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50 Jahre Kampf gegen Polio "Schluck-Impfung ist süß"

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Ein Kind in Mumbai bekommt eine Polio-Schluckimpfung. In Deutschland gibt es seit Anfang der 90er Jahre keine neuen Fälle mehr, trotzdem sollten Kinder geimpft werden.

dpa

Kinderlähmung ist grausam: Seit 50 Jahren gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Impfung gegen Polio, in der DDR gab es sie noch eher. Die Krankheit konnte aber bis heute nicht ausgerottet werden.

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Sabine Diedrich, Leiterin des Nationalen Referenzlabors für Poliomyelitis und Enteroviren am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin, rät dringend zur Impfung gegen Kinderlähmung.

(Foto: dpa)

Es hat ganz plötzlich mit hohem Fieber angefangen, dann sind Nackenstarre und Atemlähmungen dazugekommen. Das kleine Mädchen kam in der Uniklinik Erlangen in die sogenannte Eiserne Lunge - eine Druckkammer, die die Beatmung des Patienten übernimmt. "Ich wurde tagelang beatmet, sonst wäre ich gestorben", sagt Carola Hiedl heute über den Ausbruch der Kinderlähmung. Sie war damals, 1952, drei Jahre alt. In der Bundesrepublik Deutschland wurde der erste wirksame Impfstoff gegen die Krankheit erst zehn Jahre später in Bayern verabreicht. Das war vor 50 Jahren am 5. Februar 1962.

Nach dem Ausbruch der Krankheit konnte sich Hiedl kaum noch bewegen. "So kleine Rollstühle gab es nicht, weshalb meine Eltern mich in einem Kinderwagen rumfahren mussten, da haben die Leute natürlich gelacht", erzählt sie.

DDR der BRD einen Schritt voraus

Wenige Jahre danach - im Frühjahr 1957 - spritzten westdeutsche Ärzte einen ersten Polio-Impfstoff. Dessen Wirkung war aber umstritten, wie der "Spiegel" später berichtete. Als in der DDR 1961 die erste Schluckimpfung mit Lebend-Impfstoff eingeführt wurde, waren Experten der Bundesrepublik kritisch. Mehr noch: Die Gesundheitsbehörden waren aufgeschreckt, als sie erfuhren, dass man im Osten "waggonweise" Bonbons mit abgeschwächten Polio-Viren verteilte, heißt es in dem Artikel von 1961.

Anfang Februar 1962 führte Bayern dann als erstes Land der Bundesrepublik den Lebend-Impfstoff ein. Mit den Worten "Der Trunk schmeckt gut" leerte Bayerns Innenminister Alfons Goppel laut "Spiegel" das Zuckerwasser mit den abgeschwächten Viren. Die deutsche Kampagne unter dem Motto "Schluckimpfung ist süß - Kinderlähmung ist grausam" zeigte schnell Wirkung: Waren 1961 nach Angaben des Paul-Ehrlich-Institutes noch mehr als 4600 Menschen erkrankt, waren es 1962 nur etwa 290.

"Welt ohne Polio" noch nicht erreicht

Von da an sanken die Zahlen auch in vielen anderen Ländern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) startete 1988 ein Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung. Doch das Ziel "eine Welt ohne Polio" wurde bislang nicht erreicht. Vor allem Pakistan, Afghanistan und Nigeria bereiten den Experten Sorgen. Aus Indien wurde seit rund einem Jahr kein neuer Fall gemeldet.

Zu einzelnen Ausbrüchen in anderen Ländern kommt es aber immer noch. Schuld sind vor allem zu geringe Impfraten. So gab es laut "Ärzte ohne Grenzen" 2010 in Tadschikistan mehrere hundert Fälle.

Der Lebend-Impfstoff wird in Deutschland seit 1998 nicht mehr eingesetzt. Ärzte spritzen heute den abgetöteten Erreger, da es Einzelfälle gab - bis zu drei im Jahr - bei denen das abgeschwächte Virus zum Ausbruch der Krankheit führte.

Im Ausland ist das anders. "Für Massenimpfungen ist die Spritze schwierig", sagte der medizinische Verantwortliche bei "Ärzte ohne Grenzen", Sebastian Dietrich. Vor allem in Krisengebieten setze man weiter auf die Schluckimpfung. "Die hat die Vorteile, dass sie einfach zu verabreichen ist - auch wenn der Hygienestandard vor Ort nicht so hoch ist. Und man kann die Aktionen im Ausland gut durchführen, weil die Schulung des Personals viel einfacher ist."

Bis heute keine Therapiemöglichkeiten

Eine Therapie gibt es nicht. "Wenn wir Polio diagnostizieren, können wir nur hoffen, dass die Kinderlähmung nicht ausbricht", sagt Dietrich. Denn nicht jeder, der sich mit Polio infiziert, bekommt die Kinderlähmung - das hängt auch von der körpereigenen Abwehr ab.

Die ersten Symptome sind laut RKI-Expertin Diedrich oft schwierig zuzuordnen und grippeähnlich. Nach ein paar Wochen komme es zu einem Fieberschub. "Danach folgt eine Meningitis mit Kopf-, Rücken- und Gliederschmerzen", sagt sie. Weitere Symptome in diesem Stadium: Bewusstseinseintrübung, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Nackenstarre. Einige Tage später setze dann die Lähmung ein.

Carola Hiedl konnte erst ab dem Gymnasium in die Schule gehen - die Volksschule war nicht für Körperbehinderte geeignet. Dennoch schaffte sie das Abitur und studierte Psychologie. Sie appelliert an Eltern, ihre Kinder immunisieren zu lassen: "Mein Leben wäre mit Impfung ein komplett anderes gewesen."

Quelle: n-tv.de, Sophia Weimer, dpa

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