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Kann er Corona-Pandemie beenden? Stunde der Impfstoff-Wahrheit naht

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Noch im Oktober könnte die Welt erfahren, dass ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 wirkt.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Alle Hoffnungen richten sich auf einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2. Ob es jemals einen geben wird, ist bisher unbekannt. Dies allerdings könnte sich bald ändern, denn die heiße Phase der Tests nähert sich für die ersten Kandidaten dem Ende.

Es ist nur noch Formsache, bis es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt - oder? Weltweit wird laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in rund 200 Forschungsprojekten an einem Vakzin gearbeitet, welches das Ende der Pandemie besiegeln soll. Etwa ein Dutzend der Kandidaten haben bereits die letzte und entscheidende Phase der klinischen Studien erreicht. Sie soll endlich Klarheit bringen: Ist die Impfstoff-Hoffnung berechtigt? Schon bald könnte es eine Antwort darauf geben.

Doch an einem Impfstoff zu forschen, ist die eine Sache - einen funktionierenden Impfstoff zu entwickeln, die andere. Dafür genügt ein Blick in die Geschichte: Nachdem der Aids-Erreger HIV entdeckt worden war, äußerte US-Gesundheitsministerin Margaret Heckler im April 1984 die Hoffnung, dass es zwei Jahre später einen Impfstoff geben werde. Dieser ist bis heute nicht in Sicht, obwohl mehr als 400 Impfstoffkandidaten entwickelt wurden. An einem Impfstoff gegen Malaria, Tuberkulose, Hepatitis C und das Dengue-Virus versuchte sich die Forschung ebenfalls vergeblich.

Aber gilt das auch für Sars-CoV-2? Bisher ist die Bilanz gegen Coronaviren enttäuschend. Neben Sars-CoV-2 sind sechs menschliche Viren bekannt, darunter auch die gefährlichen Sars- und Mers-Erreger. Doch gegen diese gibt es bisher keinen Impfstoff, obwohl laut einer Studie an mindestens 16 Impfstoffen gegen Sars und Mers gearbeitet wurde - nur eine Handvoll erreichte die klinische Phase. Zugelassen ist bis heute keiner. Gegenüber dem "Tagesspiegel" äußerte der Virologe Hendrik Streeck die Vermutung, dass es generell "schwieriger" zu sein scheine, "einen Impfstoff gegen ein RNA-Virus, zu denen ja Sars-CoV-2 gehört, zu finden".

Es ist nicht hoffnungslos

Doch das Fehlen von Impfstoffen gegen Sars und Mers bedeutet nicht, dass es hoffnungslos ist. Denn im Fall von Sars etwa spielte eine Rolle, dass ab 2004 keine einzige Neuinfektion mehr auftrat, was die weitere Arbeit an einem Impfstoff überflüssig machte. Auch bei Mers blieben nach Ansicht von Experten vor allem aufgrund der geringen Verbreitung des Erregers größere Anstrengungen zur Impfstoff-Entwicklung aus.

Dennoch wurde zuletzt in Hamburg ein Mers-Impfstoff an Menschen getestet. Die Ergebnisse zur Verträglichkeit und Sicherheit sowie zur Immunantwort wurden von den Forschern als "sehr ermutigend" bezeichnet. Coronaviren sind also vermutlich gar nicht grundsätzlich schwierige Gegner. So haben auch schon zahlreiche Impfstoffkandidaten gegen Sars-CoV-2 bewiesen, dass sie das Immunsystem zu einer Reaktion bewegen können.

Dennoch wird erst die Phase III der klinischen Studien, in der sich mittlerweile ein Dutzend Kandidaten befinden, Gewissheit bringen, ob der Impfstoff tatsächlich vor einer Infektion schützt. In diese Phase werden Tausende oder Zehntausende Menschen einbezogen, die sich in ihrem normalen Alltag mit dem Virus infizieren können. Die Probanden werden in zwei Gruppen unterteilt: Eine erhält den Impfstoff, die andere ein Placebo. Am Ende der Studie wird beim Vergleich beider Gruppen deutlich, ob sich in der geimpften Gruppe im Schnitt weniger oder sogar kein Teilnehmer angesteckt hat. Ein Ergebnis könnte auch sein, dass der Impfstoff, wenn er nicht vollständig schützt, zumindest zu einem milderen Verlauf führt.

Ende Oktober schon Gewissheit?

Schützt der Impfstoff tatsächlich und wird zudem seine Sicherheit nachgewiesen, dann winkt eine Zulassung - in Europa etwa durch die europäische Arzneimittelbehörde EMA. Für den Wirkstoff BNT162b2 des Mainzer Unternehmens Biontech hat der EMA-Zulassungsprozess bereits begonnen. Der Impfstoff wird derzeit bereits während der noch laufenden klinischen Prüfung bewertet. Ende Oktober könnten erste Ergebnisse zur Wirksamkeit vorliegen. Auch der Wirkstoff AZD1222, den der britisch-schwedische Pharmakonzern Astrazeneca zusammen mit der Universität Oxford entwickelt, wird während der entscheidenden klinischen Phase von der EMA geprüft. Ergebnisse seien in den nächsten "Wochen und Monaten" zu erwarten, hieß es von der EMA.

In den USA befindet sich zudem der Impfstoff des Unternehmens Moderna seit Ende Juli in Phase III der klinischen Studien. Die von der US-Arzneimittelbehörde FDA geforderte Nachbeobachtungszeit endet für die allerersten Probanden Ende Oktober. Im November könnte also klar sein, ob der Impfstoff vor dem Virus schützt. Wie Biontech arbeitet auch Moderna an einem sogenannten mRNA-Impfstoff. Bei anderen Impfstoffen in der Phase III - etwa von Johnson & Johnson oder Novavax - wird erste Ende dieses Jahres oder Anfang kommenden Jahres mit Ergebnissen gerechnet.

Noch ist der Erfolg eines Corona-Impfstoffs nicht sicher. Und selbst wenn ein Impfstoff Erfolg hat, könnte es noch eine Weile dauern, bis er der Corona-Pandemie ein Ende setzt. Mitglieder der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts dämpften laut der "FAZ" zuletzt die Erwartungen: In den ersten Monaten nach der Zulassung sei ein Impfstoff nur in begrenzter Menge verfügbar. Zudem würden viele Monate vergehen, bis genügend Bürger geimpft seien, um Maßnahmen wie die Maskenpflicht oder Abstandsregeln aufzuheben. Bis in Deutschland wieder ein normales Leben möglich sein werde, könnten anderthalb bis zwei Jahre vergehen.

Russland und China schon weiter

Manche Länder sind unterdessen schon weiter: Russland hatte mit ersten Impfungen gegen Corona in der Bevölkerung schon begonnen, als die entscheidende Phase-III-Studie für das Präparat "Sputnik V" noch nicht einmal begonnen hatte.

Auch in China werden bereits bestimmte Bevölkerungsgruppen - etwa Militärangehörige und Klinikpersonal - Impfstoff-Kandidaten ausgesetzt, für die die Prüfung in solchen klinischen Studien längst nicht abgeschlossen ist. Inzwischen wurden im Land nach Schätzungen bereits Zehntausende geimpft. Doch auch dort ist noch unklar, ob dies tatsächlich einen Unterschied macht.

Quelle: ntv.de