Buddelei in der SandkisteTeuer und doch lukrativ
Kanada ist reich an Ahornsirup, reich an Wald und reich an Fisch. Außerdem – und das ist weniger bekannt – ist Kanada reich an Ölsand. Und der wird ausgepresst – im großen Stil.
Kanada ist reich an Ahornsirup, reich an Wald und reich an Fisch. Außerdem – und das ist weniger bekannt – ist Kanada reich an Ölsand. Seit einigen Jahren, seitdem die Energiepreise steigen und mit ihnen der Ölpreis, scheint dieser Reichtum von beinahe unschätzbarem Wert. Denn jetzt lohnt es sich offenbar, den Ölsand auszupressen – im großen Stil.
Hilft bei undichten Kanus
Ölsande sind natürlich vorkommende Gemische aus Ton, Sand, Wasser und Kohlenwasserstoffen. Letztere sind als teer- bzw. pechähnliche Masse, dem Bitumen, im Ölsand enthalten. Bei Raumtemperatur ist Bitumen so zähflüssig, dick und klebrig wie etwa kalter Sirup. Indianer benutzten es daher zum Abdichten ihrer Kanus. Heute wird aus Bitumen synthetisches Rohöl hergestellt.
Unter natürlichen Lagerstättenbedingungen ist Bitumen nicht fließfähig. Um in einer Bohrung bzw. durch eine Pipeline fließen zu können, muss es erhitzt oder verdünnt werden. Deshalb wird beim Abbau von Ölsand Wasserdampf in die Lagerstätte eingeleitet. So werden die Kohlenwasserstoffe verflüssigt.
Oberflächennah, von weniger als 75 Metern Sediment bedeckt, können Ölsande im Tagebau abgebaut werden. Das so gewonnene Bitumen muss vom Sand getrennt werden, was in einem Silo geschieht. Dort wird die Mixtur aus Wasser und Ölsand gelagert und mit Trennungsmitteln versetzt. Der schwere Sand sinkt nach unten, während sich der Bitumenschaum oben sammelt.
Dann wird das Bitumen zu synthetischem Rohöl umgewandelt. Dafür sind hohe Temperaturen notwendig sowie die Zugabe von Katalysatoren und Wasserstoff. Schwefel und andere unerwünschte Bestandteile werden entfernt.
Kanada: mehr Ölreserven als Iran
Lagerstätten von Ölsand gibt es auf der ganzen Erde. Die Ölsandgebiete in der kanadischen Provinz Alberta sind bislang die größten Vorkommen überhaupt. Sie umfassen eine Fläche von etwa 140.000 Quadratkilometern und sind damit so groß wie Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Thüringen zusammen. Rund 1,7 Billionen Barrel Öl (ein Barrel entspricht 159 Litern) sollen aus den kanadischen Ölsand-Vorkommen gewonnen werden können. Davon gelten 174 Milliarden Barrel als wirtschaftlich abbaubar. Kanada verfügt damit über die zweitgrößten erschließbaren Ölreserven der Welt. Nur Saudi-Arabien kann mit mehr aufwarten, nämlich mit rund 260 Milliarden Barrel. Kanadas Ressourcen sind so groß, dass sie rund 100 Jahre zur Verfügung stehen. Im Schnitt kann aus zwei Tonnen Ölsand ein Barrel Rohöl gewonnen werden.
Tägliche Ausbeute: 1,1 Millionen Barrel
Zurzeit produzieren internationale Konzerne an mehr als 20 Stellen in Alberta Öl. Sie pressen täglich 1,1 Million Barrel aus dem Sand, bis 2020 soll die tägliche Ausbeute fast vervierfacht werden. Zum Vergleich: Weltweit lag die tägliche Förderung im Jahr 2005 bei 83,3 Millionen Barrel.
