Wachstumshormon gegen CO2Klimaschonende Milchkühe
Die klimaschädlichen Auswirkungen der Milchvieh-Haltung könnten durch den breiten Einsatz eines Wachstumshormons deutlich reduziert werden.
Die klimaschädlichen Auswirkungen der Milchvieh-Haltung könnten durch den breiten Einsatz eines Wachstumshormons deutlich reduziert werden. Dies ist das Resultat einer Untersuchung, an der der US-Hersteller des Hormons maßgeblich mitgearbeitet hat. In der EU ist der Einsatz von Somatotropin allerdings wegen erheblicher Gesundheitsprobleme – darunter Entzündungen der Milchdrüsen – für die so behandelten Tiere verboten. Die Studie ist in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften („PNAS“) veröffentlicht.
Schneller Verschleiß der Hormonkühe
Das Hormon bewirkt bei den Tieren unter anderem eine effizientere Futterverwertung. Zudem sorgt es dafür, dass die Milch produzierenden Zellen im Euter erhalten bleiben, die Milchproduktion damit ständig auf Hochtouren läuft und die Tiere eher „verschleißen“. So kann die gleiche Menge Milch von weniger Kühen erzeugt werden. Infolgedessen sinkt der Futterbedarf, die Kühe produzieren weniger Mist und es gelangen weniger Schadstoffe und Klimagase in die Umwelt – schreiben die US-Forscher in dem Journal. Zu ihnen zählt Roger Cady vom US-Agrarkonzern Monsanto, der das Rinder-Somatotropin unter dem Namen Posilac herstellt und vermarktet. Er erklärt in dem Journal einen Interessenkonflikt.
Hinzu kommen Autoren um Judith Capper von der Cornell Universität in Ithaca (US-Staat New York). Wird das Rinder-Somatotropin in biotechnologisch hergestellter Form (rbST) den Milchkühen gespritzt, geben die Kühe mehr und länger Milch. Die durchschnittliche Milchleistung steigt pro Kuh um etwa 4,5 Kilogramm täglich, heißt es in „PNAS“. Dort berechnen die Autoren zudem, wie sich die Umweltbelastung verändert, wenn das Hormon bei einer angenommenen Zahl von einer Million Kühe angewendet wird.
Das Ergebnis: Durch die bessere Futterverwertung würde die Industrie jährlich etwa 2,3 Millionen Tonnen Futter sparen. Für die Herstellung der Futtermittel – in erster Linie Getreide und Sojabohnen – würden 219.000 Hektar weniger Ackerfläche benötigt. Aufgrund der geringeren Mistproduktion gelangten 9600 Tonnen weniger Stickstoff und 4200 Tonnen weniger Phosphat in die Umwelt, berichten die Wissenschaftler weiter. Diese Nährstoffe belasten in hoher Konzentration die Gewässer und sorgen für ein übermäßiges Pflanzenwachstum.
Verbot in der EU
In den 27 Staaten der EU darf das gentechnisch produzierte Somatotropin nicht eingesetzt werden, sagt Heiko Georg vom Institut für Agrartechnologie und Biosystemtechnik am Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI) in Braunschweig. Dort, an der ehemaligen Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft, befasst sich Georg unter anderem mit den korrekten Haltungsbedingungen von Nutztieren. Er verweist auf einen EU-Report über die Gesundheitsaspekte des Somatotrophin-Einsatzes bei Rindern.
Das Präparat verursache eine substanzielle Zunahme von Fußproblemen und Entzündungen der Milchdrüsen (Mastitis). Auch gebe es zahlreiche Reaktionen an den Einspritzstellen – laut Georg erhalten die Tiere 14- täglich eine Injektion. „Diese Zustände, besonders die ersten beiden, sind schmerzhaft und schwächend und führen zu einer deutlich verschlechterten Gesundheit der so behandelten Tiere“, heißt es im EU-Report. Georg ergänzt, dass eine Kuh für gewöhnlich etwa 2,5 produktive Jahre habe, in denen ihre Milch genutzt werde. Bei der Verabreichung des Hormons sinke diese Zeit auf 2,2 oder 2,1 Jahre. „Die Tiere verschleißen schneller“, sagt der Braunschweiger Forscher. Dieses Vorgehen entspreche nicht den EU-Vorstellungen einer guten Tierhaltung. Auch in Kanada darf das bei Tierschützern umstrittene Hormon nicht verkauft werden – sie wollen ausgezehrte „Turbo-Kühe“ verhindern.
41 Millionen Kilogramm weniger Methan
Demgegenüber heißt es in „PNAS“: Eine Million hormonell stimulierter Kühe produzierten zudem deutlich weniger Klimagase, insgesamt rund 824 Millionen Kilogramm weniger Kohlendioxid und 41 Millionen Kilogramm weniger Methan. Letzterer Wert sei besonders bedeutsam, da Wiederkäuer für insgesamt 15 bis 20 Prozent des globalen Methanausstoßes verantwortlich gemacht werden. Das Gas entweicht aus dem Darm der Kühe und gelangt zudem über den Mist in die Umwelt. Insgesamt würden durch die hormonelle Unterstützung der Milchproduktion so viel Klimagase eingespart wie etwa 400 000 Autos freisetzten. Auch Treibstoff- und Energieverbrauch würden sinken.
Zuletzt untersuchten die Wissenschaftler, wie sich der zukünftig erhöhte US-Milchbedarf am besten decken lässt: durch konventionelle Milchvieh- Haltung, hormongestützte, konventionelle Milchproduktion oder durch ökologische Viehhaltung. Bei Einsatz des Wachstumshormons reichten sogar rund acht Prozent weniger Kühe aus, um den gestiegenen Bedarf zu decken, ergaben die Berechnungen. Mit ökologischer Landwirtschaft hingegen müsste die Zahl der Kühe noch um ein Viertel gesteigert werden.