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Seltene Krankheit Gutartiger Tumor im Innenohr

Wenn das Hörvermögen auf einem Ohr nachlässt, wird das leicht mit einer Erkältung, einer vorangegangenen Mittelohrentzündung oder auch fortschreitendem Alter in Verbindung gebracht. Wer öfter unter Schwindelgefühlen leidet, erklärt sich das womöglich durch niedrigen Blutdruck. Beide Beschwerden können jedoch auch Symptome einer seltenen Krankheit mit dem Namen Akustikusneurinom sein: "Nur eine unter 100.000 Personen ist hierzulande betroffen", erläutert Prof. Robert Behr, Direktor der Klinik für Neurochirurgie in Fulda. "Doch gerade weil sie so selten ist, bleibt sie oft unerkannt."

Das Akustikusneurinom ist ein gutartiger Gehirntumor: Er entsteht am achten Gehirnnerv (Nervus vestibulocochlearis). Dieser transportiert sowohl die Informationen der Gehörschnecke als auch die des Gleichgewichtsorgans zum Gehirn. Die Informationsträger, also die Fasern im Innern des Nervs, sind von sogenannten Schwann'schen Zellen ummantelt. Diese Hüllenzellen vermehren sich bei Akustikusneurinom-Patienten. Die Ursachen dafür sind bislang nicht bekannt.

Eigenwillige Tumorart

"Meist entsteht der Tumor im inneren Gehörgang", erläutert Prof. Rudolf Hagen, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Würzburg. Durch diesen engen Knochentunnel wird neben dem Hör- und Gleichgewichtsnerv auch der Gesichtsnerv durch den Schädel zum Gehirn geleitet. Der Tumor durchsetzt nicht das umliegende Gewebe und bildet auch nicht über Blut- oder Lymphwege Tochtergeschwülste in anderen Organen.

Seine Gefahr besteht in seinem - wenn auch sehr langsamen - Wachstum. "Zunächst drückt er auf die Nervenbahnen im inneren Gehörgang", erklärt Dieter Marten, Vorsitzender der Vereinigung Akustikus Neurinom (VAN) in Hannover. Gewinnt die Geschwulst an Volumen, so dehnt sie sich in Richtung Stammhirn aus, in den Bereich, in dem das Kleinhirn mit dem Rest des Gehirns verbunden ist. Dort kann zum einen der Drillingsnerv (Nervus trigeminus) beeinträchtigt werden. Zum anderen wird Druck auf den Hirnstamm ausgeübt. Das kann schwere gesundheitliche Folgen haben.

Spektrum von Symptomen

"Die ersten Symptome sind meist einseitige Beeinträchtigungen des Hörvermögens: Ohrgeräusche, also Tinnitus, oder Hörminderung. Sie wird manchmal als plötzlicher Hörsturz erlebt, kann sich jedoch auch über Jahre entwickeln", zählt Neurochirurg Behr auf. Auch Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Gangunsicherheit gehören zu den Früherkennungszeichen.

"Viele Patienten habe eine wahre Odyssee von einem Facharzt zum nächsten hinter sich", sagt Marten. Dabei kann schon eine einfache Hörprüfung beim Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde zumindest Verdachtsmomente auf Akustikusneurinom liefern. Die eindeutige Diagnose ist durch eine Kernspintomographie möglich. "Dabei müssen Kontrastmittel eingesetzt und genügend dünne Schichten im Wachstumsbereich des Tumors untersucht werden", erklärt Behr.

Behandlungsart vom Tumor abhängig

Wird ein Tumor entdeckt, gibt es drei Behandlungswege: Abwarten und beobachten, operieren oder bestrahlen. Welcher Weg gewählt wird, hängt vor allem von der Position und Größe des Tumors, seinem Wachstumsverhalten, den Beschwerden des Patienten und seiner körperlichen Konstitution ab. "Jeder Patient sollte sich umfassend über die Vor- und Nachteile aller Therapien informieren", rät Behr. Eine gute Anlaufstelle sind fachübergreifende Arbeitsgruppen, in denen Neurochirurgen, HNO-Ärzte und Neuroradiologen zusammen arbeiten.

Bei einem mikrochirurgischen Eingriff versuchen die Operateure, den Tumor sicher zu entfernen, ohne dass dabei das Gehirngewebe, Nerven oder Blutgefäße verletzt werden. Vor allem bei größeren Tumoren, die sehr nahe an den Nervenbahnen liegen, ist das mit Risiken verbunden. Bei der Bestrahlung wird der Tumor nicht entfernt oder vernichtet, sondern in seinem Wachstum behindert.

In den vergangenen Jahren haben die Strahlentherapien sehr viel Zulauf gefunden. "Auf den ersten Blick wird der Patient dabei weniger beeinträchtigt", erläutert HNO-Arzt Hagen. So sei beispielsweise nach einer Operation einige Zeit mit Schwindel zu rechnen. "Doch mittlerweile zeigen erste Langzeitbeobachtungen von bestrahlten Patienten Nebenwirkungen auf das benachbarte Gewebe, sowie die Gefahr, dass nach einigen Jahren eine zweite, dann deutlich erschwerte Therapie notwendig ist." Auch die Entwicklung von bösartigem Gewebe sei beobachtet worden. Im Anschluss an jede Behandlung muss der Wachstumsbereich des Tumors daher regelmäßig beobachtet werden.

Quelle: n-tv.de

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