"Sie sind heimisch geworden"Nandus in Norddeutschland
Von der argentinischen Pampa in die norddeutsche Niederung: Der Nandu hat sich erstmals in freier deutscher Wildbahn vermehrt und inzwischen als Brutkolonie fest etabliert.
Von der argentinischen Pampa in die norddeutsche Niederung: Der Nandu hat sich erstmals in freier deutscher Wildbahn vermehrt und inzwischen als Brutkolonie fest etabliert. Vor acht Jahren waren sechs dieser straußenähnlichen Großvögel aus Südamerika einem Züchter entlaufen, nun breiten sie sich von der Wakenitz-Niederung zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern immer weiter aus. "Sie sind heimisch geworden", stellt Jagdpächter Wolf Jürgen Menken resigniert fest. Freundschaft empfinden nur wenige für die ungebetenen Dauergäste der West-Ost-Grenzregion.
Wie viele dieser bis zu eineinhalb Meter großen Exoten inzwischen vor allem durch Mecklenburgs Pampa rennen, ist unklar. Fest steht aber, dass die Laufvögel auf Wanderschaft gehen und ihr Revier nach Osten hin ausgeweitet haben. Erstmals untersucht jetzt Frank Philipp, Student für Landbau und Landespflege, für seine Diplomarbeit die Ausbreitung des flugunfähigen Vogels in Norddeutschland. Auf 80 Quadratkilometern erfasste sein Zähltrupp bereits mehr als 30 erwachsene Tiere.
Drei Nester, aus denen dieses Jahr mehr als 50 Küken schlüpften, seien ihm bekannt, von drei weiteren gehe er aus, sagt Philipp, der an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden studiert. Inwieweit die Einwanderer aber nun die heimische Tier- und Pflanzenwelt beeinflussen oder gar schädigen, ließe sich noch nicht feststellen. Das Landesumweltamt von Mecklenburg-Vorpommern sieht da kein Problem: "Nach dem Stand der Erkenntnisse haben heimische Arten nicht zu leiden", sagt Artenschutz-Dezernent Lothar Wölfel. Deshalb sei auch der Versuch, Nandu-Gelege zu zerstören und so die Ansiedlung des Vogels aufzuhalten, bereits vor Jahren wieder eingestellt worden.
"Schlimmer als die Autobahn"
"Man gewöhnt sich aneinander, wenngleich die Nandus nach wie vor nicht hierher gehören", sagt Biobauer Thomas Böhm aus Schattin in Nordwestmecklenburg. Er mag Multikulti in der freien Tierwelt nicht. Die Zuwanderer seien Nahrungs- und Lebensraumkonkurrenten für heimische Großvögel wie Kraniche. Selbst seine Galloways - robuste Rinder aus Schottland - hätten in der Vergangenheit vor balzenden Nandu-Hähnen verschreckt die Flucht ergriffen und Koppelzäune durchbrochen. Die Nandus seien eindeutig "Aggressoren" und ein größerer Störfaktor für das sensible Ökosystem an der Wakenitz als selbst die Ostseeautobahn A 20, meint der Bauer.
Nach Ansicht Böhms haben die Behörden geschlafen, nun sei die Ausbreitung der Vögel nicht mehr zu stoppen. "Die haben ihre biologische Nische gefunden." Dabei gelte das Washingtoner Artenschutzabkommen nur für die ursprüngliche Heimat der Tiere, nicht aber für Einwanderungsgebiete. Insofern werde es in Mecklenburg-Vorpommern falsch ausgelegt, sagt der Bauer. Auch Jäger Menken sorgt sich um das natürliche Gleichgewicht in der Wakenitz-Niederung. Einmalige Grashüpfer wie die Blauflügelige Ödlandschrecke seien bedroht, weil die gefräßigen Südamerikaner - hauptsächlich Vegetarier - mit eiweißreichen Insekten ihre Brut aufzögen.
Vehement verteidigt werden die imposanten Zuwanderer indes von Tourismusexperten. Hotelbesitzer Sven Langmaack hütet in Schattin die Jungtiere fast wie die eigenen Kinder, denn er fürchtet Nestraub durch Nandu-Feinde. Er hält die Exoten für äußerst friedfertig, obendrein seien sie schön anzusehen. "Sie sind eine echte Attraktion", sagt der Unternehmer. Die gefiederten Fremdlinge seien wahre Lockvögel für Besucher der abgelegenen Naturidylle.