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Europas Wilder Westen Gold und Raketen in Französisch-Guayana

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Eine Ariane-5-Rakete zieht ihre Bahn.

dpa

Hier werden Ariane-Raketen unter idealen Bedingungen ins All geschossen und Goldwäscher hoffen auf das große Glück - klingt erstmal positiv. Französisch-Guayana aber kämpft mit vielen Problemen.

Die "grüne Hölle" beginnt gleich hinter der Startrampe der Weltraumrakete Ariane. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze schaffen ein unangenehmes Klima. Im Dschungel grassieren Gelbfieber und Malaria, lauern Jaguare und Anakondas. Doch der angeblich undurchdringliche Urwald bekommt kahle Stellen. Sie sind das Werk der Garimpeiros, illegaler Goldschürfer. Den Glücksrittern aus Brasilien sind Natur und Gesetz oft egal. Wir sind in Französisch-Guayana, dem Wilden Westen der Europäischen Union, wo man mit Euro bezahlt - und manchmal auch mit Nuggets.

Rund 83.846 Quadratkilometer ist dieses Stück Frankreich im Norden Südamerikas groß - viermal so groß wie Hessen. 96 Prozent des Landes sind fast menschenleerer tropischer Regenwald. Die meisten der 270.000 Einwohner leben an der Küste, vor allem in der Hauptstadt Cayenne und im Raumfahrtzentrum Kourou.

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Die Nähe zum Äquator sorgt für ideale Startbedingungen. (Die Startrampe in Kourou)

(Foto: dpa)

"Jeder siebte Arbeitsplatz in Französisch-Guayana hängt an der Raumfahrt", sagt Michel Bartholomey, der Arianespace-Chef in Kourou. Wegen der größeren Äquatornähe gibt die Erdrotation hier den Raketen mehr Schwung beim Start als in Florida und Kasachstan. Das bringt den Ariane-Raketen ein Fünftel bis ein Drittel mehr Tragkraft als den amerikanischen und russischen Raketen. Ohne diesen Vorteil wäre Französisch-Guayana vielleicht längst "in die Unabhängigkeit entlassen" wie die Nachbarstaaten Suriname (Ex-Niederländisch-Guayana) und Guyana (Ex-Britisch-Guayana).

Goldpreise locken Glücksritter

Doch auch fernab des Raumfahrtzentrums ist der Regenwald nicht unberührt. Seit 20 Jahren dringen immer mehr Garimpeiros in den Dschungel vor und suchen entlang der Flussläufe nach Gold. 15.000 sind es nach Angaben des Pariser Staatssekretariats für die Überseegebiete, Schätzungen am Ort liegen bei 30.000. Der Höhenflug der Goldpreise lockt immer neue Glücksritter an.

Nach dem Raumfahrtzentrum ist die legale und illegale Goldproduktion der größte Wirtschaftsfaktor Französisch-Guayanas. Der Gegensatz könnte krasser nicht sein: auf der einen Seite präzise Arbeit im staubfreien Reinraum, auf der anderen Seite Wühlen im Schlamm und die Gesetze des Dschungels. Quecksilber verseucht die Flüsse

Quecksilber verseucht die Umwelt

Die Schürfer arbeiten mit Quecksilber - einem der schädlichsten Gifte für Mensch und Umwelt überhaupt - und haben damit schon tausende Kilometer Gewässer verseucht. Oft helfen sie sich gegenseitig, aber im Kampf um die Claims ist auch Gewalt kein Tabu. "Wenn Du im Dschungel verschwindest, findet Dich kein Mensch mehr", sagt Matthieu, der mit Führungen sein Geld verdient.

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Immer mehr Goldwäscher wollen in Französisch-Guayana ihr großes Glück finden.

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Die Garimpeiros roden Wald, der nicht mehr nachwächst. Und sie benutzen das seit 2006 verbotene aber billige Quecksilber, um das feine Gold von Schlamm und Gestein zu trennen. Wo sie ihre Wasserkanonen einsetzen, verwandeln sich von Leben überquellende Flüsse in gelbe Schlammströme. Die wilde Goldsuche sei "die größte Gefahr für das Ökosystem und die Bewohner" Französisch-Guayanas, meint die Umweltorganisation WWF. Die Indianer haben schon doppelt so viel Quecksilber im Körper wie von der Weltgesundheitsorganisation zugelassen. Außerdem: "Die geheimen Siedlungen mitten im Wald sind eine Wiege für Waffen- und Rauschgifthandel und Prostitutionsnetze."

