Kraniche fliegen gen SüdenGlücksboten am Himmel

Sie brauchen günstigen Nordost-Wind: Bis zu 70.000 Kraniche warten in Norddeutschland noch auf den Abflug gen Süden. Ihr Anblick ist majestätisch und bringt Naturfreunde ins Schwärmen.
In der chinesischen Mythologie gelten Kraniche als Glücksboten. Demnach ist das Glück in Deutschland derzeit reichlich, aber auch flüchtig vorhanden. Denn Tausende Kraniche sind in den vergangenen Tagen über das südliche Rheinland und die Pfalz geflogen, Zehntausende werden in den nächsten Wochen noch erwartet. Das sagt der Vogelexperte Olaf Strub vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) in Mainz. "Es lohnt sich, immer ein halbes Auge am Himmel zu haben - dieser majestätische Anblick der Kraniche in der Luft begeistert jeden." An den Kranich-Sammelplätzen in Mecklenburg- Vorpommern und Nordbrandenburg warteten derzeit noch bis zu 70.000 Kraniche von ursprünglich rund 100.000 auf günstigen Nordost-Wind.
Keil-Anordnung spart Kraft
Der gleichmäßige Flug in V-Formation fasziniert Strub. "Durch diese Keil-Anordnung sparen sie viel Kraft." Denn die Kraniche nutzten Verwirbelungen in der Luft durch den Flug der anderen, schräg vor ihnen fliegenden Vögel zum Auftrieb. Der "Energiesparmodus" sei nötig, denn mit einem Gewicht von fünf bis sieben Kilo seien die Vögel verhältnismäßig schwer, sagt der Nabu-Fachmann. Der Flug des Kranichs, wissenschaftlich Grus grus, machte sogar im Militär Schule: Jetgeschwader am Himmel fliegen zum Spritsparen in V-Formation.
Die Vögel, die vorne sind, fliegen bei bis zu Tempo 70 gegen den größten Luftwiderstand an. An der Spitze wechselten sich die Tiere ständig ab. Bisweilen löse sich ihre Flugformation plötzlich auf. "Manche Beobachter denken dann, die fliegen jetzt wild durcheinander und haben die Orientierung verloren." Tatsächlich sei das aber Teil des energiesparenden Fluges: Bei günstiger Thermik hören die Kraniche fast völlig mit dem Flügelschlagen auf und lassen sich nach oben treiben. Dann bricht die Formation kurz auf.
Deutschland-Spanien nonstop
In einem Rutsch fliegen manche Kranichtrupps von den deutschen Sammelplätzen bis zu 1800 Kilometer weit nach Spanien, andere machen Halt in Südfrankreich, erklärt Martin Hormann von der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Beobachter werden die prachtvollen Vögel also nur in der Luft zu Gesicht bekommen - eine Zwischenlandung kommt selten vor. Die meisten von ihnen kommen aus Skandinavien und dem nördlichen Osteuropa. In Deutschland gebe es nur etwa 6000 Brutpaare, die sich vor allem auf Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verteilten, sagt Hormann. Der Bestand habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stabilisiert. Noch 1980 seien es nur 2000 Brutpaare in Deutschland gewesen.
Das Brutgebiet hierzulande habe sich in den vergangenen Jahren vergrößert, inzwischen gebe es schon einige Brutpaare in Niedersachsen und in Bayern, erklärt der Vogelexperte.