Station im Griff des EisesNeumayer II macht dicht
Die Fließbewegungen des Shelfeises haben die Neumayer-II-Station deformiert. Die Wohncontainer sind mittlerweile oval. Die Crew musste wehmütig ausziehen.
Oben strahlt grell-weißer Schnee bis zum Horizont. 15 Meter tiefer herrscht nur Dämmerlicht, in vielen Zimmern ist schon das Licht abgeschaltet: Die alte deutsche Polarstation Neumayer II in der Antarktis hat ausgedient, der Nachfolger Neumayer III ist seit einer Woche in Betrieb. In diesen Tagen werden nach und nach die letzten Anlagen der Vorgängerstation abgeschaltet. 17 Jahre war sie Flaggschiff der deutschen Antarktis-Forschung. Im nächsten Jahr steht der Abriss der zwei unterirdischen Röhren und Wohncontainer bevor.
Fotos von grünen Feldern und Wiesen, gold-gelben Sandstränden und turbulenten Großstädten wie Hamburg oder New York hingen noch vor wenigen Tagen in der Messe, dem Gemeinschaftsraum neben der Küche. Ausdruck von Gemütlichkeit oder Sehnsucht in der weißen Wüste nach der bunten Welt? Der einzige Raucherraum - zentraler Treffpunkt für Kommunikation und Geselligkeit nach Feierabend - steht leer. Das Kalenderblatt trägt ein Datum von Ende Februar - dem Umzugstag der letzten Techniker.
"Würde noch länger halten"
Mit Wehmut und gemischten Gefühlen streift Eberhard Kohlberg durch die Räume: Arztbüro, Funkraum, Filmlabor, Sauna, Technikerbüros und die Messe sind dem Arzt aus Bremen bestens bekannt. "17 Jahre hat die Station funktioniert, länger als geplant. Und rein praktisch würde sie sogar noch länger halten."
Kohlberg hat bereits in der ersten deutschen Station Georg-von-Neumayer überwintert. Sie war von 1981 bis 1992 in Betrieb. 1992 folgte Neumayer II, doppelt so groß und moderner. Der Arzt blieb 1999 bis 2000 auch dort und ließ sich von der Isolation des antarktischen Winters faszinieren: "Der Eisbazillus hat mich befallen", gab er damals zu.
Eis bahnt sich seinen Weg
Nun wickelt der Mediziner zusammen mit den Logistikern vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven das vorläufige Ende ab: Die Fließbewegungen des hier 15 Meter dicken Schelfeises haben die Station deformiert und verzogen. Die vormals runde Röhre mit Wohncontainern ist teilweise oval gequetscht und muss aufgegeben werden. Eis drückt durch die Fahrzeughalle und bildet bizarre Formen. Forscher und Techniker sind ausgezogen.
Wer die Reste der Station Neumayer II endgültig verwertet, wird erst in einigen Monaten klar. "Derzeit laufen Verhandlungen, wer die alten Anlagen übernimmt und damit auch abbaut", sagt Projektleiter Saad El Naggar. Russland und Südafrika sind interessiert. Nach dem Umweltschutz-Protokoll des internationalen Antarktis-Abkommens müssen alte Forschungsanlagen entsorgt werden. Zurück bleiben dürfen nur Stahlröhren und Holzreste.
Hans-Christian Wöste, dpa