Goldkrümel gegen Alkohol und Sex

Viele Garimpeiros sind arme Analphabeten, die hoffen, goldbeladen nach Brasilien heimzukehren. Meist finden sie nur ein paar Goldkrümel und tauschen sie noch im Urwald gegen Lebensmittel, Alkohol und Sex - alles sündhaft teuer wegen der beschwerlichen und gefährlichen Versorgungswege.

Lange hat Paris weggeschaut. Doch 2006 sagte Nicolas Sarkozy als Innenminister der illegalen Goldsuche den Kampf an. Seitdem hat die Regionale Eingreiftruppe GIR Werkzeuge und Lager der Garimpeiros zerstört, Gold und Quecksilber im Millionenwert beschlagnahmt und die Grenzkontrollen verschärft. 2008 sah Sarkozy als Präsident wieder nach dem Rechten. Jetzt organisiert die Gendarmerie Straßenblockaden und Grenzpatrouillen und baut am Fluss Kontrollposten.

"Wir überwachen die Pisten und Treibstofflager und unterbrechen die Versorgung", erklärt ein Gendarm voller Stolz. "Das greift." Viele Goldwäscher werden per Hubschrauber versorgt, die irgendwo betankt und beladen werden müssen. In dem weiten Gebiet wird die Jagd auf die Illegalen allerdings leicht zum endlosen Katz-und-Maus-Spiel. Die Garimpeiros warnen einander über Funk. Wenn die Gendarmen eintreffen, finden sie oft verlassene Lager vor. Ihnen bleibt dann nur, in den Flüssen und im Dschungel nach dem versteckten Werkzeug und Quecksilber zu suchen.

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Sarkozy besucht Cayenne.

(Foto: REUTERS)

Die Grenze zwischen Französisch-Guayanas und Brasilien ist mit 730 Kilometern die längste Grenze, die Frankreich mit irgendeinem Land teilt. Über sie führt praktisch nur eine reguläre Fernstraße; der Rest ist Wildnis. Doch der Fahndungsdruck zeigt Wirkung bis nach Brasilien hinein. In der Grenzstadt Oiapoque klagte ein Motorenhändler der "Monde"-Journalistin Laurent Marot: "Unser Goldsuchergeschäft ist um 90 Prozent eingebrochen."

Supermärkte und Sozialwohnungen

Die meisten Bürger bekommen davon gar nichts mit. Cayenne ist eine andere Welt mit französischen Supermärkten und Sozialwohnungen. Schon 1503 hatten die Franzosen bei Cayenne erste Niederlassungen gebaut. Doch anders als auf den französischen Karibikinseln Martinique und Guadeloupe sind Klima und Boden zu unwirtlich, um im großen Stil Plantagen anzulegen, Touristen anzulocken oder Industrie anzusiedeln. Lange blieb das Gebiet menschenarm.

Jetzt aber wächst die Bevölkerung rapide. Wurden 1946 erst 29.500 Einwohner gezählt, so waren es 1990 schon 130.000. 2030 dürften es nach Angaben des Statistikamtes INSEE 600.000 sein. Zigtausende sind allein aus Haiti eingewandert. Haitianer stellen jetzt die größte Volksgruppe nach den Kreolen, die die Verwaltung dominieren. Andere drängen aus Surinam ins Land. Mit der Expansion des Weltraumzentrums kommen Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler aus Europa und der ganzen Welt. Die auf sechs Stämme verteilten Indianer stellen heute weniger als vier Prozent der Einwohner.

Was lockt die Einwanderer?

Warum kommen so viele Einwanderer? "Weil es in Guayana französisches Sozialrecht, Krankenhäuser und gute Löhne gibt", sagen viele hier lebende Europäer. Doch das stimmt höchstens zum Teil. Viele Restaurants und Geschäfte werden von Hongkong-Chinesen betrieben. Und an den Berghängen widerlegen die aus Indochina stammenden Hmong tagtäglich die Behauptung der Kreolen, dass in Französisch-Guayana keine Landwirtschaft möglich ist.

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Fünf Prozent des Budgets stellt das Raumfahrtzentrum für soziale und wirtschaftliche Zwecke zur Verfügung.

(Foto: dpa)

Die Hmong kamen in den 1970er Jahren vor allem aus Laos auf der Flucht vor den Kommunisten. Angesichts der Feindseligkeit der Kreolen zogen sie tief in den Dschungel und bauten "laotische" Dörfer wie Cacao oder Javouhey. Dort jagen und fischen sie - und bauen erfolgreich Obst und Gemüse an.

