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"Aufs Kreuz gelegt" Operationen füllen Klinikkassen

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Viele Hüftoperationen sind medizinisch nötig und hilfreich. Doch einige dienen mehr den Klinikfinanzen als dem Wohle des Patienten.

picture alliance / dpa

Die Zahl der Knie-, Gelenk- und Wirbelsäulen-OPs steigt. Viele Patienten kommen wegen Lappalien unters Messer, auch weil private Praxen und Krankenhäuser auf diese Weise Personal, Miete und Medizintechnik finanzieren. Mehrere Milliarden, schätzen Experten, könnten eingespart werden. Für Patienten bedeutet das: Ohne Zweitmeinung geht es nicht.

Horst Schmidt (Name geändert) zwackt es plötzlich im Knie, beim Treppensteigen, beim Autofahren, beim Tennisspielen. Er macht einen Termin beim niedergelassenen Orthopäden aus, der diagnostiziert dem 72-Jährigen nach einer Röntgenaufnahme Gelenkverschleiß. Horst Schmidt begibt sich in eine Spezialklinik in Berlin-Spandau, dort rät ihm der Facharzt für Endoprothetik zu einem künstlichen Kniegelenk. Eine Schlüsselloch-OP, die nicht länger als zwei Stunden dauern würde. "Danach können Sie wieder springen wie mit 30", verspricht der leitende Oberarzt.

In kaum einem anderen Land verordnen Ärzte ihren Patienten so schnell, sich unters Messer zu legen, wie in Deutschland. Viele Operationen sind dabei völlig unnötig, wie der Fall von Horst Schmidt zeigt. Wenige Wochen nach seinem Termin im Gelenkzentrum lässt er sich einen Zahn ziehen, wegen einer Wurzelentzündung ist der Kiefer vereitert. "Als der Kiefer nicht mehr wehtat, schmerzte auch das Knie nicht mehr", berichtet Schmidt. Seine Knie-Operation, das teilt ihm allerdings kein Pausen machen leistungsfähiger , sondern findet er selbst heraus, ist also völlig überflüssig.

Nach der OP schlimmer als vorher

Die wichtige Zweitmeinung

UnabhängigePatientenberatung:Seit 2006 gibt es die unabhängige Patientenberatung in Deutschland (UPD).Das sind insgesamt 70 Berater an 21 Beratungsstellen, die sich um juristische,gesundheits- und medizinische sowie psychosoziale Fälle kümmern.

Dierichtige Klinik:Wer sich einer Operation unterzieht, sollte darauf achten, sich in die Händevon Spezialisten zu begeben. Krankenkassen haben gemeinsam mit der Weißen ListeSuchportale erstellt, in denen überregional Bewertungen von Klinikpatienteneingeholt werden.

Zweitmeinung: Üblicherweise sindZweitmeinungen für Patienten kostenlos. Ärzte können bei Privatpatienten 21Euro abrechnen, bei Kassenpatienten weniger. Die Beratung durch Spezialistenvon "Vorsicht Operation" ist deutlich teurer. 200 Euro kostet ein"kleines Gutachten", 400 Euro ein "mittleres", 600 Euro ein"schwieriges Gutachten". Die Bewertung der unabhängigen Experten imRuhestand erfolgt allerdings per Ferndiagnose.

Krankenkassen proklamieren seit einigen Jahren, dass durch alternative Behandlungsmethoden nicht nur chirurgische Eingriffe wegfielen, sondern auch jährlich Milliarden eingespart werden könnten. Laut Barmer GEK, der größten Krankenkasse mit über acht Millionen Versicherten, gibt es bei Schmerzen in Wirbelsäule, Hüfte und Knie besonders viele unnötige Operationen. Seit 2003 hätten sich chirurgische Eingriffe an Knien mehr als verdoppelt. Bei Hüften liege der Anstieg um 20 Prozent.

Der Münchner Wirbelsäulenexperte Martin Marianowicz hat vor einigen Monaten das Buch "Aufs Kreuz gelegt" herausgebracht. Der Mediziner findet die Praxis schockierend. 300.000 Rücken werden jedes Jahr operiert, pro Kopf dreimal so viele wie in England, doppelt so viele wie in Frankreich. "Dabei gehen die meisten Schmerzmedizin senkt Kosten von selbst wieder weg", sagt er. 40 bis 45 Prozent der Operationen bringen laut Marianowicz nicht den gewünschten Erfolg. Viele Operationen würden die Situation sogar "verschlechtbessern".

