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Mittwoch, 10. Oktober 2007

Ursachen sind vielfältig: Nägelkauen als Ventil

Ärger im Kindergarten, Stress im Büro oder einfach nur Verlegenheit: Viele Menschen knabbern in unangenehmen Situationen an ihren Fingernägeln. Häufig ist das nur eine schlechte Angewohnheit - aber es kann auch mehr dahinter stecken.

"Nägelbeißen ist eine Angewohnheit oder Ausdruck innerer Spannungen", sagt Markus Biebl, Diplom-Psychologe aus Bad Säckingen (Baden-Württemberg). Diese Spannungen entstehen oft durch Konflikte oder Stress in Beruf oder Privatleben. Bei Kindern kann es auch eine Nachahmung dessen sein, was sie in ihrem Umfeld gesehen haben, sagt Gisela Dreyer, Psychologin aus Bonn. "Diese Verhaltensweise dient dazu, Spannung abzubauen in emotional schwierigen Situationen."

Das Knabbern kann plötzlich auftreten oder sich ab dem Kindergartenalter zu einem festen Verhaltensmuster entwickeln. Experten schätzen, dass etwa 30 Prozent der Kinder und rund 15 Prozent der Erwachsenen betroffen sind. Während manche Menschen nur an ihren Nägeln knabbern, beißen andere sie so weit herunter, dass das Nagelbett verletzt wird.

Nach Dreyers Ansicht ist das Verhalten oft eine Art Automatismus, der sich mit der Zeit reguliert. Lässt etwa der Stress in der Schule nach, könnte das Kauen seinen Sinn verlieren und abgelegt werden. Für Erwachsene, die aus Überforderung oder bei Stress über einen langen Zeitraum an ihren Nägeln kauen, ist eine Änderung des Verhaltens deutlich schwieriger.

Ob Kinder oder Erwachsene: Handelt es sich nur um eine schlechte Angewohnheit, hilft oft schon das Auftragen einer bitteren Tinktur auf die Nägel. Laut Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) in Berlin verhindert dies, dass die Benutzer lediglich aus Versehen an ihren Nägeln kauen.

Wird nur gelegentlich geknabbert, ist das kein Grund zur Sorge. Hält das Verhalten aber an und hilft etwa auch die Tinktur nicht, sollte es genau beobachtet werden. Markus Biebl rät den Betroffenen, sich zu fragen, in welchen Situationen sie an den Nägeln beißen. "Man muss schauen, was der Auslöser ist und ob es keine andere Technik zum Stressabbau gibt", rät auch Gunhild Kilian-Kornell vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in München. Yoga, Autogenes Training und Sport können zum Spannungsabbau beitragen.

Bei Kindern hilft eventuell auch zielgerichtete Ablenkung: Eltern sollten ihnen die Finger liebevoll aus dem Mund nehmen und ihnen etwa einen Noppenball in die Hand geben. Wichtig sei, dass die Eltern ihre Kinder nicht bloßstellen oder beschimpfen, betont Kilian-Kornell.

Dennoch sollte das Nägelbeißen nach Gisela Dreyers Worten nicht bagatellisiert werden. Sie rät dem Umfeld der Betroffenen, sich diesen gegenüber gesprächsbereit zu zeigen. Denn nicht selten ist das Nägelkauen ein Indiz für ein tieferliegendes psychologisches Problem. Es kann ein Symptom für eine Zwangsstörung oder für Störungen sein, bei denen Selbstverletzungen vorkommen, so Biebl. "Ausschlaggebend ist der Leidensdruck", sagt Dreyer. Wird er zu stark, sollte psychologische Hilfe gesucht werden.

Frauke König, dpa

Quelle: n-tv.de