Besuch aus dem SüdenHeiße Sommer, fremde Insekten
Haben auch Sie in diesem Sommer auf ihrem Balkon Insekten entdeckt, die Sie allenfalls im Urlaub schon mal gesehen haben?
Haben auch Sie auf ihrem Balkon Insekten entdeckt, die Sie allenfalls im Urlaub schon mal gesehen haben? In heißen Sommern kommen Insekten aus wärmeren Gefilden nach Deutschland, erklärt der Insektenforscher Gerd Müller-Motzfeld von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald im Gespräch mit n-tv.de. Haupteinfallstor ist der obere Rheingraben. Da die Temperaturen steigen, werden einige der Insekten hierzulande heimisch. Andere müssen alle sechs Jahre wiederkommen.
n-tv.de: In diesem Sommer habe ich einige Insekten gesehen, die mir sehr fremd vorkamen. Täuscht der Eindruck, oder kommen neue Insektenarten nach Deutschland?
Gerd Müller-Motzfeld: Der Eindruck stimmt schon. Aber es sind keine wirklich "neuen" Arten, sondern Arten aus anderen Gebieten, die nun bis zu uns vordringen, sich also "ausbreiten". Als flugfähige Organismen können Insekten auf Temperaturunterschiede sehr schnell reagieren.
Wo kommen diese Insekten denn her?
Da gibt es regelrechte Einfallsschneisen. Eine solche Schneise ist der obere Rheingraben. Das ist ein wärmebegünstigtes Gebiet, wo seit Jahrzehnten beobachtet wird, dass Insekten aus Südeuropa einwandern. Wenn die Insekten sich einmal hier installiert haben, ist die Frage, ob sie ausreichend Nahrung finden und nicht von anderen gefressen oder auskonkurriert werden. Wenn sie sich einnischen können, kann es passieren, dass sie dauerhaft bleiben.
Trotz der kalten Winter?
Es kommt natürlich auch vor, dass ein strenger Winter eine solche südliche, wärmeliebende Art wieder vernichtet.
Was für Insekten kommen denn zu uns?
Das sind unter anderem auch Schädlinge, zum Beispiel Bostrychiden, also Holz-Bohrkäfer, oder Buprestiden, Prachtkäfer-Arten, die es normalerweise nur in Italien, Südfrankreich oder Spanien gibt. Deren Barriere sind in der Regel die Alpen und die Pyrenäen. Eine andere Pforte gibt es für die kontinentalen Arten, die von Osten kommen. Die vertragen harte, kalte Winter und mögen heiße Sommer. Da gibt es schöne Beispiele, etwa den kleinen Laufkäfer Bembidion ruficolle, der 1978 nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder an der Oder aufgetaucht ist. Die Wärmeperiode hielt zwei, drei Sommer an. Weil es immer wärmer wurde, konnte der Käfer sich halten. Mitte der achtziger Jahre war er schon an der Elbe. Inzwischen hat er die Umgebung von Bremen erreicht.
Wie lange dauert eine Wanderung von, sagen wir, Spanien nach Brandenburg?
Das ist unterschiedlich, das hängt von den Arten ab. Kleinere Insekten, wie etwa Blattläuse, werden von atmosphärischen Strömungen in kürzester Zeit über hunderte von Kilometern transportiert. Aber je kleiner die Insekten sind und je größer die Entfernungen, umso schwieriger ist es für den Wissenschaftler, das seriös zu verfolgen. Dann gibt es Insekten, die regelmäßig wandern, wie die Wanderfalter. Sie kennen vielleicht den Totenkopfschwärmer, ein sehr großer, auffallender Schwärmer, der aus dem tropischen Afrika stammt und regelmäßig über die Sahara bis Europa fliegt. In warmen Zeiten ist er relativ häufig in Mitteleuropa, ja sogar bis Finnland zu sehen. Er kann sogar hier Eier ablegen, aber ob die dann im Herbst schlüpfenden Weibchen wirklich hier überwintern können oder wieder nach Süden wandern, ist nicht sicher belegt. Dauerhaft kommt diese Art jedenfalls bisher nicht bei uns vor.
