago stock&people)

Am 1. November 1953 traf sich in München die erste deutschsprachige Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Heute gibt es bundesweit AA-Meetings, Zehntausende nehmen daran teil. Mit Gruppenmitglied Wolfgang spricht n-tv.de über die Arbeit der AA, über Machtlosigkeit und Spiritualität.

n-tv.de: Wolfgang, wie hat sich die Arbeit der Anonymen Alkoholiker über die Jahrzehnte verändert? Ist der Kampf gegen die Alkoholabhängigkeit heute ein anderer als vor 60 Jahren?

Wolfgang: Mit einer einzigen AA-Gruppe fing alles an, mittlerweile gibt es fast 2400 AA-Gruppen in Deutschland. Da wird schon deutlich: Wir sind nicht mehr nur regional tätig, sondern bieten unsere Hilfe in der ganzen Republik – auch in sogenannten Online-Meetings – an. Aber die Art und Weise, mit dem Alkoholproblem umzugehen, hat sich bei den AA in all den Jahren nicht wesentlich verändert. Wir sind übrigens nicht die Kämpfer gegen den Alkohol. Uns ist es wichtig, eine Möglichkeit zu bieten, dem Alkohol zu begegnen. Mehr wollen wir nicht. Und das tun wir aus der gegenteiligen Warte. Wir sagen: Wir sind dem Alkohol gegenüber machtlos. Es ist eher ein Eingeständnis der Machtlosigkeit als ein offensiver Kampf. Einen solchen gibt es bei den Anonymen Alkoholikern nicht.

Sind Alkoholprobleme heute häufiger als damals?

Das ist nicht die Frage, auf die wir unser Hauptaugenmerk richten. Damals wie heute leiden Menschen unter Alkoholproblemen. Aber Alkoholismus ist erst Ende der sechziger Jahre als Krankheit anerkannt worden. Seither ist auf Seiten der Kliniken und Ärzte viel passiert. 1953 hat man noch hinter vorgehaltener Hand sagen müssen, wie man da hinten um die Ecke nach dreimal links gehen zu einer AA-Gruppe kommt. Heute dagegen stehen wir im Internet, sind in vielen Städten erreichbar, nahezu rund um die Uhr, auch telefonisch. Da hat sich viel bewegt. Die Notwendigkeit von Selbsthilfegruppen im Umgang mit Suchtkrankheiten, gerade auch mit Alkoholismus, hat bei Ärzten inzwischen einen hohen Stellenwert. Das ist heute grundlegend anders als 1953.

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Nach Angaben der Bundesregierung trinken mehr als 9 Millionen Menschen in Deutschland Alkohol "in gesundheitlich riskanter Form". Rund 1,3 Millionen Menschen sind alkoholabhängig. Jedes Jahr sterben hierzulande etwa 74.000 Menschen an den direkten und indirekten Folgen von Alkoholmissbrauch.

Etwa 25.000 Menschen gehen in Deutschland derzeit zu AA-Treffen. Es waren schon mal mehr. Woran kann es liegen, dass der große Zulauf aktuell gestoppt ist?

Wir sind bis Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre stetig  gewachsen. Es gab in den Großstädten nahezu monatlich Meeting-Eröffnungen und die Anonymen Alkoholiker erreichten eine bundesweite Popularität. Selbsthilfegruppen zeichnen sich aber eben durch einen Wechsel von Kommen und Gehen aus. Und da darf es auch zu Stagnationen bei den Mitgliederzahlen kommen. Mittlerweile gibt es neben den AA viele andere Selbsthilfegruppen. Und das ist gut so. Nicht jeder hat die gleichen Bedürftigkeiten. Der eine geht lieber zu den AA, der andere bevorzugt eine andere Selbsthilfegruppe. Die Hauptsache ist, dass den Menschen geholfen wird. Wir sind eine von vielen Alternativen.

Grundsätzlich sind die Anonymen Alkoholiker weltweit bekannt. Sie gelten als sehr erfolgreich. Was ist das Besondere an dem Konzept?

Es ist ein Konzept, das von Alkoholikern für Alkoholiker entwickelt worden ist. Das war 1935 in den USA. Die Gründungsmitglieder waren ein Börsenmakler und ein Arzt. Das Programm basierte auf den Erfahrungen der sogenannten Oxford-Gruppe, das war eine religiöse Gemeinschaft damals. Aus dieser entwickelten sich die Anonymen Alkoholiker zu einer selbstständigen Gemeinschaft. Doch einige Erkenntnisse, die sie übernommen haben, sind offensichtlich gerade für Menschen, die von Suchtproblemen geplagt werden, sehr gut, damit sie zu innerer Ruhe kommen, den Alkohol loslassen können und ihr Leben erfolgreicher meistern, als sie es vorher getan haben.
Nur der erste von den zwölf Schritten des AA-Programms beschäftigt sich mit Alkohol. Der lautet: "Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten." Die weiteren elf Schritte beschäftigen sich mit der eigenen Person und dem eigenen Umgang mit dem Leben und den Menschen. Diese Selbstreflexion ist sehr wirksam und kann Veränderungen bewirken.

Das Zwölf-Schritte-Programm, Sie deuteten es gerade an, baut auf Spiritualität auf. Das ist nicht jedermanns Sache; Kritiker betrachten die AA vor diesem Hintergrund gar als Sekte oder religiösen Kult. Warum bleibt Spiritualität für die Arbeit der AA dennoch zentral?

