Wissen
Donnerstag, 18. September 2008

Nymphomane Spinnen: Lebensraum HafenCity

Verklebte Reste alter Seidenfäden, leere Chitinpanzer verspeister Insekten, Überreste von Häutungen und weißer Spinnenkot auf den Fensterbänken - die Menschen in der HafenCity sind von den Hinterlassenschaften ihrer tierischen Nachbarn genervt. Es ist die Brückenspinne, die es sich an den Gebäudefassaden in dem wachsenden Stadtteil zwischen Elbe und Innenstadt bequem gemacht hat. "Ich finde die Biester an sich nicht angenehm, aber auch nicht so schlimm", sagt Versicherungsfachwirt Mirco Hölling. "Die Verschmutzung durch ihre Netze nervt mich mehr als die Viecher selbst."

Unzählige Exemplare der Brückenspinne haben die modernen Gebäude der HafenCity für sich als Lebensraum entdeckt. Bis zu 20 Tiere hängen vor den zumeist beleuchteten Fenstern der Wohn- und Bürogebäude. Nacht für Nacht warten sie geduldig, dass ihnen saftige Leckerbissen ins Netz gehen. Dabei hinterlassen sie ihre Spuren: Spinnennetze vor den Fenstern trüben die Sicht und sorgen für Unmut unter den Menschen in der HafenCity. Investoren der HafenCity Hamburg GmbH haben deshalb die Universität Hamburg um wissenschaftliche Unterstützung gebeten.

Bis zu 100 Tiere pro Quadratmeter

"Die Brückenspinne ist ein Kulturwanderer", sagt Anja Nioduschewski. "Sie ist überall dort zu finden, wo am Wasser gebaut wird." Im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht die Verhaltensbiologin an der Universität Hamburg bereits seit Februar 2006 die Lebens- und Verhaltensweise der Brückenspinnen im neuen Hamburger Stadtteil. Im Auftrag der HafenCity forscht sie auch, wie das Brückenspinnen-Problem gelöst werden könnte. Ein schwieriges Vorhaben. Denn dass sich die Spinnen in der HafenCity wohl fühlen, ist offensichtlich: "Ich habe im Sommer teilweise bis zu 100 Tiere pro Quadratmeter gezählt", sagt Nioduschewski.
 

Um das Verhalten der nachtaktiven Spinnen zu erforschen, sammelte Nioduschewski einige Tiere in der HafenCity ein und brachte sie ins Labor des Biozentrums Grindel. Dort wurden die Tiere in speziellen Kisten miteinander gepaart und deren Nachkommen untersucht. Insgesamt 375 Spinnen hat Nioduschewski aus dem Ei groß gezogen. Geht es um das Paarungsverhalten der achtäugigen Tiere, kommt die Forscherin aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. "Die haben einfach nicht aufgehört, sich zu paaren", sagt die 30-Jährige. An manchen Tagen habe sie bis spät in die Nacht im Labor gesessen, um die Tiere zu beobachten. Ihre Schlussfolgerung: "Die Spinnen sind schon ziemlich nymphoman."

Einjähriger Lebenszyklus

Dass sich Männchen einer Art mit mehreren Weibchen paaren, ist im Tierreich nicht ungewöhnlich. Spinnenuntypisch ist jedoch, dass die Brückenspinne während ihres einjährigen Lebenszyklusses gleich mehrmals für Nachwuchs sorgt. In der HafenCity mit ihrer Nähe zur Elbe und den vielen rauen Gebäudefassaden sind die Voraussetzungen dafür paradiesisch. "Bei guten Nahrungsbedingungen bauen die Weibchen einen Kokon pro Woche", sagt Nioduschewski. "Allein ein Kokon kann bis zu 100 Eier enthalten." Laut Anja Nioduschewski folgen die Spinnen damit einer bestimmten Lebensstrategie: "Je mehr Kokons, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass einige Eier durchkommen."

"Um die Zahl der Spinnen zu verringern, sollte man ihre Schlupfwinkel systematisch verschließen", rät Nioduschewski. Auch regelmäßiges Putzen mache es den Spinnen schwerer, sich zu verbreiten. Ansonsten könnten die Anwohner selbst nicht viel gegen die Spinnen unternehmen. Wichtiger wäre es, mögliche Schlupfwinkel bei der Bauplanung in Gewässernähe zu vermeiden. "Mit Rundungen statt Ecken hat man gute Karten", empfiehlt die Forscherin. Die Art der Beleuchtung habe zwar keinen Effekt auf die Spinnen, dafür aber auf die Insekten. Natriumdampflicht lockt weniger Insekten an und könnte damit langfristig auch zur Verringerung des Spinnenbestandes führen.

"Die bisherigen Erkenntnisse lassen es aber noch keine endgültige Beurteilung zu", sagt Bianca Penzlien von der HafenCity Hamburg GmbH. Erst mit Vorlage der abschließenden Ergebnisse sei es möglich, über das weitere Vorgehen gegen die Brückenspinnen zu entscheiden. "Welche Maßnahmen dann getroffen werden, können wir jetzt noch nicht sagen." Die endgültigen Forschungsergebnisse in Form der Doktorarbeit werden zu Beginn des nächsten Jahres erwartet.

Quelle: n-tv.de