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Nachtisch aus dem LaborPhysiker kochen sich Erdbeer-Eis

19.09.2008, 12:31 Uhr

Forschung mit Spaßfaktor: Berliner Physiker gefrieren Blumen und kochen sich bei minus 200 Grad Erdbeer-Eis - alles mit Hilfe von flüssigem Stickstoff.

Verkehrte Welt: Eis muss nicht immer im Gefrierfach oder mit speziellen Kühlmaschinen hergestellt werden. Eis kann man auch kochen. Das mag absurd klingen, ist aber wahr. Das haben Spitzenköche wie der Spanier Ferran Adri bewiesen und in ganz anderer Umgebung auch der Physiker Christoph Bostedt. Der 35-Jährige und seine Kollegen von der Technischen Universität Berlin schnippeln Erdbeeren, vermischen sie mit Zucker und Sahne und gießen eiskalten Stickstoff hinzu. Der beginnt bei Zimmertemperatur zu kochen und kühlt dabei die Erdbeermasse so stark ab, dass sie gefriert.

"Das Geheimnis ist der Stickstoff", erklärt Bostedt. Während das chemische Element in der Luft im gasförmigen Zustand vorliegt, wird es bei knapp minus 200 Grad flüssig. Wenn der Stickstoff in diesem Zustand an die Luft mit Raumtemperatur kommt, kocht er wie Wasser auf der heißen Herdplatte und verdampft schließlich. Diese Tatsache machen sich die Berliner Physiker zunutze und "kochen" in ihrer kleinen Küche unter anderem Eis und Blumen.

Bei öffentlichen Veranstaltungen und Kochshows bringen die Experimente die Zuschauer zum Staunen. Im Institut für Optik und Atomare Physik haben sie aber auch einen wissenschaftlichen Nutzen: "Wir benutzen flüssigen Stickstoff täglich bei unserer Arbeit, beispielsweise um Atome für Untersuchungen aneinanderzufrieren oder um Bioproben von Pflanzen haltbar zu machen", erklärt Bostedt, der an seiner Habilitation schreibt.

Stickstoff kühlt empfindliche Kamera

Denn neben dem "Kochen bei minus 200 Grad" forschen die Physiker vor allem zu hochfrequenter Röntgenstrahlung. Während Bostedt mit Hilfe eines Lasers irgendwann einzelne Biomoleküle abbilden will - und Stickstoff dabei auch zum Kühlen seiner sehr sensiblen Kamera benötigt -, hat Kathrin Lange im benachbarten Labor schon jetzt eine Art "Röntgenblick". Mit Röntgenstrahlen kann sie nämlich unter die oberste Schicht von Kunstwerken und Gemälden blicken und so Fälschungen entlarven oder bei der Rekonstruktion beschädigter Fassaden helfen. Dafür war sie sogar schon im berühmten Pariser Louvre im Einsatz.

Stickstoff ist ebenfalls für die genaue Betrachtung biologischer Proben wichtig. "Wenn man eine Pflanze einfach zerschneidet, zerstört man möglicherweise Mikrostrukturen, die die Untersuchung mit Röntgenstrahlen verfälschen oder ganz unmöglich machen", erklärt die 24-Jährige, die im Physikinstitut derzeit an ihrer Diplomarbeit arbeitet. "Werden sie jedoch durch flüssigen Stickstoff regelrecht schockgefrostet, bleiben sie in ihrer originären Form erhalten."

Vorsicht zerbrechlich: schockgefrostete Rosen

Um das zu demonstrieren, haben die Wissenschaftler noch ein anderes Experiment parat: Sie gießen etwas Stickstoff in ein Thermogefäß und halten eine rote Rose mit der Blüte zuerst hinein. Die warme Blume wirkt in der eiskalten Flüssigkeit wie ein Tauchsieder - der Stickstoff brodelt und blubbert. Als die Rose nach kurzer Zeit wieder herausgenommen wird, ist sie gefroren. Die einzelnen Blätter sind fest konserviert, ähnlich wie Samenzellen in einer Samenbank. Allerdings ist die so schockgefrostete Rose sehr zerbrechlich: Der 35-jährige Bostedt holt mit der Rose in der Hand aus und zerschlägt die Blume auf dem Tisch. Die roten Blütenblätter zersplittern wie eine zarte Weihnachtskugel in Dutzende Teile, zurück bleibt nur der kahle, grüne Stängel.

Ihre "Kochversuche" kommen bei fachfremden Zuschauern so gut an, dass die Physiker nun eine Geschäftsidee haben. "Die Drittmittel für unsere Forschung sind ja immer eher knapp", sagt Bostedt. Er schmunzelt. "Deswegen haben wir uns schon überlegt, unser gekochtes Eis aus dem Labor gewinnbringend in Berlin- Mitte zu verkaufen." Denn: Koch-Eis aus dem Labor kann man essen. Es schmeckt sogar.

Quelle: Aliki Nassoufis, dpa