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On-Off-Beziehungen Vom Partner hin und weg. Und hin.

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On-Off-Beziehungen sind oft besonders intensiv und explosiv - in guten wie in schlechten Phasen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sie lieben sich. Nicht. Doch. Nicht. Oder? Solche Beziehungen kennen wir aus der Welt der Stars und Sternchen ebenso wie aus dem normalen Alltag. Paartherapeut Roland Weber erklärt bei n-tv.de, was hinter der Gummi-Dynamik steckt, wieso On-Off-Beziehungen großes Kino sind und warum die sexuelle Revolution nur das Vorspiel war.

n-tv.de: Herr Weber, wie kommt es zu On-Off-Beziehungen? Die Beteiligten kennen sich doch irgendwann so gut, dass sie genau wissen, worauf sie sich einlassen. Warum kommt es dann immer wieder zur Trennung?

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Wir kennen viele prominente Beispiele. (Lothar Matthäus und Liliana: zusammen, getrennt, geflirtet, getrennt, zusammen, geschieden, ...)

(Foto: picture alliance / dpa)

Roland Weber: Zur Sehnsucht nach Nähe gesellt sich in solchen Beziehungen die Angst vor Nähe, zur Sehnsucht nach Geborgenheit die Angst vor Unterwerfung. Das führt dann zu dieser Gummi-Dynamik. Es gibt unterschiedliche Bindungsstile, so zum Beispiel die sichere Bindung, aber eben auch die ängstlich vermeidende und ängstlich distanzierte. Menschen mit diesem Bindungsstil gehen aus einer Beziehung raus, sobald sie zu nah wird. Trotzdem haben sie aber ein Bedürfnis nach großer Nähe. Oft spielen auch Verlassenheitsängste eine Rolle. Deswegen kehren sie dann wieder zurück in die Beziehung. Es gibt auch Menschen, die abhängige Beziehungen eingehen. Die bekommen Angst vor der Abhängigkeit, sind aber zu abhängig, um sich zu trennen. Die Ambivalenz bringt sie immer wieder zusammen. Die bringt sie hin und wieder weg.

Kommen sich die Partner wenigstens mit jeder Runde ein Stück näher?

Nein. Das Muster ist immer das gleiche: Annäherung-gute Phase-Spannungen-Eskalation-Beziehungsabbruch-Funkstille-Versöhnung-Intensivierung der Beziehung-Abflauen der Gefühle-ansteigende Spannung usw. Aber die Partner wollen nicht einfach wiederholen. Sie suchen eine Lösung.

Haben On-Off-Beziehungen auch etwas Positives?

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"On-Off-Beziehungen sind ein Modethema." (Jude Law und Sienna Miller sind zurzeit getrennt. Mal wieder.)

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Ich kenne ein Paar, das seit zwei Jahren zusammen ist, und innerhalb dieser Zeit hat sich der Mann 20 Mal getrennt. Und zwar jedes Mal an dem Punkt, an dem er das Gefühl hatte, dass er für seine Partnerin nicht so wichtig ist, wie er seiner Meinung nach sein müsste. Manche Psychologen bezeichnen das als Narzissmus. In einer narzisstischen Beziehung geht es gar nicht um den anderen und um die Liebe, sondern um Selbstbespiegelung. Der Mann in meinem Beispiel sagt von sich, dass er die Frau so sehr liebt, dass er ständig an sie denkt und sie sofort heiraten würde. Die Frau ist da aber nicht ganz so gestrickt. Das erlebt der Mann als Kränkung. Aber er kann auch nicht endgültig gehen, denn er liebt die Frau ja so stark. Zwei Jahre lang waren hier intensive Emotionen im Spiel: Man kommt sich näher, dann wird's plötzlich ernst, dann wird es hochexplosiv, dann entschuldigt sich der Mann vielmals und die Frau verzeiht ihm großherzig. Das ist großes Kino ... Diese dramatischen Beziehungen sind anstrengend, aber sie sind auch etwas Besonderes. Dieses Paar hat eine unwahrscheinliche Nähe: Als sie in meine Praxis kamen, haben sie ihre Stühle ganz nah aneinander gerückt. Als wollten sie sich vor einer Prüfung gegenseitig Mut zusprechen. Es gibt Menschen, die lieben die Liebe als Dauerdrama, in dem man nicht wirklich glücklich sein kann.

Eine stabile, weniger dramatische Beziehung ist also gar nicht unbedingt das Ziel?

Nein. Denn das wäre dann auch ein gefühlter Verlust. Insbesondere für Menschen, die über ihre Eltern oder Vorbilder gelernt haben, dass Liebe tragisch oder stets mit starken Emotionen besetzt ist. Diese Menschen haben dann natürlich Angst, dass ihnen etwas genommen wird. Mit einer stabilen Beziehung verbinden sie womöglich einen schnöden Alltag, in dem man zusammen vor dem Fernsehen hockt. Es gibt aber auch andere, die wirklich leiden, sobald sie erkannt haben, dass sie eine innere Ambivalenz haben in Bezug auf Beziehungen und Nähe und Distanz. Bei denen gibt es dann in einer solchen Beziehung keinen Spaßfaktor mehr.

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Dr. Roland Weber ist seit mehr als 25 Jahren Paar- und Familientherapeut. Er hat eine Praxis in Ammerbruch und leitet eine psychologische Beratungsstelle in Stuttgart.

Wie kommen diese Menschen dann da raus?

