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Eine Duogynon-Betroffene erzählt "Ich fühle mich nicht verjährt"

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Der Kläger André Sommer wartet mit seinen Anwälten auf den Prozessbeginn im Landgericht Berlin. Am 11. Januar 2011 wird das Urteil verkündet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Von außen sieht man die Fehlbildungen bei Jutta Christopher nicht. Die 50-Jährige ist sich sicher, dass die Fehlbildungen an ihren inneren Geschlechtsorganen mit Duogynon, das ihrer Mutter zum Nachweis einer Schwangerschaft verordnet wurde, zu tun haben. Christopher fordert vom Pharma-Riesen Bayer Schering, endlich Verantwortung zu übernehmen. Warum ihr das so wichtig ist, erzählt die Berlinerin im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Frau Christopher, Sie unterstützen die Klage von André Sommer auf Akteneinsicht beim Pharma-Konzern Bayer Schering. Warum?

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"Falls nach Duogynon innerhalb von vier bis sechs Tagen keine Blutung auftritt, ist eine Schwangerschaft anzunehmen..." (Auszug aus der Basisbeschreibung)

(Foto: Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch Wien)

Jutta Christopher: In erster Linie, weil ich selbst betroffen bin. Ich bin der Meinung, dass nach so langer Zeit endlich einmal offengelegt werden muss, inwieweit Duogynon für Fehlbildungen im Mutterleib verantwortlich ist und vor allem, wie viel der Hersteller von diesen Wirkungen wusste. Alle Betroffenen  - und damit meine ich nicht nur die Geschädigten selbst, sondern auch deren Eltern und Angehörige - haben das Recht darauf endlich, zu erfahren, welchen Einfluss Duogynon hatte und warum es schließlich vom Markt genommen wurde. Die Akteneinsicht ist dafür ein wesentlicher Punkt. Solange sich jedoch die Bayer Schering AG dagegen sperrt, fühle ich mich als Opfer.

Welche körperlichen Schädigungen haben Sie?

Bei mir sind die inneren Geschlechtsorgane missgebildet, was erst im Teenager-Alter festgestellt wurde.Bei einem kleinen, üblicherweiser Weise harmlosen chirurgischen Eingriff traten auf Grund der Missbildungen Komplikationen auf. Daraufhin folgte eine Reihe von unangenehmen Bauch-Operationen, an deren Notwendigkeit ich zum Teil stark zweifele. Letztlich ist es so, dass ich keine Kinder bekommen konnte. Das ist für mich als Frau tatsächlich eine Behinderung, mit der ich erst einmal zurechtkommen musste.

Wann haben Sie Ihre Behinderung mit Duogynon in Verbindung gebracht?

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Auch die Mutter von Wolf-Dietrich Molzow (l) hatte in der Frühschwangerschaft Duogynon verabreicht bekommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gleich als die Missbildungen entdeckt worden sind, hat meine Mutter die Verbindung zu Duogynon hergestellt. Da ich ein Wunschkind war, hat meine Mutter tatsächlich nur dieses eine Medikament eingenommen, das bei ihr als Schwangerschaftstest eingesetzt worden war. Mein älterer Bruder zum Beispiel - er ist drei Jahre älter - ist kerngesund auf die Welt gekommen . Er hatte Glück, denn zu dieser Zeit war das Medikament noch nicht als Schwangerschaftstest etabliert.

Was hat denn Ihre Mutter daraufhin unternommen?

Sie hat sich natürlich große Sorgen um mich gemacht und einige Ärzte konsultiert. Die waren sich mit ihrer Meinung relativ einig und erklärten, dass man nicht genau sagen könne, dass die Fehlbildungen mit der Einnahme von Duogynon zusammenhängen. Sie haben aber andererseits auch nie gesagt, dass es da keinen Zusammenhang gibt. Meine Mutter wurde von Ärzten mit den Worten vertröstet, dass man die Ursache für die Missbildungen sowieso nicht herausfinden könne.

Was erhoffen Sie sich denn von dem Urteil?

Ich wünsche mir, dass Bayer Schering nicht mehr auf Verjährung drängt, sondern endlich Verantwortung übernimmt. Ich selbst fühle mich nämlich nicht verjährt. Wenn es nichts zu verbergen gibt, warum wird dann die Akteneinsicht verwehrt? In den siebziger Jahren gab es gar nicht die Möglichkeit, dass sich Betroffene zusammentun und aufbegehren. Mit dem Internet haben wir diese Möglichkeit und es ist erschreckend, zu sehen, wie viele Menschen Betroffene sind. Die Akteneinsicht wäre eine erste Möglichkeit für all diese Menschen, Klarheit zu bekommen.

Was wünschen sie sich denn von Bayer Schering?

Der Pharmakonzern sollte selbst ein Interesse haben, zu klären, ob Duogynon zu Missbildungen und Schädigungen geführt hat. Ich habe die Hoffnung, dass auch ein riesiger Pharma-Konzern wie die Bayer Schering AG sich auf Augenhöhe mit uns auseinandersetzt und uns endlich als Betroffene und Menschen ernst nimmt. Ich sehe allerdings weder ethische noch sozial verantwortliche Unternehmungen bei Bayer Schering, die in diese Richtung gehen. Der Konzern wischt die Problematik einfach weg und das ist für mich als Betroffene wie ein Schlag ins Gesicht.

Mit Jutta Christopher sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de