Beispiel Bandscheibenvorfall: Rund 160.000 Patienten werden jährlich mit dieser Diagnose operiert, Tendenz steigend. Ein chirurgischer Eingriff, der nicht wenige Risiken birgt. Es kann zur dauerhaften Lähmung oder Inkontinenz kommen. "90 Prozent aller Bandscheibenvorfälle heilen folgenlos ab", so Marianowicz. Nicht selten sind Probleme mit dem Rücken psychosomatisch bedingt, durch muskuläres Training mit einer guten Krankengymnastin lasse sich der Schmerz auch auf konservativem Wege heilen.

An Hüft-OPs verdient man gut

Fast 15 Millionen Operationen wurden laut Statistischem Bundesamt in 2010 durchgeführt, und es werden nicht weniger. Auch die Politik möchte hier einsparen. Die Union plant, mit der Einführung einer neuen Finanzierungsgrundlage für Krankenhäuser mehr Kontrolle auszuüben. Unabhängige Gesundheitsexperten benennen schon länger die Crux im System: Seit Einführung des Fallpauschalensystems, mit dem eigentlich gespart werden sollte, reißen sich die Kliniken geradezu darum, zum Beispiel neue Hüft- oder Kniegelenke einsetzen zu dürfen. Sie verdienen daran gut, auch weil Patienten oft schnell wieder entlassen werden können.

Knapp 7000 Euro beträgt die Fallpauschale, die ein Krankenhaus bei einer Hüft-Operation mit der Kasse abrechnen kann. So legt es das Abrechnungssystem (DRG-System) fest, dessen Einführung in Deutschland Anfang 2003 begann. Von dieser Pauschale muss das Krankenhaus Prothese, Arztgehälter und die Pflege der Patientin bezahlen – was übrig bleibt, ist ein nicht unbeträchtlicher Gewinn.

Krankenkassen wie die TK, die Barmer GEK oder die AOK raten Patienten deshalb dringend, vor der OP eine zweite Medzinier-Meinung einzuholen. Sie vermitteln Experten, die unabhängige Gutachten erstellen. Im vergangenen Jahr ging auch ein Internetportal online, das helfen soll, unnötige Eingriffe zu vermeiden. Gründer des Projekts ist der Heidelberger Chirurg und Professor Hans Pässler, 71 Jahre alt. Pässler selbst ist Kniespezialist, 16 führende Chirurgen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konnte er für sein Projekt gewinnen. Die meisten Mediziner sind im Ruhestand und betonen, dass sie unabhängig vom Krankenhaussystem bewerten können, ob der Patient tatsächlich unters Messer soll.

In Pässlers Internet-Portal können sich Patienten eine Zweitmeinung einholen, allerdings ist die nicht ganz billig. Beratungen kosten in aller Regel 200 Euro, bei hohem Zeitaufwand für äußerst komplexe Fälle auch mal bis zu 600 Euro.

Die Miete muss finanziert werden

Doch Pässler, ein altgedienter Mediziner mit viel Erfahrung, geht es um die Würde seines Berufsstandes. Die steigenden Operationszahlen in Deutschland, so sagt er, ließen sich nicht allein mit dem demografischen Wandel erklären. Er erhebt schwere Vorwürfe: "Ein niedergelassener Operateur, ganz gleich ob Gynäkologe oder Orthopäde, verbündet sich mit einem Operationszentrum, wo er einen OP-Saal mietet. Er muss schon deshalb viel operieren, damit er die Kosten für die Miete hereinbekommt", so Pässler. Dies sei ein Teufelskreis: Indikationen für Operationen würden immer großzügiger gestellt.

Die Folge: Viele Patienten kommen wegen Lappalien unters Messer, und der Versicherte zahlt mit. Der Klassiker für einen sinnlosen Eingriff ist laut Pässler der vordere Knieschmerz, so wie ihn auch Horst Schmidt plagte. "Der Arzt veranlasst routinemäßig einen Kernspin, und der Radiologe stellt einen Riss im Innenmeniskus fest. Dieser Meniskus wird operiert, obwohl er gar nicht die Ursache für die Schmerzen war", sagt Pässler. Dadurch gehe die Pufferfunktion des Meniskus verloren, was zu einer Arthrose führen kann. "Meist", so der Mediziner, "rühren die Schmerzen in Wahrheit von einem Knorpelschaden hinter der Kniescheibe her, den man konservativ gut behandeln kann - mit Dehnübungen beispielsweise."

Quelle: n-tv.de

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