Ohne Therapie erreicht die Beziehung häufig den Punkt, an dem einer von beiden aus dem ernsten Spiel aussteigt, weil die Selbstachtung dann so in Mitleidenschaft gezogen ist, dass man nicht mehr in den Spiegel schauen mag. Bei dem Paar, von dem ich erzählt habe, passiert jetzt, nach zwei Jahren, etwas Interessantes: Die Frau hat bisher immer mitgespielt, sie hat sich immer wieder versöhnt. Die letzte Trennung hat bei ihr aber eine Grenze überschritten, und das hat dazu geführt, dass sie in Paartherapie kamen. Der Partner, der so eine obsessionelle, bedrängende Liebe hat, wird natürlich immer aggressiver, weil er Angst hat, dass ihm der andere doch davonläuft. Das führte zu schlimmeren Auseinandersetzungen, und so passierte bei der Frau nun etwas, was wir häufiger erleben: Nicht mehr Versöhnung, sondern Stolz und Selbstachtung kommen nun ins Spiel, die Frage "Was lasse ich da eigentlich mit mir machen?" Jetzt hat sie die Reißleine gezogen. Die beiden sind jetzt räumlich getrennt, und sie fordert nun eine Klärung per Therapie.

Siegt die Selbstachtung dann über eine Abhängigkeit?

Das ist offen. Aber das ist zumindest der Motivationsfaktor. Von da geht die Reise los. Wenn das Bindungsverhalten sehr instabil und ambivalent ist, hilft eine Einzeltherapie. Es geht um die Nachreifung des einzelnen Partners, damit sich das Muster überhaupt irgendwie auflöst.

Wie kommt es zu den Bindungsängsten?

Bindungsstile entwickeln sich in den ersten Lebensjahren durch die Hauptbezugspersonen. Darauf satteln sich dann weitere Erfahrungen im Laufe des Lebens. Die Bindungsstile sind veränderbar, aber nur mit Anstrengung. Sie sind relativ stabil.

Heißt das, wer einmal eine On-Off-Beziehung hatte, wird sie immer wieder haben?

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"Das ist großes Kino."

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Zumindest holt einen das alte Muster immer wieder ein. Es gibt Chancen auf Veränderung, sonst würde man solche Therapien gar nicht machen. Aber das geht nicht mit links. Das ist wirklich Arbeit. Da geht es um die Korrektur von Erfahrungen. Da muss man sich mit Ängsten auseinandersetzen. Eine Gruppentherapie ist da eine gute Möglichkeit, denn in der Gruppe spulen sich die Muster – hin und her und raus und rein – dann auch ab.

Es liegt also nicht an der Partnerwahl?

Selbst wenn man für die nächste Beziehung eine Gegenwahl trifft – "Ich bin näheambivalent, also suche ich mir jetzt mal einen Partner, der extrem distanziert ist, damit ich erst gar nicht in die Versuchung komme, eine sehr nahe Beziehung einzugehen" –, funktioniert das meist nicht. Denn die andere Seite, das starke Bedürfnis nach Nähe und Abhängigkeit, kommt dann gar nicht zum Tragen. Die Lösung liegt da also tatsächlich nicht in einer anderen Partnerwahl, sondern in korrigierenden Erfahrungen. Die können einem dann helfen, eine Balance zu finden zwischen den widerstreitenden Gefühlen.

Sind On-Off-Beziehungen ein neues Phänomen? Sind sie eine Begleiterscheinung des aktuellen Lebensstils? Werden sie immer häufiger?

On-Off-Beziehungen sind ein Modethema. Ich glaube, dass sie vor allem als Pressethema eine große Rolle spielen, insbesondere im Bereich von Promis, Stars und Sternchen. Was wir da lesen, ist aber nicht repräsentativ. Wir dürfen keine neue Schublade aufmachen, nach der On-Off-Beziehungen weltweit zunehmen.

Welche Beziehungstrends sind denn aktuell erkennbar?

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Erst Bronze, dann Silber, dann Scheidung?

(Foto: Pixelio / Margot Kessler)

Aus seriösen Studien geht hervor, dass es insgesamt mehr Trennungen gibt. Zum Beispiel trennen sich immer mehr Paare auch nach 20 oder 25 Jahren. Dass eine Beziehung nach der Silberhochzeit bis zum Lebensende hält, ist nicht mehr garantiert. Die Gründe dafür sind nicht nur psychologischer Natur. Sie haben auch mit der Altersentwicklung zu tun: Paare haben heute nach der Elternschaft noch eine lange Gefährtenschaft, und das wirft ganz neue Fragen und Themen des Zusammenbleibens auf. Insgesamt gibt es in allen Generationen häufiger ein Lieben in Folge – statt der einen großen Liebe. Und doch steht das Ideal der dauerhaften Beziehung nach wie vor sehr hoch im Kurs, und zwar über alle Generationen hinweg. Wunsch und Wirklichkeit fallen aber immer weiter auseinander. Nach der Studie befinden sich die Beziehungsbiografien in einem massiven sozialen Wandel, der in seinen Folgen weitreichender ist als die sexuelle Revolution.

Mit Roland Weber sprach Andrea Schorsch

Roland Weber hat mehrere Bücher verfasst. Der jüngste Titel erschien im August 2010 und ist im n-tv Shop erhältlich: Gehen oder bleiben? Entscheidungshilfe für Paare

Quelle: ntv.de

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