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Sprachlichem Wandel auf der Spur Lokale Dialekte sterben aus

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Auf einer der Karten des ursprünglichen Deutschen Sprachatlas von Georg Wenker ist die Lautverschiebung für die Silbe "müd" im Raum Frankfurt zu verzeichnet.

(Foto: dpa)

Joachim Herrgen erforscht, wie die Leute reden. Er arbeitet am Deutschen Sprachatlas in Marburg und will alles über Dialekte wissen. Das geht nur im Team - und dank der Vorarbeit eines Bibliothekars.

Joachim Herrgen weiß, wo die Leute "Klääd" für Kleid sagen, wo "Klaad" und wo "Kload". Denn er schaut ihnen sozusagen berufsbedingt aufs Maul. Der 56-Jährige lehrt und arbeitet am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Uni Marburg. Dort ist er dem sprachlichen Wandel auf der Spur.

"Wir begreifen unsere Welt und bestimmen unsere Identität letztlich durch Sprache. Das finde ich faszinierend", sagt er. Ihn interessieren die Aussprache von Wörtern, ihre Bedeutung, der Satzbau und auch die Frage, wie sich Sprache verändert. Im Mittelpunkt stehen dabei Dialekte. Diese würden nicht von festgeschriebener Grammatik eingeschnürt und seien daher "ein lebendiger Gegenstand, an dem wir den Sprachwandel empirisch untersuchen können".

Wie hört sich der Pfälzer Bauerndialekt an?

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Joachim Herrgen mit einer der beiden Wenker-Karten.

(Foto: dpa)

Das "Wir" ist dem Sprachwissenschaftler wichtig. Nur im Team seien die Großprojekte zu stemmen, betont Herrgen, der auch stellvertretender Direktor des Zentrums ist sowie Dekan des Fachbereichs Germanistik und Kunstwissenschaften der Universität. Die Forscher haben sich viel vorgenommen: In den kommenden 19 Jahren wollen sie etwa herausfinden, wie es sich anhört, wenn die Deutschen sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. "Was die Leute heutzutage reden, ist ja nicht mehr der Dialekt wie vor 100 Jahren, und doch hört man bei vielen noch einen gewissen regionalen Einschlag", sagt Herrgen. "Sie können etwa hören, dass ich Pfälzer bin, aber trotzdem spreche ich keinen Pfälzer Bauerndialekt."

Das Projekt "regionalsprache.de" (REDE) ist der Akademie der Wissenschaften und Literatur eine jährliche Förderung von rund 800.000 Euro wert. Die Mitarbeiter schwärmen dafür jetzt bundesweit aus und befragen die Menschen nach einer speziellen Methode. So wird geklärt, wie sich die verschiedenen Mundarten im öffentlichen Leben präsentieren und wie in Alltagssituationen gesprochen wird.

Georg Wenker scheitert am Druck

Mammutprojekte gehören zum Marburger Forschungszentrum seit den Anfängen im 19. Jahrhundert. Der "Sprachatlas" war zunächst ein ehrgeiziges Anliegen des Bibliothekars Georg Wenker. Nicht weniger als alle Dialekte der deutschen Sprache wollte der Pionier der Mundartforschung in einem Kartenwerk darstellen. Für jeden Schulort im damaligen Deutschen Reich - rund 50.000 Orte - sammelte er die verschiedenen Dialektformen. Ergebnis der jahrelangen Fleißarbeit: Ein Atlas mit 1611 von Hand gezeichneten Karten. Sie lagern noch heute in dem Gebäude des Zentrums.

Herrgen holt die großen, farbenprächtigen Blätter voller Bewunderung hervor. Er erzählt: Im Jahr 2001 wurde an dem Institut ein Projekt gestartet, um Wenkers Werk allen Interessierten zugänglich zu machen. "Bis dahin war sein Atlas noch nie veröffentlicht worden. Zu Wenkers Zeit scheiterte es daran, dass man die vielfarbigen Karten gar nicht drucken konnte."

"Digitaler Wenker-Atlas" im Internet

Dank des Forschungsprojekts "DiWA" ("Digitaler Wenker-Atlas") stehen die Karten nebst Tonbeispielen aus den unterschiedlichen Regionen nun im Internet. Der digitale Atlas ermöglicht auch einen Vergleich zwischen den Dialekten von heute und von vor 100 Jahren.

Und wie entwickeln sich die Mundarten weiter, wird es sie noch in Zukunft geben? "Ich glaube nicht, dass der Dialekt komplett ausstirbt", erklärt Herrgen. "Aber was wohl verloren geht, sind die kleinen, lokalen Dialekte." Als Gründe nennt er die allgemeine Schulpflicht oder Radio und Fernsehen, wo ja meist Hochdeutsch zu hören ist - danach richteten sich die Menschen aus.

Quelle: ntv.de, Carolin Eckenfels, dpa

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