Die Ölsandnutzung in Alberta begann bereits 1967, aber erst in den 90er Jahren begann der Boom. Von 1996 bis 2003 investierten die Mineralölkonzerne 18 Milliarden Euro in die kanadische Ölsand-Förderung, bis 2013 sind weitere 40 Milliarden eingeplant. Ende Juli gab der Energiekonzern Shell bekannt, eine Anlage zur Ölsand-Verarbeitung im Volumen von etwa 25 Milliarden US-Dollar (rund 18,2 Milliarden Euro) in Alberta errichten zu wollen.
Lukrativ trotz hoher Kosten
Die Produktionskosten pro Barrel lagen 2003 bei sieben bis neun Euro pro Barrel, 2005 waren es immer noch weniger als 15 Euro. Der Abbau der oberflächennahen Ölsandvorräte ist wirtschaftlich günstiger. Schwere Bagger und Lastwagen können mit einer Fuhre bis zu 400 Tonnen Ölsand transportieren. Für die Produktion in tieferen Schichten, die mittlerweile notwendig geworden ist, sind teurere technische Verfahren notwendig. Auch der Energieverbrauch steigt. Dennoch wird die Rohöl-Gewinnung aus Ölsand vor dem Hintergrund der Kostenexplosion bei Erdöl immer lukrativer.
Umweltschützer sind alarmiert
Der neue Goldrausch hat aber eine dunkle Seite: Von Naturschützern wird der Abbau von Ölsand in Alberta stark kritisiert. Er zerstört Wald, Moore, Flüsse und ganze Landschaften. Außerdem ist die Ölsandindustrie der größte Treibhausgasemittent Kanadas. Sie stößt drei- bis fünfmal mehr CO2 in die Luft als die konventionelle Erdölförderung. Für jedes produzierte Barrel synthetischen Öls werden mehr als 80 Kilogramm Treibhausgase in die Atmosphäre freigegeben.
Hinzu kommt, dass die Rohöl-Gewinnung aus Ölsand viel mehr Energie verbraucht als die Förderung aus herkömmlichen Lagerstätten. Das liegt an dem Wasserdampf, der erzeugt werden muss, um Bitumen zu verflüssigen. Als Brennstoff wird hier vorwiegend Erdgas eingesetzt. Nach einer US-Studie verbraucht die Ölsandindustrie in Kanada täglich so viel Erdgas wie für die Beheizung von vier Millionen US-Haushalten nötig ist. Um die Gas-Reserven zu schonen, steigen die Ölproduzenten teilweise auf die reichlich vorhandene Steinkohle als Brennstoff um. Das wiederum trägt zu einem noch höheren CO2-Ausstoß bei.
So oder so verbraucht das Verfahren große Mengen an Wasser. Um ein Barrel Öl zu gewinnen, sind laut WWF zwei bis viereinhalb Barrel Wasser aus dem Athabasca-Fluss erforderlich. 90 Prozent des Wassers werden recycelt, dennoch droht der Wasserspiegel des Flusses stark zu sinken. Die Wasserentsorgung und mögliche unterirdische Umweltschäden stellen weitere Probleme bei der Rohöl-Gewinnung aus Ölsand dar.
Kyoto-Ziele nicht einzuhalten
Die Ausweitung der Ölsand-Industrie trug maßgeblich dazu bei, dass Kanada das Kyoto-Ziel als unrealistisch aufgegeben hat. Eine Studie, die das britische Tyndall-Zentrum im Auftrag des WWF erstellt hat, zeigt, dass sich die Emissionen aus der Ölsand-Förderung bis 2012 verdoppeln werden und das, obwohl sie doch halbiert werden müssten. Als Kanada 2002 das Kyoto-Protokoll ratifizierte, erklärte es, die Treibhausgasemissionen vor 2012 um sechs Prozent zu verringern. Doch im gleichen Jahr nahm die CO2-Emission Kanadas erst einmal um 24 Prozent zu. Umweltschützer fordern einen vorläufigen Ausbaustopp für die Ölsandindustrie. Sie verlangen Strategien zur Senkung der CO2-Emission. Doch die Provinz Alberta setzt auf Expansion und baut dabei weiterhin auf Sand.