Wissen

Mensch im SchafspelzHerdentrieb stark ausgeprägt

22.02.2008, 14:46 Uhr

Wenn es darum geht, Fußgängerströme in belebten Gegenden zu lenken, dann lässt er sich gut nutzen, der menschliche Herdentrieb. Schon zwei Anführer reichen, um einer Gruppe von 200 Personen die Richtung zu weisen.

Manchmal verhalten sich Menschen nicht anders als Schafe in einer Herde: In Gruppen folgen sie scheinbar widerstandslos einer kleinen Zahl von Anführern, die sie zu einem Ziel leiten. Dies berichten Wissenschaftler um Jens Krause von der Universität Leeds im Journal "Animal Behaviour". Die Erkenntnisse gäben einen Einblick in die Entstehung von Kooperation, könnten aber auch genutzt werden, um Fußgängerströme in belebten Gegenden zu lenken oder Fluchtpläne für Katastrophenfälle zu erarbeiten.

Wer führt den Vogelzug an?

Ursprünglich interessierten sich die Wissenschaftler dafür, wie Zugvögel sich auf ihren Flügen über die Route einigen und eine Spaltung der Gruppe vermeiden. Denkbar sei, dass nur einige Vögel die notwendigen Informationen besitzen und die Reisegruppe sich einvernehmlich auf eine Route einigen muss. Zur Untersuchung des Problems diente ausnahmsweise einmal der Mensch als "Versuchstier": Die Forscher schickten eine Gruppe von acht Personen in einen zehn Meter durchmessenden Kreis, in dessen Mitte Karten mit den Buchstaben A bis H ausgelegt waren. Diese waren ebenfalls kreisförmig angeordnet und dienten als Startpositionen für die einzelnen Versuchsteilnehmer. Je einer stellte sich auf einem Buchstaben auf. Von dort blickten sie auf den äußeren Kreisumfang, der ebenfalls mit Karten umlegt war. Diese zeigten die Zahlen 1 bis 16. Den Teilnehmern wurde nun erklärt, sie sollten bei Beginn des Versuchs mit normaler Geschwindigkeit loslaufen. Die Richtung sei egal, nur müssten sie als Gruppe zusammenbleiben und dürften nicht miteinander sprechen oder durch Gesten kommunizieren.

Naive folgen Informierten

Zusätzlich zu diesen Basis-Informationen bekam jeder Teilnehmer auf einem Zettel nun noch einen "Marschbefehl" von den Forschern. Ein oder zwei Teilnehmer bekamen den Auftrag zu einem bestimmten Buchstaben zu laufen, ohne die Gruppe zu verlassen. Dies waren die informierten Teilnehmer. Die anderen – die naiven Teilnehmer – bekamen den simplen Befehl bei der Gruppe zu bleiben. Es zeigte sich nun, dass sich über kurz oder lang die gesamte Gruppe den informierten Teilnehmern anschließt – ohne miteinander zu reden oder zu gestikulieren. Die naiven Teilnehmer hatten unbewusst, aber einvernehmlich beschlossen, den Anführern zu folgen. Die meisten von ihnen merkten dabei gar nicht, dass sie geführt wurden.

Das funktionierte selbst in Konfliktsituationen, in der es mehrere Anführer mit unterschiedlichen Marschbefehlen gab: In diesem Fall schlossen sich die naiven Teilnehmer der Anführer-Mehrheit an. Die Zeit für die Entscheidungsfindung dauerte nur unwesentlich länger als in den anderen Versuchen. Dies zeige, dass einvernehmliche Entscheidungsfindung auch in Konfliktsituationen möglich ist und sehr effizient funktioniert, schreiben die Wissenschaftler. Die Untersuchungen ergaben weiter, dass in großen Gruppen von 200 Leuten oder mehr schon zwei bis drei Anführer genügen, um die Marschrichtung der Gruppe zu bestimmen.