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Klimawandel nicht zu stoppen Schlimmste Szenarien übertroffen

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Jetzt oder nie... Im Vorfeld des Klimagipfels in Kopenhagen haben Greenpeace-Aktivisten ein Transparent am Berliner Hauptbahnhof angebracht.

(Foto: dpa)

Selbst tiefgreifende Maßnahmen zum Klimaschutz können den bereits begonnenen Klimawandel allenfalls bremsen, aber nicht mehr stoppen. Das ist das Fazit aus einer Zusammenschau verschiedener Fachrichtungen, die das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) im Vorfeld des Klimagipfels in Kopenhagen veröffentlicht hat. Ab Montag beraten Vertreter von mehr als 190 Staaten in der dänischen Hauptstadt über Wege zu einer Begrenzung von Treibhausgas-Emissionen wie Kohlendioxid (CO2). "Selbst wenn wir von heute auf morgen kein CO2 mehr produzieren, wird sich der bisher gemessene Temperaturanstieg auf 1,4 Grad Celsius verdoppeln", sagt der AWI-Klimaexperte Prof. Peter Lemke.

Massive CO2-Produktion seit 200 Jahren

Seit rund 200 Jahren hat der Mensch als Folge der Industrialisierung durch die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas soviel Kohlendioxid wie nie zuvor in die Erdatmosphäre geblasen. In den vergangenen Millionen von Jahren pendelte der CO2-Gehalt in der Luft zwischen 180 und 280 Teilchen pro einer Million Luftmoleküle (ppm): "Derzeit liegt der Gehalt bei 385 ppm", sagt Lemke.

Der Kohlendioxid-Anteil in der Atmosphäre verhindert wie die Glashülle eines Treibhauses, dass die Erde Wärme an das Weltall abstrahlt. Auch bei früheren Wechseln zwischen Kalt- und Warmzeiten stieg der CO2-Gehalt - allerdings nur um rund 100 ppm CO2 und im Verlauf von 20.000 Jahren. "Für diesen Wert hat der Mensch jetzt nur 200 Jahre benötigt", sagt Lemke. "Die Geschwindigkeit kann unser Klimasystem nicht verdauen."

Eisfreier Nordpol in 70 Jahren?

In den Hauptforschungsgebieten des AWI machen sich die Konsequenzen dieser Veränderung besonders drastisch bemerkbar. Am Südpol schmelzen die Gletscher auf der antarktischen Halbinsel ab; rund um den Nordpol geht die arktische Meereisbedeckung immer weiter zurück.

"Seit Beginn der regelmäßigen Satellitenbeobachtung 1978 hat die Eisbedeckung der Arktis im September pro Jahrzehnt durchschnittlich um elf Prozent abgenommen", sagt der Leiter der AWI-Sektion Meereisphysik, Prof. Rüdiger Gerdes. Das Problem: Je mehr Wasser eisfrei ist, desto mehr heizt es sich auf. Zusätzlich verstärkt sich der Effekt der Erderwärmung, weil die dunkle Wasseroberfläche weniger Wärme ins All zurückspiegelt als helles Eis. "Wann wir im Sommer einen eisfreien Nordpol haben, ist schwer abzusehen", meint Gerdes: "Manche unserer Klimamodelle legen nahe, dass das etwa 2080 der Fall sein wird."

In der Arktis wird das Wetter gemacht

Den Hoffnungen, durch ein Zurückweichen des nördlichen Eises neue Schifffahrtswege und gewaltige Rohstoffvorkommen erschließen zu können, setzen die Wissenschaftler konkrete Auswirkungen auf den Alltag entgegen. "Die Polarregionen sind die Wetterküchen des Erdklimas", erläutert AWI-Direktorin Prof. Karin Lochte. Insbesondere in der Arktis werde ein Großteil des Wetters gemacht, das Europa betrifft.

Die Konsequenzen der Erwärmung sind laut Gerdes heute schon zu spüren. Je mehr Eis verschwinde, desto mehr Wärme werde vom Wasser in die Atmosphäre transportiert, verdeutlicht Gerdes: "Dadurch scheinen sich die Luftdruckmuster in der Atmosphäre zu verändern." Als Folge verschiebe sich im Winter das sogenannte Islandtief, das bisher feuchte Luft nach Mitteleuropa brachte, immer weiter nach Osten: "In Zukunft könnten die Winter trockener werden."

Fische schwimmen nach Norden

Der Klimawandel ist zwar ein globales Problem, die Auswirkungen "machen sich aber auch vor unserer Haustür bemerkbar", sagt die für Meeres- und Küstenforschung zuständige Vize-Direktorin des AWI, Prof. Karen Wiltshire. Als Folge der bereits eingetretenen Erderwärmung erhöhte sich die durchschnittliche Wassertemperatur in der Deutschen Bucht seit 1962 um 1,5 Grad. Auf den ersten Blick sind die Symptome des Wandels äußerlich. "Seit dem Winter 1962/63 haben wir vor Helgoland keinen richtigen Eiswinter mehr", sagt die Wissenschaftlerin, die die AWI-Außenstelle auf der roten Felseninsel leitet. Gravierender sind jedoch die Auswirkungen auf den Lebensraum Nordsee.

Aus dem Mittelmeer ist bereits die Streifenbarbe eingewandert. "Es ist zwar ein wohlschmeckender Fisch; aber den Dorsch, unseren klassischen Speisefisch, kann sie wegen geringerer Erträge nicht ersetzen", erklärt Wiltshire. Dem Dorsch oder Kabeljau wird es in der Nordsee nach Angaben der Forscherin jedoch zu warm, deswegen wandere er nach Norden ab.

Unabhängig von den möglichen Ergebnissen des Klimagipfels in Kopenhagen, sieht auch Peter Lemke die Notwendigkeit, Anpassungsstrategien an den Klimawandel zu entwickeln. "Wir werden die Deiche erhöhen und uns gegen Hitzewellen und stärkere Niederschläge wappnen müssen."

Den jährlichen Finanzaufwand für Anpassungsstrategien und zur Vermeidung weiterer Treibhausgas-Emissionen beziffert Lemke allein für Deutschland auf rund 20 Milliarden Euro. "Das klingt nach viel Geld", sagt er: "Aber eine ähnlich hohe Summe geben die Deutschen jährlich für die Müll- und Abwasserbeseitigung aus."

Quelle: n-tv.de, Von Wolfgang Heumer, dpa

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