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Hoffnung durch Technik Implantat für Schwerhörige

Ein Traum vieler schwerhöriger Menschen wird wahr: modernste Technik macht es möglich, dass sie wieder richtig hören können.

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Thomas Zahnert, HNO-Klinikchef am Uni-Klinikum Dresden, mit einem elektronischen Implantat.

(Foto: dpa)

Manche Geräusche hatte Elke Beger aus Großenhain einfach vergessen. Zum Beispiel wie es klingt, wenn der Wasserkocher brodelt. Auch Vogelgezwitscher hörte die 49-Jährige eines Tages nicht mehr. "Wenn etwas allmählich verschwindet, fällt das oft gar nicht auf. Erst wenn die Geräusche wieder da sind, merkt man ihren früheren Verlust", sagt die Sekretärin. 2002 erlitt sie einen Hörsturz. In den Jahren darauf wurde ihr Hörvermögen immer schlechter. "Anfangs will man das überspielen, aber irgendwann geht das nicht mehr."

Manchmal erfuhr sie erst durch Reaktionen anderer, dass etwas schief lief. So, wenn die Zuschauer im Kino plötzlich an ganz anderen Stellen lachten. Elke Beger lebte da schon in ihrem eigenen Film. Gesprächen in der Runde vermochte sie nicht mehr zu folgen. Auf Fragen gab sie Antworten, die gar nicht passten. Nur wenn sie ihrem Gegenüber die Worte vom Munde ablesen konnte, verstand sie fast alles. "Ich war verzweifelt, ich habe mich immer mehr zurückgezogen", sagt die zierliche Frau.

Neue Lebensqualität dank Implantat

Doch dann hat sie Stärke gezeigt. Im April 2009 entschied sie sich für einen Eingriff, der inzwischen Tausenden Patienten in Deutschland neue Lebensqualität bescherte. Frau Beger ließ sich ein sogenanntes Cochlea-Implantat, ein Innenohr-Implantat, einsetzen. Ein Teil der Apparatur ist dabei am Ohr befestigt, der andere sitzt im Kopf. "Der Leidensdruck muss hoch sein, wenn man sich den Schädel auffräsen lässt", sagt sie im Rückblick und lächelt. Seit sie wieder ihre Katzen schnurren hört, kann die 49-Jährige wieder öfter lächeln.

Ganzheitliche Behandlung

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1993 wurden in Dresden die ersten Implantate eingesetzt.

(Foto: dpa)

Dirk Mürbe, Ärztlicher Leiter des Sächsischen Cochlea Implant Centrums am Universitätsklinikum in Dresden, beschreibt die Bedeutung des Hörsinns mit einem Zitat von Immanuel Kant: "Nicht Sehen können, trennt von den Dingen, nicht Hören können von den Menschen." Tatsächlich vermag sich ein gesunder Mensch nicht vorzustellen, was Taubheit bedeutet. Wie ist ein Leben ohne Musik, ohne Radio, ohne die vielen schönen Geräusche des Alltags, wenn ein Kind lacht oder Jubel sich mit Freudentränen mischt?

Mürbe und HNO-Klinikdirektor Thomas Zahnert haben in Dresden ein interdisziplinäres Zentrum für Cochlea Implantate aufgebaut und sich mit ihrer Arbeit auch international einen Namen gemacht. 1993 wurden in Dresden die ersten Implantate eingesetzt, inzwischen sind es mehr als 450. Was die Sachsen von anderen unterscheidet, ist das ganzheitliche Konzept. Neben Fachärzten fühlen sich spezielle Pädagogen, Psychologen, Sprachtherapeuten, Logopäden, Ingenieure, Ergotherapeuten und andere Spezialisten für die Patienten zuständig.

Denn mit der Operation ist der Fall nicht erledigt. Im Bereich "Anpassung" erfolgt die Feinabstimmung. Ein Cochlea Implantat ist ein kleines technisches Wunderwerk. Am Ohr sitzt ein Sprachprozessor. Er formt den von einem Mikrofon aufgenommenen Schall in ein elektrisches Signal um. Ein Sender überträgt es kabellos an das Implantat. Dieses wiederum leitet entsprechende Stromimpulse an eine in der Hörschnecke platzierte Elektrode weiter, die den Hörnerv stimuliert. Auf diese Weise werden auch Katzenschnurren oder Vogelgezwitscher wieder hörbar.

Wunderwerk Technik

Beger hat unterdessen auch eine "Direktübertragung" kennengelernt - bei einem Orgelkonzert in der Dresdner Frauenkirche. Hier wurde für betroffene Patienten eine Induktionsschleife gelegt. Das Signal kommt so nicht mehr indirekt über den Widerhall im Raum, sondern ist auf "kurzem Weg" zu empfangen. "Da habe ich das erste Mal wieder Freude an der Musik gespürt", sagt die Sekretärin. Nach und nach will sie sich nun andere Töne erschließen. Das Implant-Centrum hilft dabei. Es betreut Patienten beim "Hören-Lernen" zunächst zwei Jahre lang.

Die kleinsten Patienten in Dresden sind noch nicht einmal ein Jahr. Für sie und ihre Eltern wurden Wohnungen und ein Spielzimmer eingerichtet. Wer die Kleinen herumtollen sieht, glaubt nicht an ihre Behinderung. Für sie ist das alles vertraut. Für sie gehört der "kleine Mann im Ohr" zum Leben.

Quelle: n-tv.de, Jörg Schurig, dpa