"Penis-Politik" lässt Bevölkerung wachsen

Die Bevölkerung wächst auch wegen der hohen Geburtenrate. Jeder Zweite ist unter 20 Jahre alt. "Jedes Jahr muss eine neue Schule für 500 bis 600 Schüler gebaut werden", sagt Joël Barre, der Chef des Raumfahrtzentrums CSG. Die "alten Familien" unterstellen den Kreolen und Migranten, nur wegen der französischen Sozialfürsorge viele Nachkommen zu zeugen. "Penis-Politik" nennen sie das abschätzig.

Jörn Tjaden relativiert das. "Die Haitianer zum Beispiel arbeiten sich hoch", sagt der deutsche Vertreter der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Guayana. Doch auch Tjaden teilt die in der Handelskammer vertretene Meinung: "Viele hier haben die Mentalität, vom Staat zu leben und wenig Eigenverantwortung zu übernehmen."

Bürger wettern gegen Paris

Arbeitsplätze sind jedoch rar. Hohe Löhne und Sozialstandards machen die Produktion von Gütern unrentabel. Französisch-Guayana bleibt auf Zuschüsse aus Frankreich und der EU angewiesen. 2700 Euro pro Kopf fließen jährlich ins Land. Das wissen auch die Bürger. Sie wählen zwar traditionell links, wettern gerne gegen die fernen Herren in Paris und fordern Unabhängigkeit. Aber als sie im Januar 2010 über größere Selbstständigkeit abstimmen sollten, votierten 69,8 Prozent dagegen. Französisch-Guayana bleibt Frankreich und dem Euro treu.

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Trübes Meerwasser vor der Küste von Französisch-Guayana.

(Foto: dpa)

Jeder Zweite unter 25 Jahren ist arbeitslos. Das birgt sozialen Sprengstoff. "Ende 2009, Anfang 2010 war es ganz schlimm mit der Kriminalität", sagt ein hoher Raumfahrtfunktionär. "Wir wurden aufgefordert, abends nicht auf der Terrasse zu sitzen - wegen der Geiselnahmen."

Das Raumfahrtzentrum stemmt sich gegen die gesellschaftliche Verwahrlosung. Es stellt fünf Prozent des Budgets für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Guayanas ab. "Wir finanzieren Vereine und Satellitenverbindungen für medizinische Fernbetreuung, Fernanalysen und Internet in Dschungelgemeinden", sagt CSG-Direktor Barre. "Der soziale Frieden ist teuer."

Tourismus im Tropenklima

Trotz des drückenden Klimas macht der Tourismus sieben Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Mehrere Anbieter versuchen, den Tierreichtum für Naturtourismus zu nutzen. Schließlich gehört diese Exklave der Europäischen Union zu den artenreichsten Gegenden der Welt. Wandern im Urwald, Entdeckungsreisen auf dem Fluss Approuague und Sportangeln sind die Attraktionen.

Meeresschildkröten legen ihre Eier am Strand ab, in den Bäumen brüllen Affen und schreien Papageien. Und wer von den Startrampen der Weltraumraketen zum Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA fährt, sieht schon mal einen Ameisenbären am Weg. Um die mehr als 1000 Baumarten, 700 Vogel- und 109 Amphibienarten zu erhalten, hat Frankreich einen Nationalpark und Naturschutzgebiete geschaffen.

Brackwasser nichts für Badeurlauber

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Die Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana wurde als Strafkolonie genutzt.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Für einen Badeurlaub eignen sich bestenfalls die Heilsinseln 14 Kilometer vor Cayenne. Anderswo ist das Meer brackig-trübe vom nährstoffreichen Amazonaswasser, das träge die Küste entlang zieht. Und wer doch ins Wasser steigt, watet schnell im Schlick. Niemand kommt ohne Gelbfieber-Impfung ins Land. Auch der viele Regen ist nicht jedermanns Sache.

Die Heilsinseln erhielten ihren Namen von Siedlern, die dort im 18. Jahrhundert Zuflucht vor Krankheit und Tod auf dem Festland fanden. Doch auch sie wollten meist so schnell wie möglich wieder weg. Bis 1946 diente das Archipel Frankreich als Gefängnis. Der berühmteste Insasse des Kerkers auf der Teufelsinsel war der zu Unrecht als deutscher Spion verurteilte jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus, für den sich Emile Zola mit seinem "J'accuse" medienwirksam einsetzte. Auf der Nachbarinsel Saint-Joseph sind noch Kerker zu besichtigen. Unweit davon turnen Affen auf erschreckend vielen verfallenen Gräbern. Dort wurden die Kinder der Wächter und Gendarmen begraben.

Quelle: n-tv.de, Hans-Hermann Nikolei, dpa

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