Chance für FrühchenÜberleben mit 360 Gramm
Studien belegen, dass die Überlebenschancen von sehr kleinen Frühgeborenen in Spezialzentren gut sind. Hier gibt es die nötige Technik, Erfahrung und Fachwissen.
Philina kommt mit nur 360 Gramm Körpergewicht zur Welt. Ihre ebenso winzige Schwester Jolien bringt 400 Gramm auf die Waage - so viel wie vier Tafeln Schokolade. Kaum jemand sieht eine Überlebenschance für die Zwillinge, die schon mit 22 Wochen geboren wurden. Einen Monat später haben sie in der Hightech-Frühgeborenen- Intensivstation des Kölner Uniklinikums gut 100 Gramm zugelegt, ihr Zustand ist stabil. "Die beiden sind nicht akut lebensgefährdet, es sind bisher keine Komplikationen aufgetreten", sagt Oberärztin Angela Kribs. Experten betonen, dass mehr Leben gerettet werden könnten, wenn Extrem-Frühchen ausnahmslos von Spezialzentren versorgt würden. Doch werdende Eltern wissen oft nicht von den "Perinatalzentren".
Immer mehr Frühgeburten in Deutschland
In Deutschland gibt es - bei insgesamt sinkender Geburtenrate - immer mehr Frühgeburten, auch weil die Mütter älter werden. Von jährlich rund 60.000 Frühchen kommen 8000 Kinder schon bis zur 29. Woche zur Welt, mit unter 1500 Gramm Körpergewicht, wie Prof. Christian Poets erklärt. "85 Prozent dieser extrem Frühgeborenen überleben. 15 Prozent von ihnen sind behindert oder blind", sagt der Vorsitzende der Fachgesellschaft Neonatologie (Früh- und Neugeborenenmedizin).
"Bei den sehr kleinen Frühgeborenen ist Erfahrung essenziell wichtig. Für diese Hochleistungstätigkeit braucht man nicht nur den Neugeborenen-Spezialisten, sondern zum Kernteam gehört auch ein Kinder-Kardiologe, ein Kinder-Neurologe und Kinder-Chirurg." In den großen Perinatalzentren gebe es deutlich weniger Sterbefälle und seltener schwere Komplikationen wie Hirnblutungen, betont der Tübinger Mediziner. "Jedes fünfte extrem frühgeborene Kind, das heute noch stirbt, könnte leben, wenn es in der richtigen Klinik zur Welt gekommen und richtig versorgt worden wäre." Die Perinatalzentren gibt es inzwischen in allen großen Städten.
In der Kölner Uniklinik kommen jedes Jahr rund 110 Säuglinge mit unter 1500 Gramm Gewicht zur Welt. Die kleine Philina liegt - voll verkabelt - bei ihrer Mutter Stefanie auf der Brust. "Ich komme jeden Tag, um Hautkontakt und Nähe aufzubauen", sagt die Mutter aus dem 60 Kilometer entfernten Gummersbach. "Ich fühle mich gut aufgehoben hier, ich hatte große Sorge, dass meine Kinder nicht überleben, aber sie haben es geschafft." Die beiden sind an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Neben der Atmung werden auch Herzfrequenz, Kreislauf und Sauerstoffsättigung rund um die Uhr gemessen, die Werte am Überwachungsmonitor angezeigt.
Viel Technik und viel Knowhow
"Die Versorgung dieser Kinder erfordert ein hohes Maß an Technik, Knowhow und Erfahrung", erklärt Kribs. Der Regulierung der Körpertemperatur im Brutkasten sei extrem wichtig. "Die Haut ist sehr fragil, es gibt keine Hornhaut - und viel Wärme und Feuchtigkeit gehen verloren." Beatmungsgeräte sind oft unverzichtbar, können aber die Lunge schädigen. "Ist Spontan-Atmung vorhanden, dann lassen wir sie wenn irgend möglich zu und unterstützen nur." Ernährt werden die Winzlinge über eine Sonde, die durch die Nase in den Magen gelegt wird. Zum Team gehören auch Geburtshelfer, Augenärzte und HNO-Spezialisten. Nach dem monatelangen Klinikaufenthalt werden Nachsorge und weitere Begleitung in die Wege geleitet.
Studien belegen klar, dass die Überlebenschancen von sehr unreifen Frühgeborenen von Ausstattung der Intensivstationen und der Kompetenz des Behandlungsteams abhängen. "Viele werdende Eltern steuern aber einfach das nächstgelegene Krankenhaus an, weil sie nicht auf die Spezialzentren und ihre Vorteile hingewiesen werden", beklagt Poets. "Wer aber 80 Kilometer zu Ikea fährt, fährt als Mutter doch auch 80 Kilometer für die optimale Sicherheit des eigenen Kindes."
Die hochriskanten Geburten gebe es aber auch häufig in kleineren Kliniken: In Nordrhein-Westfalen etwa habe die Hälfte der Krankenhäuser nur unter zehn Geburten dieser Art im Jahr. "Das reicht nicht zum Erfahrung sammeln", sagt Poets. Lockend sei die Summe von rund 90.000 Euro, die die Klinik für die Behandlung eines Extremfrühchens erhalte. "Die Summe blendet das Auge, aber diesen hohen Einnahmen stehen auch hohe Ausgaben gegenüber, finanziell lohnt das nicht."
Sehr wichtig ist die Einbindung von Eltern und Familien vom ersten Tag an. Neonatologin Kribs: "Eltern müssen schnellstmöglich an die Versorgung herangeführt werden, müssen sich kompetent fühlen, und ihnen muss aus dem psychischen Stress herausgeholfen werden." Bei den Eltern von Philina und Jolien klappte das vorbildlich. Und die Prognose für die Zwillinge klingt fast wie ein Wunder. Kribs: "Sie werden sicher immer etwas kleiner bleiben, aber sie werden sich ordentlich entwickeln."
Yuriko Wahl, dpa