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Kampagne mit SprengkraftWalkopf explodiert

04.10.2010, 10:42 Uhr
imageVon Andrea Schorsch
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Schweinskopfwale sind die einzigen bei uns heimischen Wale. (Foto: WDCS / Jens Kramer)

Für eine Kampagne gegen den Lärm in den Weltmeeren greift die Walschutzorganisation WDCS zu drastischen Maßnahmen: Die Tierschützer lassen den Kopf eines Schweinswals explodieren. "Uns platzt der Schädel!", lautet die Botschaft.

Früher war es stiller im Ozean. Wenn heute Windkraftanlagen im Meer errichtet werden, rammen riesige Hämmer die Pfähle in den Boden. Das hat eine Begleiterscheinung: Lärm. Die Sonarsysteme, die das Militär nutzt, um sich per Schall unter Wasser zu orientieren und um andere Schiffe, Minen und U-Boote in großer Entfernung zu orten, werden immer leistungsstärker. Begleiterscheinung: Lärm. Die Schifffahrt wird in den Weltmeeren immer aktiver. Auch hier heißt die Begleiterscheinung Lärm. Und die Verfahren, mit denen nach Erdöl- und Erdgasquellen im Meer gefahndet wird, haben ebenfalls eine Nebenwirkung: Lärm.

"Uns platzt der Schädel"

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Szene aus dem Video. (Foto: WDCS / Jens Kramer)

Für Meeresbewohner, die sich mithilfe von Schall orientieren, verständigen und Nahrung suchen, ist der zunehmende Krach in den Ozeanen ein mitunter todbringendes Problem. Um darauf aufmerksam zu machen und vor allem, um Änderungen herbeizuführen, greift die Walschutzorganisation WDCS nun zu drastischen Maßnahmen: In einem einminütigen Video sprengen die Tierschützer den Kopf eines Schweinswals. "Uns platzt der Schädel" lautet die Botschaft, die der Clip transportieren soll. "Wir wollen signalisieren: Es reicht jetzt einfach!", sagt Nicolas Entrup, Geschäftsführer der WDCS Deutschland, gegenüber n-tv.de. Entrup bezieht sich dabei nicht zuletzt auf die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: "Monatelang wurde die Öffentlichkeit frustriert, wir mussten dabei zusehen, wie dieses Bohrloch tagein, tagaus nicht geschlossen wurde. Und was ist das Fazit? Der verantwortungslose Umgang der Ölindustrie mit den Weltmeeren setzt sich fort: Trotz der Katastrophe werden weitere Ölfelder erschlossen, auch in der Tiefsee und sogar in der schmelzenden Arktis. Und selbst in einem Delfinschutzgebiet in der Nordsee werden jetzt seismische Untersuchungen durchgeführt."

Die Seismik ist es, die über Erdöl- und Erdgasquellen im Meeresboden Auskunft gibt. Sogenannte "Airguns" (Luftkanonen) erzeugen dabei direkt unter der Wasseroberfläche Explosionen, die den Hauptschall gen Meeresboden richten. Der Schall durchquert das Wasser, geht in den Boden, kommt als Echo zurück und wird von kilometerlangen Unterwasser-Mikrophonen aufgezeichnet. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse über die Beschaffenheit des Bodens und seiner Schichten zu. Der Lärm, der dabei entsteht, beträgt bis zu 260 Dezibel. Der Schalldruck im Wasser ist dann, so hat es die WDCS errechnet, mehr als 10.000 Mal so groß wie der eines Presslufthammers in einem Meter Abstand. Hinzu kommt, dass sich Schall im Wasser fünfmal so schnell ausbreitet wie an Land.

