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Zwar hatte das Reh ein Geweih wie ein Männchen, doch am Hinterteil ein typisch weibliches Haarbüschel ("Schürze").
Zwar hatte das Reh ein Geweih wie ein Männchen, doch am Hinterteil ein typisch weibliches Haarbüschel ("Schürze").(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 09. September 2013

Vorne Bock und hinten Ricke: Forscher lösen Rätsel um intersexuelles Reh

Als ein Humangenetiker im Sauerland auf die Jagd geht, macht er eine erstaunliche Entdeckung. Er sieht ein Reh, das Merkmale von Männchen und Weibchen hat. Der Jäger erlegt das intersexuelle Tier - nun hat er das Genom entschlüsselt. Seine Ergebnisse beweisen überraschende Parallelen zum Menschen.

Genetiker haben das Erbgut eines intersexuellen Rehs entschlüsselt. Das Tier mit zweierlei Geschlechtsmerkmalen aus einem Wald bei Schmallenberg im Sauerland hatte vor über zwei Jahren das Interesse eines dort jagenden Wissenschaftlers erregt. "Von vorne sah es aus wie ein Männchen, von hinten wie ein Weibchen", sagte Professor Jörg Epplen von der Ruhr-Universität Bochum. So trug das Reh auf dem Kopf ein Geweih wie ein Bock, hatte aber am Hinterteil eine sogenannte Schürze, ein typisch weibliches Haarbüschel.

Weil Epplen als Humangenetiker auch im Bereich Intersexualität forscht, beschloss er das schwächelnde Tier zu erlegen, um die genetischen Gründen für das Erscheinungsbild aufzuspüren. Über seine Forschungen berichtete er auch in der US-Fachzeitschrift "PLOS ONE": Obwohl das Reh den weiblichen Chromosomensatz XX besaß, hatten sich unter dem Haarbüschel statt einer Vagina ein verkürzter Penis und Hoden herausgebildet.

Auch beim Menschen möglich

Der langwierige Entschlüsselungsprozess des Genoms in Zusammenarbeit mit der Universität Köln und der australischen Universität von Melbourne zeigte schließlich, dass das intersexuelle Tier die dreifach Menge eines Gens in sich trug, das unter anderem für die Herausbildung von Keimdrüsen zuständig ist.

Dieses S0X9-Gen sorgt in der Regel bei Männern für die Herausbildung von Hoden, bei Frauen für die von Eierstöcken. "Weil das SOX9-Gen in dreifacher Dosis vorhanden ist, können trotz fehlendem männlichen Y-Chromosom Hoden entstehen", erläuterte Epplen. Ähnliche genetische Veränderungen als Ursachen für eine solche Geschlechterumkehr seien bisher auch beim Menschen und bei Mäusen untersucht worden. "Offenbar kommt diese Mutation auch sonst im Tierreich vor und kann damit in freier Wildbahn gefunden werden."

Quelle: n-tv.de