Welche Rolle spielt der Flugverkehr oder der Transport von Lebensmitteln?
Die anthropogene Verdriftung ist eine ganz andere Variante. Die geht natürlich über sehr viel größere Entfernungen. In den USA ist untersucht worden, wie normale Vorratsschädlinge oder so genannte synanthrop, also im Umfeld des Menschen lebende Insekten wie die Stubenfliegen, Haus- und Hygiene-Schädlinge mit Luftfracht innerhalb Amerikas oder auch von Amerika nach Europa oder umgekehrt transportiert werden. Das betrifft jährlich Tausende von Insekten.
Ist das problematisch?
Gefährlich kann es werden, wenn es sich um Überträger oder Krankheitsschädlinge handelt. Meistens ist das jedoch harmlos.
Ist absehbar, wie der Klimawandel sich auf die Einwanderung von Insekten auswirken wird?
Für die Landwirtschaft kann es durchaus erhebliche Folgen haben. Blattläuse beispielsweise benötigen für eine volle Entwicklung eine "Temperatur-Summe" von etwa dreihundert "Gradtagen", also 30 Tage bei zehn Grad, 20 Tage bei 15 Grad oder nur zehn Tage bei 30 Grad für die Entwicklung. Eine Steigerung der Jahres-Durchschnittstemperatur von nur einem Grad Celsius bedeutet 365 Grad-Tage, also eine weitere Generation dieser Schädlinge. Unklar ist, wie sich das dann auswirkt, ob die Feinde und die Krankheiten der Schädlinge sich zeitgleich mitentwickeln. Meist ist es so, dass sie nicht mithalten. Der übliche Kreislauf ist der: Es gibt einen Schaden, auf den wird mit der "chemischen Keule" reagiert. Die Nützlinge kommen dann gar nicht mehr zum Zuge.
Was ist mit Malaria-Mücken? Können die in Deutschland aus dem Flugzeug fliegen und hier Menschen infizieren?
Nein, das ist Quatsch. Mücken der Gattung Anopheles, speziell die so genannte maculipennis-Artengruppe, gab es schon immer in Europa. Es gab ja in Europa früher auch eine endemische Malaria, die ist aber bereits im Mittelalter ausgerottet worden. Die Mücke ist noch da, nur der Keim - das ist ein Mikroorganismus, ein so genanntes Plasmodium - benötigt konstante Umgebungstemperaturen von mindestens 20 bis 22 Grad, um sich dauerhaft im Freiland - in der Mücke - vermehren zu können. Die Mücke ist ja ein wechselwarmer Organismus, deren Körpertemperatur etwa der Außentemperatur entspricht.
Aber theoretisch wäre eine Ansteckung mit einer Flugzeugmücke denkbar.
Mir ist so ein Fall nicht bekannt. Es ist vielmehr so, dass Leute, die mit Malaria infiziert sind, hierherkommen und dann von unseren Anopheles gestochen werden. In der DDR gab es mal einen spektakulären Fall in der Nähe von Dresden. Da ist so ein schönes Naherholungsgebiet mit Wäldern und Seen bei Moritzburg. Dort, im Moritzburger Teichgebiet, waren zu DDR-Zeiten immer Pionierlager, Ferienlager für Kinder. In einem Jahr waren dort mal vietnamesische Schüler zu Gast, darunter welche mit einer unerkannten Malaria. Die sächsischen Mücken haben die Malaria-Keime gezogen und unter den Kindern verbreitet. Die Folge war eine regelrechte endemische Sommer-Malaria. Das ist damals natürlich streng geheim gehalten worden. Den Winter überlebten diese Keime ohnehin nicht. Aber das sind wirklich seltene Fälle.
Mit Gerd Müller-Motzfeld sprach Hubertus Volmer