Das Zentrale ist tatsächlich Spiritualität und nicht Religiösität. Der Unterschied ist wichtig. Wir sind offen für alle, und das bedeutet, niemand, der zu uns kommt, muss religiös sein, einer Kirche angehören oder gläubig sein.
Der Psychiater C.G. Jung sagte zu einem der Gründungsmitglieder in den sechziger Jahren, er habe verstanden, dass das Programm deshalb so gut wirkt, weil der Kern der Aussage heißt: spiritus contra spiritum. Man setzt also den Geist, die Seele, gegen diesen Spiritus, den Alkohol ein. Das war der Clou, auf den es ankam und der offenbar wunderbar wirkt. Ob man jetzt sagt "Ich bin ein gläubiger Mensch, und ich denke daran, dass die Geschicke von einer wie auch immer gearteten höheren Macht geleitet werden" oder ob man sagt "Ich sehe das Leben in seinem Fluss als die Grundlage dessen an, was mächtiger ist als ich, und diesem Lebensfluss kann ich mich zu einem bestimmten Anteil nicht entziehen": Beides sind Haltungen, in denen man sich vielleicht wiederfinden kann. Manche von uns nehmen zunächst auch die AA-Gruppe als ihre persönliche höhere Macht an, denn mit der Gruppe haben sie es erstmalig geschafft, trocken zu sein und allein eben nicht.

Geht es darum, Halt zu finden?

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Weltweit eine Anlaufstelle: Plakate der Anonymen Alkoholiker in Goa, Indien.

(Foto: Kelson/Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

Auf jeden Fall! Ein sehr wesentlicher Aspekt ist hier, zu spüren, dass man sich in der Gruppe auch heimisch fühlen kann. Man kann ja als Zugehöriger bei den Anonymen Alkoholikern in vielen Städten weltweit in ein Meeting gehen. Dadurch hat man immer eine Anlaufstelle, wenn man sich alleine fühlt und vielleicht Gefahr läuft, wieder irgendwo in eine Bar zu gehen und sich den Kopf vollzuschütten.
Aber da ist noch ein anderer Aspekt: Alkoholiker haben mitunter Probleme mit ihren Egos. Spiritualität kann helfen, zu akzeptieren, dass es nicht immer nach dem eigenen Willen gehen muss. Die Schwierigkeiten können auch daher rühren, dass man es immer anders haben will als die Welt gerade ist und dass die eigene Zufriedenheit davon abhängt.
Wenn es im dritten Schritt heißt, unseren Willen und unser Leben einer Macht größer als wir selbst zu übergeben, dann ist das zunächst ein großer Klopfer, wenn man es das erste Mal hört. Aber im Grunde ist es sehr hilfreich, um vielleicht auch die Dinge zu akzeptieren, denen man machtlos gegenübersteht.

Die Selbstverantwortung wird dadurch nicht beeinträchtigt?

Nein. "Fang bei dir selbst an" ist eine unserer Grundaussagen. Das kommt auch in den Meetings zum Tragen. Dort redet jeder nur von sich. Dort wird nicht diskutiert, es wird nicht durcheinander geredet, es geht nicht darum, dass ich einem anderen empfehle, was er tun sollte. Das darf in den Meetings jeder selbst herausfinden.

Es ist also ein friedliches Miteinander?

Genau. Und vor allen Dingen schafft ein solcher Umgang Akzeptanz; eine Akzeptanz, wie wir sie mitunter im Leben draußen nicht vorfinden. Wenn ich mich an manche Sitzungen in meinem früheren Arbeitsleben erinnere, dann war das mit dem Ausredenlassen zum Beispiel nicht immer gegeben.

Dann wird auch auf Kritik verzichtet, so dass sich niemand angegriffen fühlt?

Ja. Dafür steht auch der Gedanke der Anonymität. Sie gewährt einen Schutzmantel, unter dem man eine Gleichheit vorfindet, die in diesem Fall sehr gesund ist. Es geht nur darum, jeden Menschen so und mit dem zu akzeptieren, wie er heute da ist. Ob das Herr Sowieso oder Frau Sowieso ist, ist unerheblich. Der Mensch ist da, weil er ein Problem hat mit dem Alkohol. Nur darum geht es.
Das Konzept der zwölf Schritte und der Anonymität hat sich offenbar bewährt. Diverse andere Selbsthilfegruppen haben es für die verschiedensten Suchtkrankheiten übernommen.

Neben den zwölf Schritten gibt es noch die zwölf Traditionen. Was hat es damit auf sich?

Die zwölf Schritte regeln das persönliche Wohlergehen im Rahmen der Genesung, die zwölf Traditionen regeln das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft. Die dritte Tradition zum Beispiel heißt ganz simpel: Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit bei den Anonymen Alkoholikern ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Es gibt also keine Regeln, dass man vielleicht erstmal trocken sein muss oder sechs Wochen Therapie gemacht haben muss. Man kann immer wiederkommen. Jeder, der ein Alkoholproblem hat, darf bei uns mitmachen und sich zugehörig fühlen.

Was erwartet jemanden, der zum ersten Mal kommt?

Er hört als Erstes: Du kannst hier so lange bleiben, wie du willst. Du musst nichts sagen. Du kannst dich einfach hinsetzen und zuhören. Wir haben Freunde bei uns, die sitzen ein halbes Jahr in der Gruppe und sagen nichts außer "Ich heiße Sowieso und bin Alkoholiker." Und manche sagen auch das nicht und geben gleich an den Nächsten weiter. Aber das funktioniert. Oft setzt nach einer gewissen Zeit ein Genesungsschritt ein. Und dann geht es bergauf.

Mit Wolfgang aus dem Gemeinsamen Dienstbüro der Anonymen Alkoholiker sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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