Wale brauchen gute Ohren

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Der Clip soll provozieren und Fragen aufwerfen. (Foto: WDCS / Jens Kramer)

Wie sich der Lärm auf die Wale auswirkt, erklärt Karsten Brensing, Meeresbiologe bei der WDCS, im Interview mit n-tv.de folgendermaßen: "Es besteht zum einen die Gefahr der sogenannten Maskierung. Wenn ein Geräusch lauter ist als die Kommunikation unter den Walen, nennt man das Maskierung. Die Tiere können sich dann nicht mehr untereinander verständigen und verlieren die Orientierung. Weitaus schlimmer ist aber, dass es durch Rammarbeiten an Windkraftanlagen und durch 'Airguns' zu Gehörschäden bei Walen kommen kann. Und wenn Wale und Delfine nichts mehr hören, ist das für sie das Ende vom Lied…" Während für den Menschen der Sehsinn der primäre Orientierungssinn ist, erfolgen die Sinneswahrnehmungen bei Walen, wie Brensing ausführt, zu 80 bis 90 Prozent akustisch. "Ist das Gehör der Tiere nicht mehr intakt, ist für sie alles vorbei: Dann gibt es keine Nahrungssuche mehr, keine Orientierung mehr und keine Kommunikation mehr mit den Artgenossen", resümiert der Bioakustiker.

Walstrandungen
Im März 2009 strandeten fast 200 Wale und zahlreiche Delfine an der tasmanischen Küste. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Die zahlreichen Walstrandungen in den vergangenen Monaten und Jahren allerdings führt Brensing auf einen anderen Zusammenhang zurück: "Lärm graduiert man. Es gibt die direkte physische Schädigung, es gibt die Gehörschädigung, es gibt eine zeitweilige Gehörschädigung, es gibt die schon erwähnte Maskierung, und es gibt Verhaltensreaktionen. Wer einen Presslufthammer hört und auf der Straße einen Bogen darum macht, der zeigt eine Verhaltensreaktion. Die meisten Walstrandungen, die wir kennen, sind Verhaltensreaktionen auf Lärm. Die Tiere werden durch militärische Sonare aufgescheucht, sie schwimmen in Panik hoch und bekommen dann die Taucherkrankheit. Es bilden sich kleine Stickstoffgasbläschen im Blut, die letztlich zum Zerplatzen des Tieres führen. Wenn diese schwer geschädigten Tiere dann noch die Kraft haben, an Land zu schwimmen, kommt es zu den Strandungen, die wir kennen."

Es gibt Alternativen

Einen Ausweg aus der Lärmverschmutzung der Meere sieht die WDCS unter anderem in alternativen technologischen Verfahren. Die Pfähle von Windkraftanlagen könnten, so Brensing, beispielsweise in den Boden gebohrt werden. "Das ist immer noch laut", sagt der Meeresbiologe, "aber nicht so laut, dass es die Ohren der Wale kaputt machen könnte." Außerdem wäre es möglich, die Pfähle an großen Ankern aufzuhängen, die in den Boden gespült werden. "Gerade bei einer grünen Energie", meint Brensing, " geht es doch darum, dass sie auch grün gebaut wird. Wer hat Interesse daran, grüne Energie zu kaufen, wenn dadurch Wale in den eigenen Gewässern gefährdet werden?" Auch auf die "Airguns" ließe sich seiner Ansicht nach verzichten. Sie könnten durch Verfahren abgelöst werden, die die Energie nicht im Wasser, sondern direkt auf dem Boden erzeugen. Und die Schiffe müssten eben so konstruiert werden, dass sie leiser fahren.

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Nicolas Entrup ist Deutschland-Chef der WDCS (Whale and Dolphin Conservation Society). (Foto: WDCS)

Der Schweinswal, den die WDCS für ihre Kampagne explodieren ließ, war übrigens bereits vor dem Video-Dreh tot. "Das Tier stammt aus der Fischerei, es ist ein Beifang, das heißt, einer von vielen tausend Walen, die jedes Jahr in der Nordsee getötet werden", betont Entrup. Er hofft, mit dem bewusst provokanten Video die Öffentlichkeit und darüber auch Politik und Industrie wachzurütteln. "Nichts, keine einzige sinnhafte Regelung ist in den letzten Jahren für die Wale getroffen worden", so der Kampagnenleiter. "Jetzt kann uns nur eines weiterbringen", sagt er abschließend. "Die Diskussion."